Dopingaffären

Russlands Verbannung aus dem Weltsport

Wada sperrt Russland für vier Jahre für Olympia und Welttitelkämpfe. Saubere Athleten aus dem Land können dennoch an den Start gehen.

Die russische Flagge wird bei den nächsten Olympischen Spielen fehlen.

Die russische Flagge wird bei den nächsten Olympischen Spielen fehlen.

Foto: BRIAN SNYDER / Reuters

Essen/Lausanne. Es ist ein sporthistorisches Urteil. Das Exekutivkomitee der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) schloss am Montag Russland für vier Jahre von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften aus. Wir beantworten die wichtigsten Fragen, die sich aus dieser Entscheidung für den Sport ergeben.

Darf jetzt vier Jahre lang kein russischer Sportler bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften starten?

Doch. Aber es ist nur eine Teilnahme von russischen Sportlern unter neutraler Fahne möglich. Im Gegensatz zu den Winterspielen 2018 wird ein Start bei Olympia 2020 in Tokio aber nur unter der Bezeichnung „Olympische Athleten“ möglich sein. Ohne den Zusatz „aus Russland“. Die Wada folgte damit in ihrem einstimmigen Urteil den Empfehlungen der unabhängigen Prüfkommission CRC, die auch die Suspendierung der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada bis 2023 verhängte. Der vollständige Ausschluss wurde nicht beschlossen, um nicht auch unschuldige Athleten zu bestrafen. Die Fachverbände müssen jetzt entscheiden, welche Russen als nicht belastet eingestuft werden können.

Was sind die Gründe für die vierjährige Sperre?

Russland ist sozusagen Wiederholungstäter. In den vergangenen Jahren wurde bereits systematisches Doping mit Staatshilfe nachgewiesen. Trotzdem wurde weiter manipuliert. Die neuesten Strafen wurden verhängt, weil im Moskauer Kontrolllabor Tausende Dateien gelöscht oder verändert worden sind. Mindestens 145 Sportler sollen so geschützt worden sein. „Das Doping in Russland hat zu lange dem sauberen Sport geschadet“, sagte Wada-Präsident Craig Reedie. Russland sei jede Gelegenheit geboten worden, sein Haus in Ordnung zu bringen, „aber es entschied sich stattdessen dafür, seine Haltung der Täuschung und Verleugnung fortzusetzen“, sagte der Schotte.

Ist auch der Fußball betroffen?

Ja. Die russische Fußball-Nationalmannschaft darf zwar an der Qualifikation zur WM 2022 teilnehmen. Sollte das Ticket gelöst werden, ist eine Teilnahme bei der WM in Katar nur unter neutraler Flagge und ohne Hymne möglich. So war es auch bei den Winterspielen 2018, als die russischen Eishockeyspieler als „Olympische Athleten aus Russland“ Gold gewannen.

Welche Großveranstaltungen sind in Russland betroffen?

Diese Weltmeisterschaften sind nach Russland vergeben worden und müssten bei Umsetzung des Urteils anderweitig ausgetragen werden: Rodel-WM 2020 in Sotschi, Volleyball-WM der Männer 2022, Kurzbahn-WM im Schwimmen 2022 in Kasan, Eishockey-WM der Männer 2023 in St. Petersburg. Sollten in der Kürze der Zeit für einige Veranstaltungen keine neuen Ausrichter gefunden werden, müsse eine gewisse Flexibilität bestehen bleiben, hieß es.

Wie reagiert Russland auf die Entscheidung?

Die verhängte Vierjahressperre kommentierte Premierminister Dimitri Medwedew mit drastischen Worten: „Es ist die Fortsetzung der bereits chronisch gewordenen antirussischen Hysterie.“ Der frühere russische Präsident kündigte die Anfechtung des Wada-Urteils an. Im Gegensatz zu Medwedew ist Juri Ganus, der Chef der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, pessimistisch: „Es gibt keine Möglichkeit, diesen Fall vor Gericht zu gewinnen.“

Welche juristischen Mittel hat Russland jetzt?

21 Tage hat Russland nun Zeit, um Einspruch einzulegen. Dann würde der Internationale Sportgerichtshof CAS eine Entscheidung fällen. Aber es ist damit zu rechnen, dass Russland weitere Schritte auf juristischem Weg einleiten wird. So war es auch vor den Olympischen Sommerspielen 2016.

Was sagen die deutschen Sportorganisationen zum Urteil?

Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), begrüßt die Sanktionen. „Wer über Jahre hinweg die Werte des Sports mit Füßen tritt, gehört auf die Strafbank. Insofern ist die heutige Rote Karte seitens der Wada nur die logische Konsequenz für das unablässige Manipulieren und Verstoßen gegen die Regeln des Weltsports“, erklärte Hörmann in einer DOSB-Mitteilung am Montag. Für die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) ist die Entscheidung „der kleinste gemeinsame Nenner, der nicht weiter verwässert werden darf“, wie deren Vorsitzende Andrea Gotzmann erklärte. „Jetzt müssen die Weltsportverbände die Sanktionen anerkennen und ohne weiteren Verzug umsetzen.“

Könnte die Sperre auch noch für die Olympischen Spiele 2024 in Paris gelten?

Eigentlich gilt der Ausschluss nur für die Sommerspiele 2020 und die Winterspiele 2022. Sollte Russland aber Einspruch einlegen und das endgültige Urteil erst nach den Sommerspielen 2022 vom Cas gefällt werden, würde die Sperre auch für Paris 2024 wirksam werden, wie Jonathan Taylor, der Leiter der unabhängigen Prüfkommission, am Montag sagte.

Geht das Urteil weit genug?

Nicht allen. „Russland einem kompletten Bann entkommen zu lassen, ist ein weiterer verheerender Schlag für die sauberen Athleten, die Glaubwürdigkeit des Sports und die Rechtsstaatlichkeit“, wetterte Travis Tygart, Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur. Zugleich forderte er zu „nichts weniger als einer Revolte gegen dieses kaputte System“ auf, um Reformen zu erzwingen. Auch Linda Helleland zeigte sich zutiefst enttäuscht. „Ich wollte Sanktionen, die nicht verwässert werden können“, sagte die scheidende Vizepräsidentin der Wada und kritisierte das Strafmaß: „Ich fürchte, es ist nicht genug.“