Tennis

ATP-WM in London: Zverev auf der Achterbahn

So wie seine ganze Saison verläuft auch die ATP-WM für Alexander Zverev. Den Einzug ins Halbfinale hat er trotzdem selbst in der Hand.

Alexander Zverev muss an diesem Freitag gegen Daniil Medwedew liefern – sonst ist die Tennis-WM für den Hamburger beendet.

Alexander Zverev muss an diesem Freitag gegen Daniil Medwedew liefern – sonst ist die Tennis-WM für den Hamburger beendet.

Foto: Kirsty Wigglesworth / dpa

London. Als Alexander Zverev am Mittwoch mit hängenden Schultern aus der Arena schlich, passte dieser Londoner Abend zu seiner ganzen Tennis-Saison 2019. Das Bild war verwirrend, widersprüchlich. Im ersten Gruppenspiel hatte Zverev einen beinahe makellosen Zwei-Satz-Sieg gegen den Weltranglistenersten Rafael Nadal gefeiert. Nun, nach einer glatten 3:6, 2:6-Abfuhr gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas, war er in seiner scheinbar ewigen Achterbahnfahrt wieder in Bodennähe angekommen.

Am Freitag wartet ausgerechnet der Aufsteiger des Jahres

Ein Triumph, ein herber Rückschlag, ein schnelles WM-Hochgefühl, ein Frusterlebnis. Was der 22 Jahre alte Hamburger in London erlebt, ist ein Abbild der vergangenen Monate, in denen er immer wieder nach Konstanz und Gleichmaß an seinem Arbeitsplatz suchte. Und diese Suche auch bis zum allerletzten Pflichtauftritt in London verlängerte. „Trotzdem gehe ich optimistisch in das letzte Gruppenspiel. Das Gute ist: Ich habe es selbst in der Hand. Ich kann noch länger bei diesem Turnier bleiben“, sagte Zverev, der am Freitag gegen den Russen Daniil Medwedew anzutreten hat, den bisherigen Aufsteiger des Jahres.

Zverevs Saison 2019 war gekennzeichnet durch Turbulenzen, durch Streitigkeiten und Zerwürfnisse außerhalb des Platzes – stete Unruhe, die Wirkung entfaltete auf das, was sich auf den Center-Courts tat. Zverev kämpft inzwischen wieder mehr gegen seine Gegner an als gegen sich selbst und die (überwundenen) Belastungen im Umfeld, aber ganz ohne Aufregung geht es auch in London nicht bei ihm ab. Fast symptomatisch hatte sich der Deutsche nach der Abfuhr gegen Generationsgenosse Tsitsipas auf einmal auch gegen Vorwürfe zu wehren, er habe womöglich auf einem Mobiltelefon in seiner Tennistasche irgendwelche Hinweise von seinem Team erhalten.

Handy-Vorwurf weist Zverev zurück

TV-Szenen legten den Verdacht nahe, Zverev war dabei zu sehen gewesen, wie er in der Tasche Handbewegungen ausführte, ähnlich der Bedienung eines Handys. Eine Überblendung des Fernsehbildes mit dem aktuellen Spielresultat verhinderte indes einen genauen Einblick. Viel Wind um nichts, befand Zverev selbst. Er wisse nicht, was dort beobachtet worden sei, sagte er, „mein Handy war es jedenfalls nicht. Das habe ich in der Kabine gelassen.“ Wäre Zverev beim Einsatz eines Mobiltelefons erwischt worden, hätte er schmerzliche Sanktionen befürchten müssen.

Sein Blick auf die Saison 2019 kann sich in den nächsten Tagen noch einmal zum Guten hin verändern – oder einfach so bleiben, wie er bisher war: nämlich als Blick auf schwankende Vorstellungen, gerade bei den großen Turnieren. Gegen Medwedew, den 23 Jahre alten Moskowiter, sollte er gewinnen, um Rechenspielen aus dem Weg zu gehen. Rein theoretisch könnte er ja nach den Kalkulationen in der höheren WM-Mathematik verlieren, wenn das zweite Gruppenspiel am Freitag zwischen Tsitsipas und Nadal das gewünschte Ergebnis liefert. Bleibt Zverev, so oder so, im Turniergeschehen drin, ist noch alles möglich, bis hin zu einem Überraschungscoup wie im Vorjahr. Damals hatte er am Finalwochenende hintereinander Federer und Djokovic besiegt, zur eigenen Verblüffung.

Medwedew ist ein genauso unsteter Kantonist

So weit kann der Titelverteidiger aber noch gar nicht denken. Daniil Medwedew bleibt für ihn jenseits aller vagen Hoffnungen auf ein Happy End zunächst die große Herausforderung. Der US-Open-Finalist ist ein ebenso unberechenbarer Kantonist wie er selbst. Kürzlich, beim ATP-Masters in Schanghai, hatte Zverev im Endspiel gegen den Russen nicht den Hauch einer Chance. Es war die erste Niederlage im fünften direkten Vergleich. Am Mittwoch hatte Medwedew auf der Londoner WM-Bühne einen denkwürdigen Center-Court-Blackout erlebt, als er noch eine 5:1-Führung mit Matchball im dritten Satz gegen Nadal verspielte. „Er wird umso mehr im letzten Spiel siegen wollen. Er kann ja auch noch ins Halbfinale kommen“, sagte Zverev, „es ist eben ein Alles-oder-Nichts-Spiel.“ Nicht nur für den Russen.