Boxen

Mit Rockys Erfahrung: Zwei Berliner Boxer auf Titeljagd

Björn Schicke und Vincenzo Gualtieri, einst von Graciano Rocchigiani trainiert, stehen am Sonnabend in Berlin im Ring.

2016 noch vereint, mittlerweile aber müssen Björn Schicke (2.v.l.) und Vincenzo Gualtieri (2.v.r.) ohne ihren Trainer Graciano Rocchigiani (l.) antreten.

2016 noch vereint, mittlerweile aber müssen Björn Schicke (2.v.l.) und Vincenzo Gualtieri (2.v.r.) ohne ihren Trainer Graciano Rocchigiani (l.) antreten.

Foto: Bernd Wende Sportfoto / picture alliance / Photowende

Berlin. Bei einem Trainingslager in der Mongolei wurde aus dem Trio ein echtes Team. So jedenfalls sehen es die beiden Berliner Boxprofis Björn Schicke und Vincenzo Gualtieri. „Das war wirklich cool. Graciano Rocchigiani war ein harter Trainer für uns, aber er war auch ein Vorbild, er hat gesagt, was er dachte. Er hat viel von dem, was er verlangt hat, mit uns mitgemacht oder vorgemacht“, fasst der 31-jährige Schicke die Zeit mit Rocky zusammen. Gualtieri, fünf Jahre jünger als sein Trainingskollege, stimmt zu: „Ich habe viel von ihm gelernt. Im Ring und außerhalb. Ehrlichkeit, Gradlinigkeit, Härte – und er war ein Motivator.“

Etwas mehr als ein Jahr nach dem tragischen Unfalltod von Graciano Rocchigiani (1. Oktober 2018 auf der Staatsstraße SS 121 zwischen Belpasso und Catania auf Sizilien) geht es für die beiden letzten Rocky-Schützlinge, mittlerweile beim Agon-Boxteam in Berlin unter Vertrag, am Sonnabend in der Arena Berlin um zwei Titel. Schicke trifft im Duell um die europäische Krone im Mittelgewicht auf den 32 Jahre alten Adnan Rodriguez, der auf der Sonneninsel Teneriffa zu Hause ist. Gualtieri boxt um die deutsche Meisterschaft im Mittelgewicht gegen Ercan Tuncel (27) aus Düsseldorf. Den Titel, den Schicke für seine EM-Chance niedergelegt hat.

Ihren Trainer haben beide nie live im Ring gesehen

Dass er es so weit bringen würde, daran hat Björn Schicke lange Zeit nicht gedacht. Seine Boxerlaufbahn begann als Zwölfjähriger: „Wir hatten in der Schule eine Sichtung. Und das Boxen hat mir Spaß gemacht. Ich habe bis dahin ein bisschen Judo ausprobiert (Gelbgurt, d. R.), das war auch okay.“ Und mit einem Lächeln fügt er hinzu: „Meine Mutter hat mir Boxen verboten, mein Vater erlaubt.“

Nach 69 Amateurkämpfen für den SC Berlin (vier Mal Berliner Jugendmeister) war erst einmal Schluss. „Ich habe eine Ausbildung zum Baufacharbeiter angefangen, und irgendwie war die Luft raus“, so Schicke. Nach zehn Jahren Pause überredete ihn sein Freund Enrico Kölling, 2012 Olympiastarter in London, wieder einzusteigen. Kurze Zeit später begann die Zusammenarbeit mit Graciano Rocchigiani und dessen Bruder Ralf. „Wenn ich etwas bedauere, dann dass mir die zehn Jahre an Erfahrung fehlen. Aber ich werde das aufholen“, sagt Schicke.

Berliner Culcay nimmt erneuten Anlauf Richtung WM

Bei Vincenzo Gualtieri, als Knirps Fußballer beim Wuppertaler SV, stellte der ältere Bruder Salvatore die Weichen zum Boxen. „Mit zwölf habe ich Rocky kennengelernt. Der hatte ein Gym in Duisburg und ich war zum Vorboxen da. Wir haben den Kontakt nie verloren. Als er später wieder in Berlin war, hat er mir ein Angebot gemacht. Das war meine Chance.“ Als Amateur boxte Gualtieri zuerst für den ASV Wuppertal, dann erfolgreich beim Bundesliga-Abonnementsmeister Velberter BC. Weder Schicke noch Gualtieri haben Graciano Rocchigiani live im Ring gesehen – was beide bedauern.

Neben den beiden Rocky-Recken klettert am Sonnabend auch Jack Culcay, 2009 Amateurweltmeister und von Juni 2016 bis März 2017 Champion bei den Profis, in den Ring. Der 34-Jährige, ebenfalls im Agon-Team, trifft in seinem 31. Profikampf auf den noch ungeschlagenen Kölner Jama Saidi (27). Es geht um die Europameisterschaft im Halbmittelgewicht nach Version der World Boxing Organization (WBO) und damit verbunden um einen neuen (vielleicht sogar letzten?) Anlauf in Richtung einer Weltmeisterschaft.