Handball-EM

Handball-Debakel: Gensheimer ist ein Schatten seiner selbst

Uwe Gensheimer spielt eine schwache Handball-EM. Bei der heftigen Pleite gegen Spanien blieb der DHB-Anführer weit unter seinen Möglichkeiten.

Deutschlands Kapitän Uwe Gensheimer geht nach dem Abpfiff enttäuscht vom Platz.

Deutschlands Kapitän Uwe Gensheimer geht nach dem Abpfiff enttäuscht vom Platz.

Foto: dpa

Trondheim. Es ist erst wenige Tage, gefühlt aber eine Ewigkeit her, als Uwe Gensheimer freudestrahlend auf dem Spielfeld stand. Er winkte den Fans auf der Tribüne zu, als ein kleiner Junge auf ihn zu gerannt kam. Matti stand auf seinem Deutschland-Trikot, der große Gensheimer nahm den kleinen Gensheimer in den Arm, zusammen feierten der 33-jährige Vater und sein dreijähriger Sohn.

Es war ein Festtag für den Kapitän der Nationalmannschaft, in seiner Heimatstadt Mannheim hatten die deutschen Handballer ein überragendes Testspiel gegen Island gezeigt, das frohen Mutes auf die kommende EM blicken ließ.

Desolate Handballer mit bitterer EM-Pleite gegen Spanien

DHB-Team weit entfernt von der europäischen Elite

Sieben Tage später schlich Uwe Gensheimer mit gesenktem Haupt vom Spielfeld bei der EM in Norwegen, gefeiert wurden die Spanier, die Deutschland bei ihrem 33:26 (14:11)-Sieg am Samstagabend vorgeführt hatten. Niemand im deutschen Team nahm sich in den Arm, sie tauschten nur enttäuschte Blicke aus. Es war mehr als eine Ohrfeige, mehr als eine Niederlage.

Es war eine Standortbestimmung, und die verordnet den WM-Vierten derzeit weit entfernt von der europäischen Elite. Selbst mit dem erwarteten Pflichtsieg am Montag gegen Lettland (18.15 Uhr/ZDF) wird es in der Hauptrunde in Wien nun schwer, noch das Halbfinale in Stockholm zu erreichen. Für Spieler Gensheimer war dieses Partie aber noch mehr: eine persönliche Enttäuschung. Ein Debakel.

Warum der Auftritt der deutschen Handballer Sorgen macht

Der Kapitän der Nationalmannschaft war nie einer, der durch große Worten auffällt, sondern einer, der Taten auf dem Feld sprechen lässt. Der den Ball von der linken Außenseite mal brachial und mal mit Gefühl im Tor versenkt, der am Siebenmeterpunkt keine Nerven zeigt. Gensheimer, der Mann mit dem scheinbar aus Gummi bestehenden Handgelenk, ist bei dieser EM aber nur ein Schatten seiner selbst.

Im Auftaktspiel gegen die Niederlande hatte er Torwart Bart Ravensbergen den Ball beim Siebenmeter ins Gesicht geworfen und dafür die Rote Karte kassiert. Gegen Spanien hatte er nur zwei von vier Siebenmetern verwandelt, viele Konterchancen ausgelassen. In der zweiten Halbzeit setzte Bundestrainer Christian Prokop auf Ersatzmann Patrick Zieker. Eine Demütigung.

Schlampige Pässe und Fehlwürfe der Deutschen

Damit steht der Kapitän sinnbildlich für die deutsche Mannschaft, die gedemütigt das Spielfeld in Trondheim, verließ. Die gegen den Titelverteidiger phasenweise plan-, hilf- und ideenlos gewirkt hatte. Fünf Minuten lang war zu Beginn kein Tor gefallen, das lag an Spaniens Torwart Gonzalo Perez de Vargas, das lag am großen Respekt, den die Dauerrivalen voreinander hatten.

Dann aber traf Alex Dujshebaev und löste eine spanische Torlawine aus, befeuert durch schlampige Pässe und Fehlwürfe der Deutschen. Auf 9:10, später noch einmal auf 16:18 arbeitete sich das Prokop-Team heran, doch waren dies nur kurze Phasen der Gegenwehr. Prokop stellte die Abwehr um, tauschte Andreas Wolff für Torhüter Johannes Bitter aus – es half nicht.

„Wir brauchen Uwe in einer anderen Rolle“, forderte Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handballbunds. „Uwe macht sich viel Druck, weil er vorangehen möchte“, verteidigte Prokop derweil seinen Kapitän. „Aber er ist ein Weltklassespieler. Deshalb sage ich - verzeihen Sie mir – Scheiß' drauf.“

Handball-EM-Déjà-vu bei Gensheimer

Ja, Gensheimer ist ein Weltklassespieler. Er spielte drei Jahre lang für Paris St. Germain, dreimal war er bester Torewerfer in der Champions League. Sein derzeitiger Club, die Rhein-Neckar Löwen, sind aber nur Bundesligasechster, Gensheimer liegt mit 128 Treffern nur auf Rang vier der Torschützenliste.

Mit dem Nationalteam sollte es nun besser laufen, endlich will Gensheimer selbst auf dem Feld stehen, wenn ein Titel gewonnen wird. Beim EM-Sieg 2016 sah er verletzt zu, unmittelbar vor der enttäuschenden WM 2017 starb sein Vater Dieter.

Bei der EM 2018 waren seine Auftritte ähnlich blass wie bisher in Trondheim, erst bei der Heim-WM 2019 spielte der Gensheimer, wie er auch im Vereinshandball zu sehen ist. Er ist sich dessen bewusst: „Ich bin selbst nicht zufrieden mit mir. Aber gegen Lettland bietet sich eine neue Chance.“