Speedsurfen

Eine Sekretärin mit jeder Menge Speed

Die Berlinerin Anne Schindler betreut das Büro von Surflegende Björn Dunkerbeck. Sie selbst gehört zu den besten Speedsurferinnen.

Die Berlinerin Anne Schindler beim Speedsurfen.

Die Berlinerin Anne Schindler beim Speedsurfen.

Foto: Stefan Csaky

Berlin. Anne Schindler war schon früh dem Rausch der Geschwindigkeit erlegen. Wenn sie als Teenagerin mit ihren Freundinnen auf der Eisbahn weilte, legten diese meist ein eher gemächliches Tempo an den Tag und nutzten den Besuch dafür, um Ausschau nach Jungs zu halten. Schindler dagegen flitzte so schnell sie konnte übers Eis. „Es hat mir immer schon Spaß gemacht, mit Vollgas loszurattern“, meint die Berlinerin. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Auch wenn die 39-Jährige ihre Tempolust mittlerweile in einem anderen Element auslebt.

Schindler ist Speed-Windsurferin. Erst im Dezember stellte sie in dieser Disziplin einen deutschen Frauenrekord auf, als sie bei der „Lüderitz Speed Challenge“ in Namibia mit einer Geschwindigkeit von 42,81 Knoten übers Wasser raste – umgerechnet knapp 80 Stundenkilometer. Die alte Rekordmarke verbesserte sie dabei gleich um vier Knoten.

Mit mehr Masse geht die Post richtig ab

Speedsurfen gilt als die Formel 1 der windbetriebenen Wasserfahrzeuge. Gemessen wird bei diesem Wettbewerb die Durchschnittsgeschwindigkeit auf einer Strecke von 500 Metern. Der Weltrekord bei den Frauen von der Britin Zara Davis liegt bei 46,49 Knoten; die Männer sind sogar mit weit über 50 Knoten unterwegs, also mit fast 100 km/h. Um solche Geschwindigkeiten zu erreichen, stopfen sich die Fahrer zusätzlich Blei in die Schwimmwesten. Schon Newton wusste: Kraft ist Masse mal Beschleunigung.

Die Bretter sind kleiner als gewöhnlich, sie erinnern von der Größe eher an ein Snowboard. Für den perfekten Lauf muss das Wasser möglichst flach sein, der Wind idealerweise in einem Winkel von 140 Grad seitlich von hinten wehen. Schon wenige Grad Abweichung können jeden Rekordversuch vereiteln, weil dann der nötige Anschub fehlt. Bei zu viel Gegenwind werden die Fahrer ohnehin ausgebremst.

Am allerwenigsten können die Speedsurfer jedoch das gebrauchen, was die Sportart ansonsten so auszeichnet: Wellen. „Man muss sich das so vorstellen, als wenn man mit dem Auto über die Autobahn brettert“, sagt Anne Schindler: „Da kann man ja auch keine Bodenwellen gebrauchen.“

Von Surflegende Dunkerbeck viel gelernt

Als sie noch in Berlin wohnte, hatte sie mit Wassersport noch nicht viel zu tun. Ihren Eltern gehörte zwar ein Grundstück an der Havel, doch wenn sie paddeln oder schwimmen ging, dann war das eher zum Zeitvertreib. Erst als sie nach dem Abitur nach Fuerteventura ging, um dort in einem Hotel zu jobben, lernte sie erstmals surfen und war auf Anhieb begeistert.

Eigentlich wollte sie nur ein Jahr auf den Kanarischen Inseln verbringen, doch am Ende blieb sie für immer, weil die Liebe zum Surfsport doch zu groß war. Seit acht Jahren lebt sie nun auf Gran Canaria und betreut dort das Sekretariat des 42-fachen Surf-Weltmeisters Björn Dunkerbeck. Auch ihr Partner arbeitet für Dunkerbeck und ist seit vielen Jahren einer von dessen engsten Vertrauten. Von beiden hat sie viel gelernt. „Speedsurfen ist eine Disziplin für Tüftler, bei der schon minimale Veränderungen sehr viel bewirken können. Da haben mir die beiden mit ihrer großen Erfahrung natürlich sehr geholfen“, sagt sie. Mit ihrer Hilfe hat sie zu den weltbesten Speedsurferinnen aufgeschlossen.

Ende 2019 war die gebürtige Marzahnerin nun erstmals auch im Speedkanal von Lüderitz unterwegs, ein speziell für diese Zwecke präparierter, nur acht Meter breiter Kanal. Der Wettbewerb dort ist von der Rekordkommission des World Sailing Speed Record Council offiziell anerkannt und gilt als eines der wichtigsten Events dieser Art. Mittlerweile werden sämtliche Speed-Rekorde ausschließlich dort aufgestellt. Allerdings hat die Strecke auch ihre Tücken.

Rennen sind nicht ganz ungefährlich

Zum Abbremsen bleibt nur wenig Platz, trotzdem darf man nicht zu früh Tempo rausnehmen. Mit hoher Geschwindigkeit rasen die Teilnehmer direkt auf einen kleinen Sandhügel am Ende des Wassers zu – eine echte Mutprobe für alle Beteiligten. „Ein bisschen muss man da schon eine Schraube locker haben. Da braucht es schon viel Vertrauen in das Material und die eigene Vorbereitung“, sagt Schindler. Wer den richtigen Bremspunkt verpasst, darf sein Brett in zwei Teilen zurück zum Start tragen.

Auch Schindler hat schon Erfahrungen mit Stürzen gemacht. Noch am Tag vor ihrer Rekordfahrt drückte sie das Segel beim Bremsen nicht kräftig genug herunter, so dass eine Windböe es erneut aufpickte und sie vom herumschwingenden Mastbaum vom Brett geschleudert wurde. In diesem Moment war sie froh, dass sie einen Helm trug. Vorgeschrieben ist eine solche Sicherheitskleidung nicht, doch als Mutter einer sechsjährigen Tochter ist Anne Schindler vorsichtiger geworden. Ausbremsen lässt sie sich durch die neuen Familienumstände allerdings nicht. „Mit der Zeit wird man einfach süchtig nach der Geschwindigkeit“, sagt sie. Der Rausch hält immer noch an.