Segeln

Silberstreifen am olympischen Segelhorizont

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Tatjana Pokorny
Ganz schön schräg: Die Berliner Erik Heil (l.) und Thomas Plößel in ihrem 49er-Segelboot.

Ganz schön schräg: Die Berliner Erik Heil (l.) und Thomas Plößel in ihrem 49er-Segelboot.

Foto: World Championships 49er, 49erFX, Nacra 17 / Sailing Energy

Berliner Erik Heil und Thomas Plößel segeln bei der 49er-Weltmeisterschaft in Auckland nur knapp an einer Sensation vorbei.

Berlin/Auckland. Es war vor dieser 49er-Weltmeisterschaft im fernen Neuseeland nicht absehbar, dass Erik Heil und Thomas Plößel nur wenige Monate nach ihrer studienbedingten einjährigen Pause vom Leistungssport ein so imposanter Wiedereinstieg gelingen könnte. „Wir wollten mal schauen, wo wir stehen“, hatte der mit 30 Jahren älteste Steuermann im German Sailing Team vor WM-Beginn gesagt. Am Ende von 17 Wettfahrten und einem spektakulären Medaillenfinale wurden die im Tegeler Segel-Club groß gewordenen und dort von Coach Michael Koster zusammengebrachten Berliner für ihre grandiosen Leistungen mit WM-Silber belohnt, das sie fast wie Gold feierten.

Den Grundstein für den Erfolg hatten die seit 18 Jahren in einem Boot sitzenden Jugendfreunde schon während der Qualifikationsrunde gelegt. Die deutschen Skiff-Akrobaten hatten bereits am ersten WM-Tag die Führung übernommen und drei Tage verteidigt. Ein etwas schwächerer Tag zum Auftakt der Hauptrunde ließ Heil/Plößel vor dem Wochenende auf Platz zwei hinter die Olympiasieger, America’s-Cup-Gewinner und Top-Favoriten Peter Burling und Blair Tuke zurückfallen, von denen in ihrer Heimat nichts als ein Sieg erwartet wurde. Doch dann drehten die Rio-Bronzemedaillen-Gewinner auf und brachten sich mit einem Tagessieg im letzten Rennen der Hauptrunde zurück in Schlagdistanz zu den „Kiwis“.

Neuseelands Favorit geht kurz über Bord

Die Ausgangssituation vor dem Finale am Sonntag: Bei acht Punkten Vorsprung von Burling/Tuke mussten Heil/Plößel im Showdown mindestens drei Boote zwischen sich und die Spitzenreiter bringen, um noch nach dem Titel greifen zu können. Entsprechend angriffslustig eröffneten sie das Duell mit einem dominanten Start. Die Taktik der Neuseeländer war ebenso klar: Dranbleiben an den Deutschen, keine Boote dazwischenkommen lassen. Doch Heil/Plößel konnten die „Kiwis“ dank herausragender Positionierung im Verlauf des ersten Kursabschnitts wie erhofft abschütteln.

Was dann geschah, hat man bei den nervenstarken Neuseeländern noch nicht erlebt: Peter Burling rutschte aus den Fußschlaufen seiner Gleitjolle und ging über Bord. Glück im Unglück für das Team: Burling konnte sich blitzartig zurück an Bord hieven. Die Neuseeländer fielen bis auf Rang zehn zurück, während Heil/Plößel in den Top Drei segelten.

Knappe Niederlage im harten Kampf um Gold

Für einige Minuten durften die deutschen Fans bei der nächtlichen Live-Übertragung träumen, denn dieses Szenario hätte den WM-Titel für Heil/Plößel bedeutet. Die Freude währte aber nicht lange, denn Burling/Tuke läuteten eine erfolgreiche Aufholjagd ein. Im Ziel reichte ihnen Rang vier hinter den Deutschen zum fünften WM-Titel ihrer Karriere. Die Freude darüber war so unbändig wie sonst selten bei den stets stark fokussierten Profis. Burling und Tuke wussten in der Stunde ihres Triumphes nur zu gut, dass sie ihr Gold beinahe verloren hätten.

Die Segelsportler hierzulande muss nun weiter darauf warten, dass einer der Ihren die inzwischen 19 Jahre währende schwarze Serie ohne WM-Titel in einer Olympia-Disziplin durchbricht. Das letzte WM-Gold in einer olympischen Segeldisziplin hatten 2000 vor Sydney Roland Gäbler/René Schwall im Tornado geholt. Doch das erste WM-Edelmetall bedeutet für Heil/Plößel bei ihrem neunten WM-Einsatz viel mehr als den kleinen Thron neben Burling und Tuke. Die Medaille beflügelt die Crew. „Es war eine Woche, die uns mit ihren vielseitigen Bedingungen als Allrounder in die Karten gespielt hat“, erklärt Heil.

Zur Besiegbarkeit der als unbesiegbar geltenden Neuseeländer meinte der angehende Mediziner, der im Sommer sein Physikum bestanden hat: „Hier wäre es ohne unseren Ruderbruch zu Beginn der WM möglich gewesen. Es ist also möglich.“ 49er-Bundestrainer Marc Pickel aus Kiel lobte seine Top-Crew: „Ich bin stolz auf Erik und Thomas. Peter Burling und Blair Tuke sind die besten Segler der Welt. Vielleicht können wir den Sieg nächstes Jahr nachholen. Dafür arbeiten wir jetzt.“

Die nächste WM ist schon im Februar in Australien

Ein besonderer Glückwunsch kam von Deutschlands erstem international erfolgreichen 49er-Steuermann, dem zweimaligen Olympiateilnehmer Marcus Baur: „Ich freue mich sehr! Für die Vizeweltmeister und zwei weitere deutsche Teams in den Top 20. Es wird trotzdem Zeit für einen deutschen Weltmeister und Olympiasieger. Dass es möglich ist, ist jetzt klar…“ Die Berliner DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner gratulierte: „Das war ein geniales Medaillenrennen von Erik und Thomas. Sie haben eindrucksvoll bewiesen, dass sie auch an den Neuseeländern vorbeiziehen können. Die Kiwis so unter Druck zu setzen, war stark!“

Gleichzeitig markierte die WM den Auftakt zur nationalen Ausscheidung um nur ein 49er-Olympiaticket. Während ihre Trainingspartner Justus Schmidt/Max Boehme (Kiel) als WM-Zwölfte in Auckland neun Zähler für ihr Qualifikationskonto einfahren konnten und die WM-Dritten von 2018, Tim Fischer und Fabian Graf vom Verein Seglerhaus am Wannsee, nach verpatztem WM-Auftakt als 26. ohne Punkte blieben, heimsten Heil/Plößel 25 Punkte ein. „Das ist keine Vorentscheidung, aber ein Meilenstein“, sagte Heil. Der Kampf um die Enoshima-Fahrkarte wird bei der im Februar anstehenden WM 2020 in Australien fortgesetzt und endet im Frühjahr beim Mallorca-Klassiker Trofeo Princesa Sofia. In aktueller Form sind die Berliner die Favoriten.