Nationalmannschaft

Leon Goretzka - „Das Ziel muss sein: Kein Rassismus“

Leon Goretzka erklärt, dass er sich jetzt öffentlich gegen Rassismus einsetzt und warum Bochum immer noch Heimat ist.

Leon Goretzka wärmt sich auf für alles, was auf ihn zukommt. Der geborene Bochumer bezeichnet sich selbst als sehr ehrgeizig.

Leon Goretzka wärmt sich auf für alles, was auf ihn zukommt. Der geborene Bochumer bezeichnet sich selbst als sehr ehrgeizig.

Foto: Jörg Schüler / Bongarts/Getty Images

Berlin. Noch am Freitag gibt es Lob von höchster Stelle für Leon Goretzka: „Leon hat in dieser Woche einen sehr guten Eindruck gemacht“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. Im EM-Qualifikationsspiel gegen Weißrussland wird der 24-Jährige trotzdem erst einmal auf der Bank sitzen. Ein Dauerzustand soll das aber nicht werden. Denn Goretzka strebt in der Nationalmannschaft eine Führungsrolle an, wie er im Interview verrät.

Berliner Morgenpost: Wie oft müssen Sie derzeit an Herbert Grönemeyer denken?

Leon Goretzka: (überlegt kurz) Sie spielen auf das Lied „Bochum“ an? Ich habe jetzt eine Sekunde gebraucht, um mich an die Zeile zu erinnern, in der Düsseldorf eher kritisch besungen wird. Ich mag die Stadt, weil meine Schwester hier wohnt. Und ich war auch das eine oder andere Mal hier, als ich noch im Ruhrgebiet gelebt habe.

Sie sind erstaunlich textsicher.

Es ist ja auch die Hymne meines Heimatvereins.

Konnten Sie denn die Woche in Düsseldorf nutzen, um in der Heimat Bochum vorbeizuschauen?

Ja, das hat sich angeboten. Wir haben uns mit der Nationalmannschaft erst am Dienstag getroffen, einen Tag später als sonst. Deswegen konnte ich etwas länger zu Hause sein.

Ihre Eltern wohnen noch in dem Haus, in dem Sie groß geworden sind.

Genau. In dem Haus habe ich auch gewohnt, als ich bei Schalke gespielt habe. Das ist mein Rückzugsort.

Was bedeutet Ihnen so ein Ort?

Alles. Das ist ein richtig schönes Haus mit genügend Platz. Da war früher immer viel los, ich hatte immer viele Freunde zu Hause. Es gab ein Fußballzimmer, eine Tischtennisplatte, einen Basketballkorb. Für ein Kind war das ein Paradies. Es gab Tage, an denen eine komplette Jugendmannschaft des VfL Bochum zu Besuch war. Diese schönen Erinnerungen kommen hoch, wenn ich zu Hause bin. Das ist für mich ein durchweg positiver Ort.

Sie haben sich mit dem Wechsel zum FC Bayern bewusst aus dem behüteten Umfeld herausbewegt. Der richtige Schritt?

Ich hatte fünf wunderbare Jahre auf Schalke. Aber ich möchte das sportliche Maximum aus meiner Karriere herausholen. Ich will wissen, wo mein Limit ist. Deswegen war es logisch, den nächsten Schritt zu machen. Andere studieren, um das Elternhaus zu verlassen. Ich musste Fußballer werden (lacht).

Warum zu den Bayern?

Wenn du mit Schalke in der Bundesliga spielst und dich konsequent verbessern möchtest, dann gibt es in der Liga eigentlich nur noch die Bayern.

Dortmund ging nicht?

Zum damaligen Zeitpunkt haben wir die Derbys gegen Dortmund gewonnen, deswegen wäre das ja nicht unbedingt ein Schritt nach vorne gewesen. Aber Spaß beiseite: Bayern war für mich der logische und richtige Schritt. Ich habe mich sehr schnell unheimlich wohlgefühlt in München.

Ist München schon Heimat?

Heimat wird immer mein Zuhause in Bochum sein. Aber ich erlebe München total positiv. Es gibt sogar viele Ecken, die dem Ruhrpott ähneln.

Wir haben das Gefühl, dass Sie sich auch als Typ sehr weiterentwickelt haben.

Es wäre ja auch schlimm, wenn Sie einen anderen Eindruck hätten. Ich habe in der vergangenen Zeit angefangen, meine Gedanken zu politischen und gesellschaftlichen Themen stärker zu äußern. Die Gedanken hatte ich auch vorher, aber habe sie meist nicht in der Form geteilt. Vielleicht entsteht dadurch dieser Eindruck.

Warum machen Sie das?

Die Gesellschaft – und gerade auch die jüngere Generation – wird politischer. Ich hatte bis vor ein paar Jahren erschreckend wenig Ahnung von politischen Themen. Das hat sich durch die Entwicklungen in diesem Land geändert. Wenn ich als Sportler so viel Gehör finde, kann ich das ja auch anders nutzen, als nur zu zeigen, was für ein tolles Auto ich fahre.

Denken Sie da an Dinge wie die Fridays-for-Future-Bewegung?

