Corona-Krise

Jetzt gerät auch Olympia ins Wanken

Die Kritik an der Sturheit des IOC nimmt zu, sogar aus den eigenen Reihen. Doch Präsident Bach will die Spiele nicht verlegen.

Thomas Bach muss sich immer schärfere Kritik anhören.

Thomas Bach muss sich immer schärfere Kritik anhören.

Foto: Jean-Christophe Bott / dpa

Berlin. Fußball-Funktionäre haben Europameisterschaft und Vereins-WM verlegt. Tennis-Funktionäre trauen sich an French Open und US Open heran, Radsport-Funktionäre an den Giro d’Italia. Der Motorsport-Weltverband Fia hat die Formel-1-Rennen der neuen Saison auf Monate hin abgesagt. Von den vielen nationalen Ligen oder Veranstaltungen, die abgebrochen, verlegt oder ausgesetzt wurden, ganz zu schweigen. Doch eine Organisation bleibt sich auch in der Corona-Krise treu: das Internationale Olympische Komitee (IOC).

Bach hält unbeirrbar am Terminplan fest

Gebetsmühlenartig wiederholt Präsident Thomas Bach, dass er nicht daran denke, die Olympischen Spiele vom 24. Juli bis zum 9. August in Tokio zu verschieben. Unbeirrt hält er bisher am Fahrplan fest. „Mehr als vier Monate vor den Spielen sind derzeit keine einschneidenden Entscheidungen zu treffen“, beharrt das IOC. Oder ist darin schon ein vorsichtiges Einlenken zu erkennen?

Mehr und mehr sehen sich der Präsident und seine Gefolgsleute öffentlicher Kritik ausgesetzt, die sogar aus den eigenen Reihen kommt. Als „unsensibel und verantwortungslos“ bezeichnete es IOC-Mitglied Hayley Wickenheiser, dass in einer Sitzung am Dienstag eine Verschiebung oder Verlegung des größten Sportereignisses der Welt nicht intensiver erörtert worden sei. „Diese Krise ist größer als Olympia“, sagte die IOC-Athletensprecherin aus Kanada.

Kritik am IOC aus den eigenen Reihen

Niemand könne derzeit vorhersagen, ob die Olympischen Spiele stattfinden können oder nicht. „Und das ist mein Punkt“, sagte die Eishockey-Olympiasiegerin, „mit Sicherheit zu sagen, dass sie weitermachen werden, ist gegenüber den Athleten und der Weltbevölkerung nicht gerecht.“

Konkreter und heftiger hört sich die Kritik vieler Sportler an. „Das ist eine unverständliche Hinhaltetaktik vom IOC und den Japanern“, sagte die weltbeste Reiterin Isabell Werth. „Sie sollten sich am Fußball und an der Formel 1 ein Beispiel nehmen und jetzt sagen: Olympia im Juli wird nichts“, meinte die sechsmalige Dressur-Olympiasiegerin. Ähnlich sieht das Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler, der darauf hinwies, dass das Training von Land zu Land längst anders aussehe und keine Chancengleichheit mehr gewahrt ist. „Deshalb würde ich mich über eine Verschiebung der Olympischen Spiele freuen, um die Ausgangslage für alle auf null zu setzen“, sagte Röhler dem Portal „Sportbuzzer“.

Am schärfsten ist die Kritik von Clemens Prokop

Stabhochsprung-Olympiasiegerin Katerina Stefanidi ging mit dem IOC ebenfalls hart ins Gericht. „Das IOC möchte, dass wir weiterhin unsere Gesundheit, die Gesundheit unserer Familien und die öffentliche Gesundheit aufs Spiel setzen“, schrieb die Griechin bei Twitter und wies auf die Ansteckungsgefahr hin, die durch den Alltag im Training gegeben sei. Deutlich moderater fiel die Reaktion von Säbelfechter Max Hartung aus. Der Präsident der Vereinigung Athleten Deutschland, der sonst für seine kritischen Worte bekannt ist, setzt weiter auf Olympia im Sommer. „Heute kann niemand sagen, was im Juli sein wird. Wir Athleten hoffen, in Tokio antreten zu können“, sagte Hartung im Interview mit Funke Sport.

Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), unterstützt die Haltung des IOC. Es habe in der Sitzung mit den europäischen Nationalen Olympischen Komitees am Mittwoch zu den Auswirkungen der Coronakrise „darauf hingewiesen, dass noch ein paar Wochen Zeit sind“. Dagegen sagte Clemens Prokop, Ex-Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, in der „Stuttgarter Zeitung“: „Ich halte Thomas Bach als Krisenmanager für ungeeignet, weil er nicht die erforderlichen Entscheidungen trifft. Das IOC betreibt das Gegenteil von einem verantwortungsvollen Krisenmanagement. Es ist einfach nur dumm, so zu tun, als ob sich die Corona-Krise in den nächsten vier Monaten weltweit erledigt haben könnte.“

IOC setzt auf Solidarität – der Athleten

Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes ITTF und in dieser Funktion auch bei der Sitzung der Fachverbände mit dem IOC vertreten, kann die Kritik der Athleten nachvollziehen, dennoch ist Weikert gegen einen Abbruch. „Dafür ist es wirklich noch zu früh. Wir brauchen jetzt noch keinen Plan B“, sagte der Limburger. Er begrüßte den Kurs von Bach, zumal das IOC Eingeständnisse für die Qualifikation machte. Da derzeit keine Wettkämpfe bestritten werden können, müssten die Verbände ihre Athleten am Ende verstärkt über die Bestenliste für Olympia nominieren. „Und da machte das IOC Zugeständnisse. Um Streitfälle zu vermeiden, können wir mehr Plätze in Anspruch nehmen“, erklärte Weikert.

Das IOC räumte ein, dass es am Dienstag keine „ideale Lösung“ gegeben habe. Man sei aber in dieser schwierigen Situation auf das Verständnis aller angewiesen: „Deshalb setzen wir auf die Verantwortung und Solidarität der Athleten.“

Qualifikations-Wettbewerbe: So sind die Pläne

Selbst wenn der Olympia-Eröffnungstermin zu halten ist, gibt es Probleme. Denn die meisten Qualifikations-Wettbewerbe sind derzeit abgesagt oder verschoben. Erst 55 Prozent der Athleten haben ihr Tokio-Ticket sicher, wie Bach zuletzt durchblicken ließ. Das IOC will daher Härtefall-Regeln zulassen.

