Eisschnelllauf-Krise

Wer kann den Eisschnelllauf-Verband noch retten?

Leistungssprünge der deutschen Eisschnellläufer bleiben bei der EM weitgehend aus, die Finanz-Lage im Verband eskaliert.

Claudia Pechstein ist die Konstante im deutschen Eisschnelllauf.

Claudia Pechstein ist die Konstante im deutschen Eisschnelllauf.

Foto: Peter Dejong / dpa

Heerenveen. Eine sich zuspitzende Finanz-Misere und dürftige Leistungen auf dem Eis bereiten der derzeit führungslosen Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) große Sorgen. Bei den Europameisterschaften in Heerenveen lieferte die fast 48 Jahre alte Claudia Pechstein trotz Rückenproblemen mit Platz acht im Massenstart eines der besten Resultate ab – und machte damit die Probleme des Verbandes deutlich.

In den deutschen Vereinen wächst die Angst, dass angesichts leerer Kassen krasse finanzielle Einschnitte drohen. „Im Frühjahr geht das Licht aus, wenn es nicht gelingt, die Finanzlücke zu schließen“, sagte Rainer Erdmann, der Sprecher der Initiative „DESG gemeinsam retten“ am Sonntag im „Deutschlandfunk“. Inzwischen fragt er sich: „Ist die DESG überhaupt zu retten?“. Und kommt zu der Erkenntnis: „Von innen heraus nicht.“ Daher lädt er nun Vertreter des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und der Politik zu einem Krisentreffen ein. „Deutschland muss sich wirklich überlegen: Geht es nur noch um Medaillen, oder sehe ich auch den Breitensport?“, sagte er.

Minus von 400.000 Euro ab April

Schatzmeister Dieter Wallisch hatte zuvor bestätigt, dass nach dem Ausstieg von Hauptsponsor DKB ab Anfang April 400.000 Euro fehlen und die Geschäftsstelle des Verbandes sowie die Gehälter der Mitarbeiter gefährdet seien. Derzeit sind Wirtschaftsprüfer auf Empfehlung des Deutschen Olympischen Sportbundes DOSB in der Geschäftsstelle der DESG dabei, die Unterlagen zu sichten. „Erst danach werden wir genauer Bescheid wissen“, konstatierte Wallisch, der nach Rücktritten von Präsidentin Stefanie Teeuwen und Vizepräsident Hubert Graf zu den beiden einzig verbliebenen Präsidiumsmitgliedern gehört.

Die Athleten versuchten, beim stimmungsvollen Eis-Fest in der Thialf-Arena die Probleme auszublenden. „Ich lass das nicht so doll an mich ran, konzentriere mich nur auf meine Leistung“, sagte Stefan Emele, der als früherer Inline-Skater bei den Männern für Hoffnungsschimmer sorgte. Der Hesse verbesserte nach Bestleistungen über 500 und 1500 Meter auch seine Bestmarke über 1000 Meter in 1:10,07 Minuten gleich um 1,26 Sekunden und stürmte auf Platz zwölf.

Pechstein läuft den deutschen Konkurrentinnen weg

Mit einer Ehrenrunde zelebrierte Claudia Pechstein ihren Auftritt über 3000 Meter in jener Arena, in der sie 1992 ihr EM-Debüt gefeiert hatte, und winkte freudig den 10.000 Fans zu. Der angestrebte 20. Top-Ten-Platz bei ihrer 22. EM-Teilnahme war ihr zunächst aber in dem Weltklassefeld nicht vergönnt. „Ich habe es einfach genießen dürfen, so viel Respekt vor dem Rennen bei der Ansage meines Namens zu bekommen“, sagte sie nach Platz zwölf. Mit Siegerin Esmee Visser aus den Niederlanden kann sie nicht mehr mithalten, sie war über acht Sekunden schneller.

Vor allem war Pechstein zufrieden, in ihrem Alter noch mehr als vier Sekunden schneller gewesen zu sein als Roxanne Dufter (Inzell/14.) und Michelle Uhrig ((Berlin/15.), über deren Leistungen Bundestrainer Erik Bouwman enttäuscht war. „Die Kraft ist nicht da“, sagte er. Am Sonntag im taktisch geprägten Massenstart gelang Uhrig immerhin ein siebter Platz, Pechstein wurde Achte.

In den kommenden Wochen soll sich nun entscheiden, ob Pechsteins Lebensgefährte Matthias Große für den vakanten Posten des DESG-Präsidenten in Frage kommt. Große hat in Aussicht gestellt, im Falle seiner Präsidentschaft mit Hilfe von Geldgebern das finanzielle Defizit des Verbandes zumindest gravierend zu mindern. Erdmann wollte sich noch nicht positionieren, wie seine Initiative zur Bewerbung des Berliners steht. Große habe beim ersten Treffen einen guten Eindruck hinterlassen, „aber von der inhaltlichen Seite ist schwer zu beurteilen, ob er der richtige Mann ist“. Bei vielen Mitgliedern polarisiere Große sehr stark, begründete er.