Das ist das womöglich prominenteste Beispiel. Aber auch in meinem Freundeskreis unterhalten wir uns viel öfter nicht nur über vermeintlich belanglose Themen, sondern beispielsweise auch über Politiktalks vom Vorabend. Ich bin mit Sicherheit kein Aktivist, aber ich habe einen Standpunkt zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.

Sie äußern sich gegen Rassismus und Homophobie sowie für Gleichberechtigung. Wie weit ist der Fußball bei solchen Themen?

Die Entwicklung ist insgesamt positiv, aber es gibt immer wieder Negativerlebnisse, die extrem viel mediale Aufmerksamkeit erlangen. Da ist es nur konsequent, dass man Stellung bezieht, wenn man eine Meinung hat. Trotz allem bin ich sehr glücklich, in unserem Land leben zu dürfen: Wir haben eine Frau als Bundeskanzlerin, einen schwulen Bundesgesundheitsminister. Wir sollten die Leute nach ihren Leistungen bewerten und nicht nach Geschlecht, Herkunft oder sexueller Orientierung.

Dennoch scheint sich der Fußball noch ein bisschen schwerzutun.

Natürlich. Man kann nicht stolz darauf sein, dass es wenig Rassismus gibt. Das Ziel muss sein: kein Rassismus. Aber es gibt viele Positivbeispiele. Schauen Sie sich die Nationalmannschaft an: Das ist ein kunterbunter Haufen, viele Spieler haben Migrationshintergrund. Das spielt keine Rolle, sie werden kein bisschen anders behandelt. Im Gegenteil: Die Vielfalt bereichert unsere Mannschaft.

Würden Sie sich wünschen, dass andere Prominente sich ähnlich klar positionieren?

Ich kann verstehen, dass manche davor zurückschrecken oder einfach zurückhaltender agieren. Ich bekomme teils auch mal erschreckende Reaktionen. Deswegen kann man das von niemandem verlangen. Trotzdem möchte ich jedem Mut zusprechen, seine Stimme zu erheben. Wenn man mögliche Anfeindungen richtig einzuordnen weiß, kann man sehr gut damit umgehen.

Zuletzt gab es beim DFB Diskussionen, nachdem Emre Can und Ilkay Gündogan einen Instagram-Post mit „Gefällt mir“ markiert haben, auf dem türkische Spieler militärisch salutierten – eine Unterstützung für den Krieg in Syrien. Wie ist die Mannschaft damit umgegangen?

Mich hat unsere Reaktion sehr gefreut.

Dass die Aktion kritisiert, die beiden aber als Mitspieler dennoch unterstützt wurden?

Genau das – und dass wir als Nationalmannschaft direkt nach dem Estland-Spiel ein ganz klares Zeichen für Vielfalt und gegen Diskriminierung abgegeben haben. Dass es ein Fehler war, haben beide eingesehen und sich entschuldigt. Die Erklärung der beiden war für mich plausibel, und ich habe sie akzeptiert. Ich behaupte, Ilkay und Emre gut zu kennen, ich bin sicher, dass sie Krieg keineswegs befürworten. Deswegen hat die Mannschaft toll reagiert. Das Foto, das dann publiziert wurde, auf dem Manuel Neuer als Kapitän beide im Arm hat, sagt alles.

Sie gehören zu den Jahrgängen 1995/96, die beim DFB in den Vordergrund drängen. Wie würden Sie Ihre Generation beschreiben?

Die meisten von uns haben schon außergewöhnlich viel Erfahrung für ihr Alter. In der Bundesliga, aber auch schon in der Champions League. Deswegen werden wir auch nicht wie Frischlinge betrachtet, sondern voll akzeptiert. Wir sind bereit, und wir wollen Gas geben.

Wie sehen Sie Ihre Rolle dabei?

Es ist eine meiner Stärken, Verantwortung zu übernehmen. Dazu muss ich mit top Leistung auf dem Platz vorangehen. Das hat bis jetzt gut geklappt.

Woher kommt Ihr Ehrgeiz?

Der ist sicher angeboren. Ich konnte noch nie verlieren, egal bei was. Und gerade bei Ballsportarten war das für Mitspieler sicher nicht immer leicht – und mir manchmal auch etwas unangenehm.

Wenn man Ihren Weg sieht, ging es stetig aufwärts – aber immer waren die Klubs von Unruhe begleitet: Bochum, Schalke, jetzt die anderthalb Jahre in München…

Sie meinen, das liegt an mir? Vielleicht sollte ich mich mal hinterfragen. (lacht)

Wie haben Sie denn die unruhige Zeit in München erlebt?

Den Begriff Unruhe muss man richtig einordnen. Bei großen Klubs ist eine gewisse Erwartungshaltung ganz normal. Das kannte ich auch von meinen fünf Jahren auf Schalke und habe meine Erfahrungen sammeln können. Ich habe da eine gewisse Souveränität, aber ich hätte nichts dagegen, wenn es mal ruhiger ist.

Gelingt die EM-Qualifikation?

Das ist natürlich unser Ziel und unsere Erwartung. Und wir sind so selbstbewusst zu sagen, dass wir beide Spiele gewinnen können und wollen.