Boxen

Saudi-Arabien boxt beim Rückkampf Joshua gegen Ruiz mit

| Lesedauer: 4 Minuten
Weltmeister Andy Ruiz Jr. (l.) und Anthony Joshua (r.) mit dem saudischen Prinz Salman Al Saud.

Weltmeister Andy Ruiz Jr. (l.) und Anthony Joshua (r.) mit dem saudischen Prinz Salman Al Saud.

Foto: Andrew Couldridge / Action Images via Reuters

Ex-Champ Anthony Joshua brennt nach der Blamage gegen Andy Ruiz auf Revanche, doch der Rückkampf hat auch eine politische Dimension.

Hamburg/Riad. „Salam aleikum“, sagt Anthony Joshua und lächelt, und natürlich jubeln ihm die Fans nach dem arabischen Gruß beim öffentlichen Training unter freiem Himmel in Riad zu. Der Ex-Champ nickt zufrieden, dann schlägt er martialische Töne an.

„Ich denke, es wird einen Knockout geben“, sagt der 30 Jahre alte Brite vor dem mit Spannung erwarteten WM-Rückkampf gegen Andy Ruiz Jr. (30): „Blutvergießen und einen Knockout – das wollen die Leute sehen.“ Tatsächlich wird sich ein Spross der saudischen Königsfamilie den Boxring nach dem Kampf in seinen Palast stellen lassen – „als Andenken komplett mit Blut“, wie der Chef des Ringherstellers berichtet.

Saudi-Arabien zahlt für den Kampf 100 Millionen Dollar

Derartige Sonderwünsche sind nicht der einzige Grund, weshalb der gefühlte „David gegen Goliath“-Kampf unter einem besonderen Stern steht. Rund 100 Millionen Dollar (etwa 90 Millionen Euro) soll Kronprinz Mohammed bin Salman das Spektakel am Sonnabend (gegen 21.45 Uhr, DAZN) wert gewesen sein. Und der „Clash on the Dunes“ soll zu einer gigantischen PR-Kampagne für das Land werden, dessen Menschenrechtslage von der Organisation Amnesty International als „katastrophal“ bezeichnet wird.

Der Kampf in Diriyya, einem Vorort der Hauptstadt Riad, sei eine „weitere Gelegenheit für die saudischen Herrscher, ihr stark angeschlagenes Image über den Sport reinzuwaschen“, sagte Felix Jakens, Sonderbeauftragter von Amnesty UK: „Trotz einiger längst überfälliger Reformen der Frauenrechte ist Saudi-Arabien aktuell dabei, die Menschenrechte dramatisch zu unterdrücken. Frauenrechtler, Anwälte und Mitglieder der Minderheit der Schiiten werden verfolgt.“ Von der weltweiten Empörung rund um die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi ganz zu schweigen.

Scharfe Kritik von Amnesty International

Wie andere Länder in der Region hat auch Saudi-Arabien seit längerer Zeit den Sport entdeckt, um ein möglichst positives Bild in die Welt zu senden, eine Praxis, die Amnesty als „Sportswashing“ bezeichnet.

Für Verbände und Funktionäre ist der Reiz des Geldes offenbar zu groß. Ungeachtet der politischen Umstände vergeben sie Veranstaltungen ohne Umschweife in die Wüste. Prominentestes Beispiel: die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar.

Joshua ist all das reichlich egal, der Klitschko-Bezwinger ist voll und ganz auf Wiedergutmachung fokussiert. Der Modellathlet (1,98 Meter, 113 kg) präsentiert sich deutlich fitter als im Hin-Fight in New York im Sommer, der für ihn in einem Desaster endete und als eine der größten Sensationen im Schwergewichtsboxen in die Geschichte einging.

Joshua fragt sogar Klitschko um Rat

Die K.o.-Niederlage im Madison Square Garden hatte bei ihm Spuren hinterlassen, schließlich stand der Olympiasieger von 2012 nach sieben Runden gegen den als pummelig verspotteten Außenseiter Ruiz erstmals in seiner Profikarriere als Verlierer da.

„Das Ziel ist einzig und allein: gewinnen, gewinnen, gewinnen“, sagt Joshua. Für die Rückkehr auf den Schwergewichts-Thron der Verbände WBA, IBF und WBO hat er sogar seinen alten Rivalen Wladimir Klitschko um Rat gebeten.

Unterschätzen werde er Ruiz, der zum ersten Schwergewichts-Champion mit mexikanischen Wurzeln wurde und sich danach eine Luxus-Villa und einen Rolls-Royce gönnte („Ich habe das Leben genossen“), diesmal auf keinen Fall.

Joshua bekommt sechs Mal mehr Gage als der Champ

„Ich werde schlauer sein“, sagte Joshua, dessen Kampfbörse über 60 Millionen Dollar (rund 54 Millionen Euro) betragen soll und damit etwa sechsmal höher ausfällt als die des amtierenden Weltmeisters. Überhaupt fühlt sich das Ruiz-Lager benachteiligt. „Ich finde, dass Andy einen Kampf in Mexiko oder den USA verdient gehabt hätte“, sagt sein Trainer Manny Robles: „Wir bekommen nicht den Respekt, den wir verdienen.“

Die große Show soll das natürlich nicht trüben. Abgesehen von den sonst obligatorischen Nummerngirls wird es in Saudi Arabien an nichts fehlen, Promoter Eddie Hearn träumt bereits davon, dass der Fight einen Platz neben den „großen Kämpfen wie ‘Rumble in the Jungle’ (Ali gegen Foreman, 1974 in Kinshasa/Demokratischen Republik Kongo) oder dem ‘Thrilla in Manila’ (Ali gegen Frazier, 1975 auf den Philippinen), einnehmen wird.

Es sei eine „wunderbare, wunderbare Entscheidung“ gewesen, das Event in Saudi-Arabien auszutragen. Auch von Joshua und Ruiz war (bisher) keine Kritik am Austragungsort zu hören, nicht einmal im Ansatz. Wer beißt auch schon die Hand, die einen füttert?

( BM )