Leichtathletik

Stabhochspringer Thiago Braz: „6,20 Meter sind mein Ziel“

Um Stabhochsprung-Olympiasieger Thiago Braz da Silva ist es ruhig geworden. In Berlin nimmt er einen neuen Anlauf.

Sein größter Moment: Thiago Braz da Silva gewann 2016 in Rio die olympische Goldmedaille.

Sein größter Moment: Thiago Braz da Silva gewann 2016 in Rio die olympische Goldmedaille.

Foto: Hahn Lionel / picture alliance / abaca

Berlin. Es ist ja klar, dass Thiago Braz da Silva ins Schwärmen kommt, wenn er über das Istaf Indoor spricht, das weltweit größte Hallenmeeting der Leichtathletik. „Die Organisation ist einfach großartig, alles klappt“, sagt der Brasilianer, „und die Leute sind besonders. Man merkt ihnen an, wie sie diesen Sport genießen. Das habe ich noch nirgendwo anders so erlebt.“ Und er hat schon einiges erlebt, immerhin ist der 26-Jährige aktueller Olympiasieger im Stabhochsprung.

Damit ist er zugleich einer der größten Stars unter den 66 Athleten, die sich an diesem Freitag (18 Uhr, Mercedes-Benz Arena) beim 7. Istaf Indoor in sieben Wettbewerben messen und von denen schon 36 Medaillen bei internationalen Veranstaltungen wie Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften gewonnen haben. Es ist ein Leichtathletik-Happening in vier Stunden, das seit vergangenem Sonntag restlos ausverkauft ist. 12.500 Zuschauer werden in der Arena sein, um unter anderem die Flugshow der Stabhochspringer und der Weitspringerinnen um die deutsche Weltmeisterin Malaika Mihambo zu erleben.

Auch Weltmeisterin Malaika Mihambo ist am Start

Sehr stark besetzt ist aber auch der 60-Meter-Hürdensprint der Frauen mit Europameisterin Nadine Visser aus den Niederlanden sowie den deutschen WM-Medaillengewinnerinnen Pamela Dutkiewicz (Bronze 2017) und Cindy Roleder (Silber 2015). Den Abschluss bildet der Geschlechterkampf im Diskuswurf: Olympiasieger Christoph Harting, Martin Wierig, David Wrobel sowie ihr rumänischer Mitstreiter, der WM-Vierte Alin Alexandru Firfirica, wollen Revanche gegen Nadine Müller, Shanice Kraft, Claudine Vita und Kristin Pudenz. Bei der Premiere dieser Wettkampfform gewannen im Vorjahr nämlich die Damen.

Auch Thiago Braz da Silva hat in Berlin bereits einmal den Sieg geholt, damals völlig überraschend. Im Februar 2016 war das, als der seinerzeit 22-Jährige mit 5,93 Metern einen Südamerikarekord aufstellte. Doch das war erst der Anfang eines ziemlich verrückten Jahres für den Brasilianer, der in der Provinz Sao Paulo geboren ist. Denn bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gelang ihm die Riesensensation. Der Franzose Renaud Lavillenie schien souverän seiner zweiten Goldmedaille nach 2012 entgegenzufliegen, als ihm der Youngster eine Höhe von 6,03 Metern vorlegte. Lavillenie konnte nicht kontern und war sehr enttäuscht von seiner Silbermedaille, aber noch mehr vom Publikum im Stadion, das ihn bei seinen Versuchen ausgepfiffen und ausgebuht hatte.

Petrov trainierte schon Bubka und Issinbajewa

Ewigkeiten scheint das her zu sein. Danach wurde es sehr ruhig um den neuen Stabhochsprung-Hoffnungsträger, der sich von seinem Erfolgstrainer Vitaly Petrov trennte und den Sport insgesamt nicht mehr so verbissen sah, wie berichtet wird. Braz war nicht einmal mehr richtig austrainiert, und ein Misserfolg reihte sich plötzlich an den nächsten. Doch er war ja noch jung genug, einen Neustart zu versuchen. Wieder mit dem Ukrainer Petrov, der zuvor schon Sergej Bubka und Jelena Issinbajewa zu Titeln, Goldmedaillen und Rekorden geführt hatte.

„Ich habe in meiner Heimat mit einem brasilianischen Coach gearbeitet, aber Vitali war im Hintergrund immer beteiligt“, behauptet Braz zwar. Doch ganz offensichtlich hat es ihm gut getan, dass Petrov jetzt wieder in den Vordergrund gerückt ist. Und damit die harte Arbeit. „Es ist ähnlich wie 2016“, sagt der Brasilianer, „ich bin in einer guten Form.“ Wenn es ihm gelinge, seine Technik richtig einzusetzen, werde er auch große Höhen erreichen. „Ich denke“, sagt er, „ich bin in der Lage, höher zu springen, als viele Leute denken. Ich bin sehr selbstbewusst. Und ich bin sehr gut vorbereitet.“ Auf die Olympischen Spiele in Tokio, für die er als Titelverteidiger qualifiziert ist.

Braz will den Weltrekord von Duplantis verbessern

Zu den Favoriten dort zählt Braz derzeit allerdings nicht. Eher der Schwede Armand Duplantis, der vor Kurzem bei einem Sportfest in Torun den Weltrekord auf 6,17 Meter verbesserte. Die hielt bis dahin Lavillenie mit 6,16 Metern. „Das ist sehr gut für uns Stabhochspringer, das gibt uns allen einen Schub“, sagt der Brasilianer, „mir auch. Ich sollte mehr an meiner Technik arbeiten, mehr Intensität in meine Sprünge bringen, um mich zu verbessern.“ Das klingt nach Selbstkritik. „Natürlich, bis Rio hatte ich mich gut entwickelt, aber danach gab es einen Stillstand. Die 6,17 von Armand zeigen mir, dass ich mich steigern muss.“

Auch wenn er mit 26 Jahren nicht alt ist, ewig wird seine Karriere nicht mehr dauern. Ewig ist nichts, das musste er auch in Brasilien erleben. Im Januar wurden alle olympischen Arenen von 2016 gesperrt, wegen Baufälligkeit und mangelnder Sicherheit. „Ich bin traurig darüber“, sagt er, „wir können dort nicht mehr trainieren, nicht mal mehr vorbeischauen.“ Alles sei geschlossen, „das ist ein Horror. Ich bin dort gesprungen, es ist ein großer Teil meiner Geschichte. Aber ich kann das nicht ändern.“

Ändern kann er nur etwas an seiner Zukunft. Er will noch einmal angreifen, „6,17 Meter sind möglich, auch für mich. Mein Ziel sind 6,20 Meter?“ Der zweite Sprung seiner Karriere über sechs Meter wäre ein Anfang. Warum nicht in Berlin? Es wäre nicht das erste Mal, dass Thiago Braz da Silva hier alle überrascht.