  • LEICHTATHLETIK: Die Straßenläufer haben aktuell die größten Probleme in der Olympia-Qualifikation. Fast alle relevanten Marathons sind abgesagt worden. Qualifikationsschluss für die Marathonläufer und Geher ist bereits der 31. Mai. Für die im Stadion kämpfenden Leichtathleten sind die deutschen Meisterschaften am 6./7. Juni in Braunschweig - abgesehen von einigen Ausnahmen - die ultimative Möglichkeit, noch ein Olympia-Ticket zu holen.
  • HANDBALL: Die Olympia-Qualifikationsturniere wurden vom Weltverband IHF in den Juni verschoben. Sechs der insgesamt zwölf Teilnehmer des olympischen Handball-Turniers sollen über diese Turniere ermittelt werden. Auch die deutsche Nationalmannschaft will sich darüber ein Ticket sichern. Ursprünglich hätten ihre Qualifikationsspiele gegen Schweden, Slowenien und Algerien vom 17. bis 19. April in Berlin stattgefunden. Die ersten beiden Teams schaffen es zu den Spielen in Tokio.
  • BASKETBALL: Der Abschluss der Olympia-Qualifikation für das deutsche Team soll vom 23. bis 28. Juni in Split steigen. In einem von insgesamt vier Turnieren geht es noch um die letzte Chance für das Tokio-Ticket. Ein Qualifikationsturnier für die deutschen 3x3-Basketballerinnen sollte ursprünglich vom 18. bis 22. März im indischen Bengaluru stattfinden, musste aber verschoben werden. Einen neuen Termin gibt es bisher noch nicht.
  • BOXEN: Die europäische Olympia-Qualifikation ist am Dienstag in London abgebrochen worden. In derselben Mitteilung wurde auch die für Mai geplante globale Qualifikation in Paris gecancelt. Völlig unklar ist, wie es weitergehen soll. Das spätmöglichste Zeitfenster für die Welt-Qualifikation wäre vom 11. bis 22. Juni. "Allerdings muss sich da ein Land finden, dass das ausrichtet", sagte Sportdirektor Michael Müller. Bisher hat ein deutscher Boxer das Tokio-Ticket.
  • HOCKEY: Die Qualifikation für Männer und Frauen sind bereits im November 2019 mit den letzten Playoff-Spielen abgeschlossen worden. Die beiden 12er-Felder stehen fest. Die deutschen Teams sind dabei.
  • RADSPORT: Große Probleme gibt es nicht. Bei den Straßen-Wettbewerben haben die Länder Quotenplätze, über die sie selbst entscheiden können. Auf der Bahn ist bereits alles geregelt, Ende Februar wurden bei den Weltmeisterschaften in Berlin die letzten Plätze vergeben. Ein wenig komplizierter könnte es in den BMX-Wettbewerben ablaufen, wo noch wichtige Turniere (WM und World Series) anstehen.
  • RINGEN: Gerade mal die Hälfte der Olympia-Starter haben ihr Ticket für Tokio sicher, kontinentale Qualifikationsturniere wie jenes für Europa mit den deutschen Startern stand an diesem Wochenende an. Es wurde ebenso abgesagt wie das letzte weltweite Quali-Turnier Ende April. Neue Termine für die Events gibt es bislang nicht.
  • RUDERN: Erst sechs deutsche Boote wären sicher in Tokio dabei. Wie die Qualifikation für die restlichen acht Boote erfolgen soll, bleibt vorerst unklar. So wurde die für Mitte Mai in Luzern geplante kontinentale Qualifikationsregatta abgesagt. Weil auch alle drei Weltcups ausfallen, wird auch die Vorbereitung der bereits qualifizierten Boote massiv gestört. Für den Deutschland-Achter wäre die EM in Posen vom 5. bis 7. Juni nach aktuellem Stand der einzige verbliebene Wettkampf vor der olympischen Regatta.
  • SPORTKLETTERN: Die letzten europäischen Startplätze für die Sportart-Premiere in Tokio werden bei der EM vergeben. Diese hätte in diesen Tagen in Moskau stattfinden sollen. Sie wurde vorerst auf 15. bis 22. Juni verschoben.
  • TENNIS: Die Startplätze für Olympia werden nach strengen Kriterien pro Nation vergeben. Neben der Position in der Weltrangliste sind auch Einsätze im Davis Cup und Fed Cup Voraussetzungen. Da bei den Damen die Final-Woche im Fed Cup Mitte April abgesagt wurde, kommt Angelique Kerber beispielsweise nicht auf den eigentlich benötigten Einsatz. Der Weltverband arbeite "eng mit dem IOC zusammen, um Auswirkungen auf die Sommerspiele in Tokio zu erörtern", hieß es zuletzt vom Weltverband. "Man wird keinen Spieler bestrafen oder ausschließen. Es wäre ja lächerlich, wenn Angelique Kerber zum Beispiel nicht mitspielen könnte, weil sie nicht an einem Fed-Cup-Spiel teilgenommen hat, das es gar nicht gab", sagte Verbands-Vize Dirk Hordorff dem Portal "tennisnet.com"
