Radsport

Radprofi Zabel: „Es ist cool, mit einer Botschaft zu fahren“

Der Radprofi Rick Zabel spricht im Interview über seinen neuen Rennstall in Israel und die Suche nach dem Killerinstinkt.

Rick Zabel will in dieser Saison das eine oder andere Radrennen gewinnen.

Rick Zabel will in dieser Saison das eine oder andere Radrennen gewinnen.

Foto: Michael Deines/PROMEDIAFOTO / picture alliance / Promediafoto

Tel Aviv. Radprofi Rick Zabel heuerte im vergangenen Herbst beim neuen israelischen WorldTour-Rennstall Israel Start-Up Nation an. Der einstige Berliner, der ab Sonntag in Australien bei der Tour Down Under fährt, will für das Team in der kommenden Saison öfter seinen „Killer-Instinkt“ aufblitzen lassen und ansonsten den Teamkollegen André Greipel und Nils Politt bei deren Siegen helfen. Der neue Rennstall strebt zugleich eine Wirkung über den Sport hinaus an. Teameigner Sylvan Adams will Werbung für Israel machen, das Team selbst trägt schon den Titel „Friedensbotschafter“. Das Interview fand beim ersten Trainingsaufenthalt Zabels in Israel statt.

Berliner Morgenpost: Wie war der erste Eindruck von Israel?

Rick Zabel: Es ist cool hier. Es gefällt mir gut. Ich bin das erste Mal hier und bin auf alle Fälle positiv überrascht. Man hat ja auch seine Vorurteile.

Welche Vorurteile?

Wenn man vor ein paar Wochen noch Nachrichten geguckt hat, da hat man gesehen, wie vom Gazastreifen aus Raketen herübergeflogen sind und dann das Raketenabwehrsystem die abfing – da fragt man sich schon, ist es so schlau, in einem solchen Land ein Trainingslager zu machen? Aber jetzt bin ich vom Gegenteil überzeugt. Es ist einfach ein so offenes Land und man fühlt sich sicher.

Wie ist es trainingstechnisch hier in Israel?

Tel Aviv ist eine große Stadt. Man kommt nicht so superleicht raus mit dem Rad. Ich bin froh, dass ich meine israelischen Teamkollegen an meiner Seite habe, die mich führen und die Radwege zeigen und die kleinen Strecken. Das ist hier das größte Manko, dass man viel auf großen Straßen mit viel Verkehr fahren muss.

Da hilft dann auch die App Strava nicht weiter, um eine coolere Trainingsstrecke zu finden?

André hat am ersten Tag mal eine Stravastrecke gemacht. Aber da war dann 10 Kilometer Schotterpiste dabei. Und die anderen Kilometer waren so, dass man hintereinanderher fahren musste, weil man sonst Angst haben musste, umgefahren zu werden.

Zum Ende der Saison mussten Sie noch zittern. Ihr Arbeitgeber Katusha hörte auf. Die Lizenz ging zur Israel Cycling Academy, jetzt Israel Start Up Nation. Lange schien unklar, ob Sie weitermachen können. Wie gut haben Sie dieses Nervenspiel verkraftet?

Ach, ich muss sagen, bei mir ging das eigentlich. Ich bin davon ausgegangen, dass ein Vertrag ein Vertrag ist, und mir wurde auch von Katusha zugesichert, dass es finanziell von denen übernommen wird für 2020. Da war ich mir schon relativ sicher, dass ich ein Team finden würde. Ich glaube, alle Leute um mich herum waren deutlich nervöser als ich selbst.

Was sind Ihre sportlichen Ziele im neuen Team und für die neue Saison?

Ich glaube, dass ich einiges Gutes zu zeigen habe. Ich gehe jetzt auch schon in meine siebte Saison als Profi. Ich bin nicht mehr das junge Talent, sondern einer von den Erfahreneren. Ich habe letztes Jahr ein Rennen gewonnen, ich war bei der Tour am Start. Ich war dabei, als Nils Zweiter geworden ist bei Roubaix und habe ihm geholfen. Das sind die drei größten Dinge, die mich motivieren, es dieses Jahr noch besser zu machen.

Also selbst ein, zwei, drei Siege, Nils Politt zum Klassikersieg verhelfen und die Tour mitmachen?

Ja, das eine oder andere Radrennen zu gewinnen, wäre schon cool für mich. Damit ich auch den Ruf behalte, einen Killerinstinkt zu haben und ein Radrennen abschließen zu können. Dann habe ich mir einen guten Namen gemacht als Anfahrer und will André in seiner vielleicht letzten Saison noch zu vielen Siegen verhelfen. Und natürlich auch Nils in den Klassikern helfen.

Wie ist es, als Deutscher für ein israelisches Team zu fahren?

Das ist genauso, als würde man als Italiener oder Franzose für das Team fahren. Das ist das Schöne an diesem Team, diese Botschaft, dass es egal ist, aus welchem Land man kommt oder welche Religion man ausübt. Für mich ist der Zweite Weltkrieg kein Thema mehr, ich habe damit nichts zu tun. Und ich fand es gut, dass die Leute vom Team auf uns zugekommen sind und gesagt haben: ‚Es ist lange her, es war ein Riesenfehler. Wir wissen, ihr persönlich hattet damit nichts zu tun. Und mittlerweile ist Deutschland einer unserer engsten Partner.’ Das hat mich berührt. Sie geben uns die Hand, und ich gebe die Hand natürlich zurück. Und gemeinsam versucht man, ein besseres Bild in die Welt zu tragen.

Rennstallbesitzer Sylvan Adams sieht das Team als Botschafter für Israel, sogar der Titel „Friedensbotschafter“ wurde der Mannschaft verliehen. Fühlen Sie sich jetzt als Botschafter?

Ich glaube, die Leute, die schon länger für das Team fahren und das Projekt auf die Beine gestellt haben, können sich das natürlich deutlich mehr auf die Flagge schreiben als ich. Aber so ein bisschen Friedensbotschafter ist man dann schon. Und ich persönlich finde es ziemlich cool, nicht für einen Radhersteller oder anderen Sponsor zu fahren, sondern mit einer Botschaft, mit einem Sinn, und zu sagen, ich bin Teil eines Projekts, das die Welt besser macht.

Nun ist Israel aktuell nicht ohne den Palästina-Konflikt denkbar. Wie gehen Sie damit um?

Da kann ich nur sagen, dass ich mich, bevor ich für dieses Team gefahren bin, mit diesem Thema noch gar nicht beschäftigt habe. Mittlerweile schon mehr. Aber das ist nichts anderes als gefährliches Halbwissen und deshalb sage ich lieber nichts dazu.