Eisschnelllauf

Pechstein bei den Polen: Endlich wieder ein starkes Umfeld

Claudia Pechstein und der deutsche Verband liegen im Zwist. Für die Leistungen der Berlinerin kann das sogar förderlich sein.

Claudia Pechstein im Februar bei der WM in Inzell im Rennen über 5000 Meter. Sie wurde Siebte im 50. WM-Lauf ihrer Karriere.

Claudia Pechstein im Februar bei der WM in Inzell im Rennen über 5000 Meter. Sie wurde Siebte im 50. WM-Lauf ihrer Karriere.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Berlin. Eine gewisse Nervosität begleitet Claudia Pechstein. Sie muss sich vorbereiten, immer wieder durchgehen, was sie sagen möchte. Denn der Berlinerin wird bald eine nicht unerhebliche Ehre zuteil. Sie darf am 12. November in Potsdam die diesjährige Oberlinrede halten. Bei dieser Veranstaltung der diakonischen Stiftung, die sich gesellschaftlichen Themen widmet, sprach vor zwei Jahren etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Große Reden liegen Pechstein normalerweise nicht, doch sie nutzt die Gelegenheit gern. Schließlich zeugt die Einladung vom gesellschaftlichen Ansehen der fünfmaligen Olympiasiegerin im Eisschnelllauf.

Mehr als erstaunlich ist es daher, dass die hochdekorierte Athletin im eigenen Verband offenbar weit weniger Wertschätzung genießt. Und deshalb nun mit der polnischen Nationalmannschaft trainiert. Trainieren muss, denn Bundestrainer Erik Bouwman hatte ihr im Sommer mitgeteilt, dass er „keinen Bock“ mehr auf sie habe.

Pechstein kritisiert Situation des Verbandes

Bizarre Umstände gehören bei der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) seit Langem zur Normalität. Die immer neuen Varianten der Kuriositäten lassen Beobachter aber nur noch fassungslos zurück. Denn Pechstein mag zwar 47 Jahre alt sein, aber sie ist noch immer die beste deutsche Eisschnellläuferin.

„Mir erschließt sich die Situation auch nicht. In meinen Augen hat er sich damit für den Job als Bundestrainer selbst disqualifiziert. Aber in der DESG wird das scheinbar anders gesehen. Das sagt viel über den Zustand des Verbandes und seine personellen Alternativen aus“, sagt die Berlinerin.

DESG-Präsidentin Stefanie Teeuwen zurückgetreten

Am Donnerstagabend trat nun DESG-Präsidentin Stefanie Teeuwen zurück. Dies teilten DESG-Vizepräsident Uwe Rietzke und Schatzmeister Dieter Wallisch in einer Erklärung mit.

„Als Spitzensportlerin im Eisschnelllauf blieb Stefanie Teeuwen dem Sport auch nach ihrer aktiven Zeit bis heute treu. Frau Teeuwen bedankt sich bei allen, die sie auf ihrem Weg unterstützt und begleitet haben“, heißt es in der Mitteilung. Gründe für den Rücktritt der 50-Jährigen wurden zunächst nicht genannt.

Kurz darauf meldete sich die fünfmalige Olympiasiegerin Claudia Pechstein auf ihrem offiziellen Facebook-Account zu Wort. Sie sei „geschockt von der Nachricht des Rücktritts“, den sie „bezeichnend für den Zustand unseres Verbandes“ nannte. Die 47-Jährige brachte als Nachfolger ihren Lebensgefährten ins Spiel: „Aus meiner Sicht kann es nur EINEN neuen Präsidenten geben. Sein Name: Matthias Große!!!“ Nur dann werde sich „in diesem Verband auch etwas ändern“

Pechstein gelingt starke Vorbereitung bei den Polen

Wenn von Freitag bis Sonntag in Inzell die deutschen Meisterschaften ausgetragen werden, sollten für Pechstein ohne große Mühe die nächsten Titel über 3000 und 5000 Meter hinzukommen. Nationale Konkurrenz gibt es quasi nicht. „Ich bin selbst gespannt und würde mich freuen, wenn es starke Gegnerinnen gäbe“, erzählt Pechstein. Michelle Uhrig (23/Berlin) und Roxanne Dufter (27/Inzell) dürften noch am nächsten dran sein, aber dennoch weit entfernt von der sechsfachen Weltmeisterin.

Das wirft kein gutes Licht auf die DESG, deren Niedergang sich in immer weniger Spitzenplatzierungen manifestiert. Dass Pechstein sich aufgrund ihres Alters und mangelnder Qualität der Kolleginnen nicht in aussichtslose Team-Verfolgungen stürzen mag, erscheint da nachvollziehbar. Doch genau diesen Verzicht bei der WM im Februar in Inzell nahm Bundestrainer Bouwman der Berlinerin wohl übel. Pechstein fordert nun eine „fette Entschuldigung“, sollte der Verband noch einmal mit ihr für die Verfolgung planen wollen.

Ansonsten geht sie ohnehin ihre eigenen Wege. Schon im vergangenen Jahr hatte sie locker Anschluss an die Polen gesucht, da geeignete Trainingspartner in Deutschland fehlen. Nun wurde diese Zusammenarbeit intensiviert. „Es ist ein sehr schönes Gefühl, Teil eines intakten, harmonischen und leistungsstarken Teams zu sein. Ich konnte mich in der heißen Phase der Saisonvorbereitung voll und ganz auf den Sport konzentrieren. Im Vergleich zu den Vorjahren, in denen ich mein Trainingsumfeld stets selbst organisieren musste, waren die Bedingungen nahezu optimal“, sagt sie. Sogar einen Nationenwechsel hatte sie kurzfristig in Erwägung gezogen.

Pechsteins Olympiatraum lebt weiter

Doch sie strebt ihren achten Start bei Olympischen Spielen an, unter der Flagge, unter der sie bereits sieben Mal im Zeichen der Ringe dabei gewesen ist. „Für meinen Kopf war es unheimlich wichtig, dass ich bis zu den Spielen in Peking 2022 mit dem Nationalteam Polens trainieren darf. Darauf haben wir uns bereits zu Beginn der Zusammenarbeit verständigt. Damit habe ich Planungssicherheit“ erzählt Pechstein, die bei den Polen so viel Anerkennung genießt, dass diese sogar auf ihre Vorschläge zur Trainingsgestaltung eingehen. Zehn Männer und vier Frauen umfasst das polnische Nationalteam auf der Langstrecke, ein so gutes Umfeld konnte die DESG seit Jahren nicht bieten.

Dass die Voraussetzungen bei den Polen stimmen, dafür trägt auch Pechsteins Lebensgefährte Matthias Große Sorge. Das polnische Nationalteam läuft nun mit dem Logo des Müggelturms auf der Brust, der Große gehört. Eine finanzielle Zuwendung, die sich die chronisch klamme DESG entgehen lässt durch die Haltung gegenüber der Berlinerin, die den Verband auch auf internationalem Niveau immer noch gut vertritt und einstellige Platzierungen im Weltcup als Ziel ausgibt.

„Wenn mir international hier und dort der Sprung unter die Top Ten gelingen sollte, darf und werde ich mich glücklich schätzen. Es macht mich sehr stolz, in meinem Alter immer noch diese Leistungen zeigen zu können“, sagt Claudia Pechstein. Auch der Respekt vor dieser Leistungsfähigkeit war ein Grund, warum sie in wenigen Tagen die Oberlinrede hält.