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Antoine Griezmann: Vom Weltmeister zum Sorgenkind

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Florian Haupt
Antoine Griezmann (l.) wechselte im Sommer für 120 Millionen Euro von Atlético Madrid zum FC Barcelona.

Antoine Griezmann (l.) wechselte im Sommer für 120 Millionen Euro von Atlético Madrid zum FC Barcelona.

Foto: Denis Doyle / Getty Images

Antoine Griezmann sucht neben Superstar Messi noch seinen Platz beim FC Barcelona – auch am Mittwoch in der Königsklasse gegen den BVB.

Barcelona. Lionel Messi zog Richtung Tor, neben sich eine Traube von drei Verteidigern; so wie man es schon unzählige Male gesehen hat. Überraschend war auch nicht, dass sich der argentinische Wunderkicker durchsetzte und das Solo mit einem Lattentreffer abschloss. In die Analysen brachte es die Szene vom vergangenen Champions-League-Spiel des FC Barcelona gegen Slavia Prag aus einem anderen Grund: Messi hätte während seines Dribblings mehrfach auf den frei stehenden Antoine Griezmann abspielen können. Tat es aber nicht. Und da der sechsfache Weltfußballer einen 360-Grad-Instinkt für alles besitzt, was auf einem Fußballplatz geschieht, mithin einen Nebenmann nicht einfach übersieht, war klar: Er wollte es auch nicht.

Am Ende stand ein 0:0, weshalb Barca vor dem Topspiel gegen Borussia Dortmund an diesem Mittwoch (21 Uhr, Sky) kaum weniger unter Druck steht als das Team von Lucien Favre. Nur ein Sieg gibt den Katalanen die Garantie, ein Alles-oder-Nichts-Match am letzten Spieltag bei Inter Mailand zu vermeiden, das noch mehr Alarmstimmung heraufbeschwören würde. Schon jetzt kann auch die knappe Tabellenführung in der Liga die Kritik nicht überdecken. Zu regelmäßig liefert Barca fußballerische Offenbarungseide wie am Sonnabend während des glücklichen 2:1 bei Schlusslicht Leganés.

Am vergangenen Wochenende wurde Griezmann so früh ausgewechselt wie noch nie

Und immer öfter finden diese Offenbarungseide ihren stärksten Ausdruck in den hängenden Schultern des im Sommer für 120 Millionen Euro von Atlético Madrid eingekauften Weltmeisters Griezmann. „Am Rande der Lächerlichkeit, Spiel für Spiel“, sieht den 28-jährigen Angreifer die seriöse „La Vanguardia“, während ihm die klubnahe „Sport“ unterstellt: „Er ist nicht mal ein Zehntel des Spielers, der er bei Atlético war.“ Vier Treffer in 1267 Minuten hat Griezmann erst erzielt, in den vergangenen sechs Partien schaffte er weder ein Tor noch eine Torvorlage, bei Leganés wurde er in der 57. Minute ausgewechselt, so früh wie nie. „Seine nächste jämmerliche Partie“, so „Marca“, die eine rücklaufende Integration feststellt: „Er ist jetzt weniger akklimatisiert als bei seiner Ankunft.“

Eigentlich, so der Plan bei Barca, sollte Griezmann die Mannschaft aus dem Albtraum des 0:4 von Liverpool im vergangenen Champions-League-Halbfinale wachküssen. Doch inzwischen braucht er selbst Mund-zu-Mund-Beatmung. „Manchmal ist es hart“, gestand er gegenüber „Radio Monte Carlo“: „Du hast kein Selbstvertrauen am Ball, und das verleitet dich zu Fehlern“. Die Dynamik ist gefährlich, im Verein wissen sie das zu gut. Während Ousmane Dembélé vor der Begegnung mit seinem Ex-Klub immer noch nicht richtig angekommen ist, hat ein anderer Toptransfer der vergangenen Jahre schon resigniert. Auch Philippe Coutinho verlor erst das Lachen, dann den Glauben und schließlich den der Teamkollegen an ihn. Mittlerweile ist er Leihspieler beim FC Bayern.

Mit Messi redet der französische Weltmeister kaum

Die Anpassung an Barcas besonderen Fußballstil gilt seit jeher als kompliziert. Für Offensivspieler verschärft die Omnipräsenz von Messi das Problem – vor allem dann, wenn sie wie Griezmann gern einen ähnlichen Raum zwischen Mittelfeld und Sturmzentrum besetzen. Ganz buchstäblich sucht der Franzose nun seinen Platz. „Ich habe die Laufwege von Messi, (Luis) Suárez und Dembélé noch nicht verinnerlicht“, räumt er ein. Im Prag-Spiel tauschten Messi und er über 90 Minuten nur vier Pässe aus.

Mühsam versuchen alle Beteiligten zu dementieren, dass es dafür auch persönliche Hintergründe gibt. Messi und sein Busenkumpel Suárez sollen im Frühjahr 2018 mit Anrufen bei Griezmann um einen Wechsel zu Barca geworben haben – und entsprechend enttäuscht gewesen sein, als dieser nicht nur absagte, sondern das Non auch noch in einer 30-minütigen Doku inszenierte („La Decisión“). Das damals entstandene Misstrauen hat sich mit dem nachgeholten Transfer offenbar nicht verflüchtigt. Zwar wurden sie zuletzt gemeinsam bei einem Kindergeburtstag gesehen, und man sei im Trio auch schon mal Abendessen gegangen, berichtet Griezmann. Und trotzdem: „Messi und ich reden beide nicht viel. So ist es schwer.“