  • TURNEN: Für die deutschen Turnerinnen und Turner stehen zwei offizielle Olympia-Qualifikationswettkämpfe an: Am 6./7. Juni im Rahmen in Oberhausen und am 20. Juni in Frankfurt/Main soll ermittelt werden, welche je vier Turnerinnen und Turner den Sprung in die deutschen Riegen für Tokio schaffen. Sowohl die Frauen als auch die Männer lösten mit der Mannschaft bei der WM in Stuttgart das Olympia-Ticket. Notfalls könnten die internen Olympia-Ausscheidungen ohne Zuschauer stattfinden. Der am kommenden Wochenende (20.-22. März) geplante DTB-Pokal in Stuttgart ist ebenso wie die Europameisterschaften abgesagt.
  • FECHTEN: Aufgrund der Coronavirus-Pandemie hat der Fecht-Weltverband Fie die ausstehenden Qualifikationsturniere auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben. "Der Qualifikationszeitraum für Tokio wird verlängert", schrieb auch der Deutsche Fechter-Bund. Vom DFeB haben sich bereits die Säbel- und Florett-Herren jeweils im Team für Olympia qualifiziert. Florettfechterin Leonie Ebert hat beste Aussichten, ist aufgrund der ausgesetzten Turniere offiziell aber noch nicht qualifiziert.
  • SCHWIMMEN: Die deutschen Schwimmer hätten eigentlich bis einschließlich der ursprünglich vom 30. April bis zum 3. Mai geplanten deutschen Meisterschaften Zeit gehabt, die Qualifikationszeiten zu erreichen. Die Wettbewerbe in Berlin wurden aber auf unbestimmte Zeit verschoben. Wie sich das auswirkt, ist noch unklar. Denkbar wäre, dass der Qualifikationszeitraum verlängert wird oder die Normen erleichtert werden. Aus dem deutschen Team haben bislang Doppelweltmeister Florian Wellbrock, Sarah Köhler, Marco Koch, Philip Heintz, Laura Riedemann, Marius Kusch und Jacob Heidtmann die Normzeiten unterboten.
  • SEGELN: Das IOC hat den Zeitraum für die Nationen-Qualifikation bis zum 30. Juni verlängert. Damit würde die vom 14. bis zum 21. Juni geplante Weltcup-Regatta im Olympia-Revier von Enoshima in den Qualifikationszeitraum passen. Sie ist für alle zehn Disziplinen als finale Qualifikation für die letzten Nationenstartplätze im Gespräch. Aus deutscher Sicht kämpfen noch die Finnsegler und die 470er-Männer um einen der letzten Plätze. Als einzige haben bislang Laser-Weltmeister Philipp Buhl und die 49er-WM-Dritten Erik Heil/Thomas Plößel ihre Tickets sicher. Offen ist noch, welche deutschen Segler im Skiff 49erFX, im Mixed-Katamaran Nacra 17, im Laser Radial und bei den 470er-Frauen dabei sind.
  • WASSERBALL: Das Olympia-Qualifikationsturnier der Wasserballer wurde verschoben. Statt vom 22. bis zum 29. März soll es nun vom 31. Mai bis 7. Juni stattfinden - so ist zumindest derzeit der Plan. Angesichts des neuen Zeitplans und der großen Ungewissheit schickte Bundestrainer Hagen Stamm seine Spieler erst einmal in ein paar freie Tage. Das Turnier der Frauen war auf Mitte Mai verlegt worden.
  • WASSERSPRINGEN: Deutschlands bester Wasserspringer Patrick Hausding hat sich seinen Platz bereits gesichert, genau wie Tina Punzel vom Drei-Meter-Brett. Weitere Tokio-Tickets wollen die deutschen Springer eigentlich beim Qualifikationsevent in der japanischen Metropole vom 21. bis 26. April buchen. Ob die Veranstaltung wie geplant stattfinden kann, ist unklar.
  • SURFEN (WELLENREITEN): Die deutsche Surfer haben bei den "World Surfing Games" vom 9. bis zum 17. Mai die letzte Chance, sich Startplätze für den erstmals bei Olympia ausgetragenen Wellenreitwettbewerb zu sichern. Von den insgesamt 40 Tickets (je 20 für die Männer und Frauen) werden nach einem komplizierten System noch zwölf bei dem Event vergeben. Die besten Chancen aus deutscher Sicht haben die Frauen. Rachel Presti, Noah Klapp und Camilla Kemp sollen in El Salvador dabei sein. Bislang sind keine Auswirkungen der Coronakrise auf den Wettbewerb bekannt.