Sechstagerennen

Sechstagerennen: Welte und die jungen Wilden

Miriam Welte dreht in Berlin ihre letzten Runden. Weil sie sich nicht mehr quälen konnte, machte sie Platz für die nächste Generation.

Miriam Welte (l.) und Pauline Grabosch feierten zusammen schon den WM-Titel im Teamsprint.

Miriam Welte (l.) und Pauline Grabosch feierten zusammen schon den WM-Titel im Teamsprint.

Foto: Michael Deines/PROMEDIAFOTO / picture alliance / Promediafoto

Berlin. Ein Bahnrad auf der Rolle, mehr war nicht drin für Miriam Welte. Das musste ausreichen, um das Gefühl für die kommenden Tage vorzuempfinden. Wobei das natürlich lange nicht dasselbe ist wie ein paar Kilometer auf einem Holzoval. Doch um noch einmal richtig auf einer Bahn zu trainieren, dazu fehlte Miriam Welte schlicht die Möglichkeit. „Die Erfahrung macht es dann hoffentlich“, sagt sie. Mit 33 Jahren, einem Olympiasieg und sechs WM-Titeln besitzt sie davon zumindest genug.

Ursprünglich hatte sie ihre tolle Ausbeute noch erweitern wollen in diesem Jahr. Bei der Heim-WM in Berlin (26. Februar bis 1. März) etwa oder bei den Olympischen Spielen im Sommer in Tokio. Stattdessen dreht sie nun ihr Abschiedsrunden, wenn von Sonntag bis Dienstag die Sprinterinnen beim Sechstagerennen im Velodrom wetteifern (Sonntag ab 11 Uhr). „Über die Einladung habe ich mich sehr gefreut, weil es für mich die Chance ist, beim deutschen Publikum noch einmal danke zu sagen“, erzählt die Kaiserslauterin, die im September ziemlich unvermittelt das Rad in die Ecke stellte.

Überraschender Rücktritt in der Saison von Heim-WM und Olympia

Weil sie kein Tourist sein wollte, niemand, der nur dabei ist. Wenn, dann wollte Welte immer Topleistungen zeigen. Doch das dafür notwendige Training, das vermochte sie nicht mehr zu leisten. „Ich hatte nicht mehr die notwendige Herangehensweise, ich konnte mich nicht mehr bis in die letzten 100 Prozent quälen“, sagt sie. Der Kopf wollte ihrem Körper keine Belastungsspitzen mehr zugestehen.

Aber wer vorankommen will, zu den Besten zählen, „der muss in jeder Trainingseinheit an die absolute Grenze gehen, sich immer wieder neu überwinden, den Schmerz akzeptieren. Und am besten noch mal ein bisschen mehr rausholen“, so Welte. 20 Jahre lang hat sie das getan, 2012 Olympiagold und 2016 Olympiabronze im Teamsprint gewonnen. Weil das nun nicht mehr ging, traf sie kurzfristig und konsequent eine Entscheidung. Mit dem Gefühl, genau den richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben. Trotz der großen Ereignisse in den nächsten Monaten.

Zusammen mit Kristina Vogel bildete sie das Traumteam auf der Radrennbahn

Nun kehrt Welte aber noch einmal auf die Bahn zurück, und sie tritt in Berlin an gegen die Frauen, die vor Kurzem noch ihre Teamkolleginnen waren. Emma Hinze (22/ Cottbus), Lea Sophie Friedrich (20/Dassow) und Pauline Grabosch (22/Erfurt) kommen gerade aus dem Trainingslager in Südafrika, sicher in starker Form. „Ich will auf jeden Fall gute Rennen fahren und konzentriert an den Start gehen“, erzählt Welte, nach deren Rücktritt auch eine Ära endet. Sie und Kristina Vogel, mit der sie im Teamsprint so erfolgreich war, waren über Jahre die Aushängeschilder der Bahnrad-Frauen. Vogel (29) musste ihre Karriere 2018 nach einem schrecklichen Sturz aufgeben. Mit Weltes Rückzug ist nun der Generationswechsel vollendet.

Vielleicht hätte dieser ohnehin schon vor Olympia stattgefunden. Die jungen Damen waren schließlich auch ihre Konkurrentinnen. Nur zwei der vier Frauen dürfen mit nach Tokio. Und die Jungen „sind hungrig, sind wild und entwickeln sich weiter“, weiß die routinierte Welte: „Die haben richtig Feuer im Hintern.“ Reihenweise lieferten Hinze, Friedrich und Grabosch starke Resultate ab in dieser Saison, erste, zweite und dritte Plätze. Vor allem bei Hinze lief es bestens.

Vorteile für die Jungen in Sprint und Keirin

Interessant wäre nun geworden, wie die Trainer die Fähigkeiten bewerten. Neben dem Teamsprint, über den nominiert wird, gibt es noch eine zweite Ebene, die bei Olympia zählt. Die jungen Frauen haben den Vorteil, dass sie auch in den Einzeldisziplinen Sprint und Keirin gut unterwegs sind. Welte hingegen war neben dem Teamsprint immer im 500-Meter-Zeitfahren sehr erfolgreich, das jedoch nicht olympisch ist. Womöglich hätte sich das diesmal zu ihren Ungunsten auswirken können.

Solche Fragen sind inzwischen nur noch theoretischer Natur. „Ich weiß, was es bedeutet, diesen Kampf durchzustehen“, sagt Welte hinsichtlich der Olympiaqualifikation. Jetzt fiebert sie mit den Mädels mit: „Sie sind auf einem guten Weg. Den größten Schritt haben mit Sicherheit Lea und Emma gemacht. Bei Pauline war es so, dass sie in den letzten eineinhalb Jahren einen kleinen Rückschlag hatte, aber auch bei ihr merkt man, dass sie langsam wieder kommt.“

In Berlin könnte man das schon sehen, obwohl die Beine noch schwer vom harten Training in Südafrika sein dürften. Aber zunächst geht es ja darum, sich für die WM in vier Wochen einzurollen. „Wenn sie dran bleiben, und das werden sie, so habe ich sie kennengelernt, ist da auf jeden Fall ein Top-Ergebnis möglich in Tokio, aber auch schon bei der WM“, glaubt Miriam Welte, die sich angesichts der eingeschränkten Vorbereitung für ihren Abschied vor allem zwei Dinge wünscht: „Ich versuche einfach, Spaß zu haben und das Beste rauszuholen.“