Leichtathletik

Malaika Mihambo: Der neue Liebling der Leichtathletik

Malaika Mihambo ist nicht nur im Weitsprung derzeit konkurrenzlos. Sie hat sogar das Zeug zum neuen Star der Branche.

Sternstunde mit Malaika Mihambo: Die Weitspringerin siegte beim Istaf Indoor mit 7,07 Metern und wurde vom Berliner Publikum gefeiert.

Sternstunde mit Malaika Mihambo: Die Weitspringerin siegte beim Istaf Indoor mit 7,07 Metern und wurde vom Berliner Publikum gefeiert.

Foto: Soeren Stache / dpa

Berlin. Die 12.500 Zuschauer in der Mercedes-Benz Arena erhoben sich von ihren Plätzen und feuerten den Star des Abends nach Kräften an. Malaika Mihambo nahm Anlauf zu ihrem sechsten und letzten Versuch beim 7. Istaf Indoor, traf den Absprungbalken perfekt und landete bei 7,07 Metern. Sieg beim Istaf und zum ersten Mal in der Halle die magische Grenze von sieben Metern überquert. Die Marke, die die Weltspitze von vielen anderen guten Weitspringerinnen trennt. „Das war nur möglich durch meinen Trainer und das tolle Publikum hier“, sagte sie bescheiden, nachdem sie winkend über die Anlaufbahn getänzelt war. Und wurde nochmals gefeiert. Ein starker, ein perfekter Auftritt des neuen Lieblings der deutschen Leichtathletik.

Malaiko Mihambo glaubt, dieselbe geblieben zu sein

So wie immer seit jenem 6. Oktober vergangenen Jahres. Seit sie in der katarischen Hauptstadt Doha mit einem Satz auf 7,30 Meter Weltmeisterin im Weitsprung wurde. Ihr Abstand war enorm, die zweitplatzierte Ukrainerin Maryna Bech-Romantschuk lag 38 Zentimeter zurück, das sind Welten in dieser Disziplin. Plötzlich war die junge Frau aus Heidelberg, deren Vater aus Sansibar stammt, ein Star. Jeder will was von ihr. „Man hat einen großen Titel. Man hat mehr Aufmerksamkeit“, sagt die 26-Jährige, „aber das Schöne ist: Ich bin unberührt davon. Ich bin dieselbe geblieben.“ Das stimmt und stimmt doch nicht ganz.

Denn ihr Auftritt hat sich verändert. Malaika Mihambo, die früher so schüchtern rüberkam, leise sprach, selbst als sie 2018 in Berlin Europameisterin wurde, wirkt viel selbstbewusster. Wahrscheinlich ist das normal, wenn man inzwischen zu Deutschlands „Sportlerin des Jahres“ gewählt worden ist, diverse Fernsehauftritte hatte, sogar gegen Günther Jauch im Standweitsprung antreten durfte. Und stets eine gute Figur dabei gemacht hat. Vielleicht brauchte sie gerade diese Bühne, um erst zeigen zu können, dass sie weit mehr ist als eine außergewöhnliche Leichtathletin.

In Doha gelang ihr der „Sprung des Lebens“

Hier und da wird sie bereits als „glamouröses Covergirl“ angekündigt. Mihambo hat Spaß daran. Sie bleibt freundlich und verbindlich, selbst wenn die Erwartungen weiter wachsen. Natürlich ist der Olympiasieg in Tokio nach EM-Titel und WM-Titel der logische nächste Schritt für die Öffentlichkeit. Was auch sonst? Sie reagiert darauf nicht einmal genervt. „Ich kann das verstehen. Aber das ist kein Selbstläufer, ich muss hart dafür arbeiten.“ Sie müsse jeden Wettkampf ernst nehmen und hoffe dann, in Tokio auf den Punkt voll da zu sein. Mihambo sagt aber genauso klar: „Ich bin hauptsächlich Mensch, man darf das nicht vergessen. Es ist schade, wenn man sich nur über seine Arbeit oder seine Erfolge dabei definiert.“

Mihambo tut das nicht. Sie hat neben ihrem Sport ein Studium der Politikwissenschaften an der Universität Mannheim abgeschlossen, begann ein Masterstudium in Umweltwissenschaften. Sie unterrichtet eine Kindergruppe an ihrer alten Grundschule. Sie spielt Klavier, sogar ein eigenes Stück hat die 26-Jährige komponiert. Aber das alles hat sie ja schon vor ihrem WM-Titel gemacht. Nur wird jetzt mehr Notiz davon genommen, was für eine ungewöhnliche Persönlichkeit Malaika Mihambo ist. Sie hat Star-Potenzial und macht kein Hehl daraus, dass sie sich „sehr wohlfühlt. Es war auch nett, Herrn Jauch mal kennenzulernen“. Das nur, weil ihr in Doha der „Sprung meines Lebens“ gelungen ist.

Nur Lisa-Marie Kwayie bekommt genauso viel Applaus

Was unter all dem Begleitprogramm nicht leiden soll, sind ihre sportlichen Leistungen. Darauf achtet schon ihr Trainer Ralf Weber, der sie seit ihrem elften Lebensjahr betreut. Und nicht zuletzt sie selbst. „Das Training ist und bleibt an erster Stelle“, sagt sie, die Vorbereitung auf Tokio. Auch dazu liefert Mihambo erstaunliche Aussagen.

Dass sie in der wettkampffreien Zeit zum Meditieren nach Indien reist, ist bekannt. Warum sie so oft in schwierigen Situationen, wie am Freitagabend im letzten Versuch beim Istaf, einen weiten Sprung hinlegt, wird sie in Berlin gefragt. „Es ist mir ein Stückweit in die Wiege gelegt, mental stark zu sein“, antwortet sie, „aber ich sehe das Athletsein als ganzheitliches Konzept.“ Dazu gehören Ernährung, das körperliche Training, für sie aber auch ihre Meditation. „Dadurch lerne ich mich besser kennen und kann bestimmte Muster in meinem Verhalten entdecken.“ Auch diese könne man optimieren, was im Wettkampf hilft.

Berliner Publikum schließt Mihambo ins Herz

Das klingt nach einem sehr bewussten Sportlerleben. Mihambo hatte als Kind mit Ballett, Turnen und Judo begonnen, ehe sie als Achtjährige zur Leichtathletik kam. Es ging in ihrer Karriere ständig ein bisschen aufwärts, ehe in den vergangenen beiden Jahren die ganz großen Sprünge kamen, immer häufiger auch über die sieben Meter. In Doha übersprang sie die Marke gleich dreimal, jeder dieser Sätze hätte also zur Goldmedaille gereicht.

Danach kam die Showtime des neuen Stars. Was ihr an dieser aufregenden Zeit am besten gefallen habe? „Sportlerin des Jahres zu werden, war schon besonders“, gibt sie zu. Doch am meisten Spaß gemacht hat ihr doch etwas anderes. „Das war mein Urlaub in Thailand direkt nach der WM“, sagt sie lächelnd, „das Schönste für mich sind Dinge, die man gemeinsam mit anderen Menschen erlebt.“ Vermutlich hat Malaika Mihambo doch recht: Sie ist dieselbe geblieben. Auch deshalb hat sie das Berliner Publikum so in ihr Herz geschlossen wie ansonsten nur die 60-Meter-Siegerin Lisa-Marie Kwayie, aber die ist ja auch Berlinerin. Beide sind beste Botschafterinnen für die deutsche Leichtathletik.

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