Kommentar

Das IOC ist der größte Verlierer

Das IOC hatte die Chance, sich zu profilieren, reagierte aber viel zu spät auf die Entwicklungen der Krise, meint Marcel Stein.

Die Olympischen Spiele in Tokio sind um etwa ein Jahr verschoben worden.

Die Olympischen Spiele in Tokio sind um etwa ein Jahr verschoben worden.

Foto: - / dpa

Am Ende kam es noch zu ein paar kleinen Problemen mit der Deutungshoheit. Wer denn nun wessen Vorschlag gefolgt sei, ob Japan die Verlegung der Olympischen Spiele 2020 in Tokio wünschte oder das Internationale Olympische Komitee (IOC), wurde unterschiedlich dargelegt. Für die Athleten spielte das letztlich keinerlei Rolle, Erleichterung sprach aus nahezu allen Kommentaren. Endlich steht fest, dass das größte Sportfest der Welt wegen der Corona-Krise nicht wie geplant stattfinden kann und erst im nächsten Jahr ausgetragen wird.

Damit sind die Sportler von einem wochenlangen Zwiespalt erlöst. Sie müssen nicht mehr hin- und hergerissen sein zwischen Pflichtgefühlen, Träumen und Gewissensbissen. Sie müssen sich nicht mehr auf etwas vorbereiten, von dem sie nicht wissen, ob es überhaupt stattfindet. Es wird zwar sicher einige Athleten geben, denen die Entscheidung noch zu früh kam, die vielleicht ihre Karriere nicht einfach so um ein Jahr fortsetzen können oder wollen. Doch im Sinne der Gesundheit aller blieb einfach kein Spielraum für einen anderen Entschluss.

IOC-Präsident Bach macht keine gute Figur

Dass er nach der Ankündigung des IOC vom Sonntag, sich binnen vier Wochen zu entscheiden, nun so schnell kam, lässt eindeutig auf die Initiative der japanischen Ausrichter schließen. Dieses Ansinnen betonte Ministerpräsident Shinzo Abe auch. Es passt in das Bild, das das IOC und sein Präsident Thomas Bach in den vergangenen Wochen abgegeben haben. Erst stur beharrend auf dem Termin 2020, dann zögerlich. Ringsherum erkannten alle die neue Realität, nur die höchsten Herren des Sports verweigerten sich dieser.

Wie so oft, wenn es um die Belange der Athleten ging, standen finanzielle Aspekte im Vordergrund. Das IOC hatte die Chance, in dieser Krise an Glaubwürdigkeit zu gewinnen, das Profil zu schärfen, Vorurteile zu widerlegen. Stattdessen wurden alle Klischees erfüllt. Erst der Druck einer immer größeren Anzahl von Athleten, von Verbänden, von Nationen und letztlich von Ausrichter Japan selbst führte eine schnellere Entscheidung herbei. Das IOC und Bach haben im Prinzip ihre Handlungsunfähigkeit bewiesen, weil die Führungsriege nicht bereit war, selbst den Ernst der Lage wahrzunehmen und entsprechend zu bewerten.

Das haben nun andere übernommen. Dem IOC blieb nichts weiter übrig, als einer Verschiebung zuzustimmen. Damit stehen Thomas Bach und seine Funktionäre trotz der richtigen Entscheidung wie die Verlierer dieser turbulenten Wochen da.