Leichtathletik

Das sind die Erkenntnisse der WM in Katar

Die Erfolge der deutschen Athleten machen Mut für Olympia 2020 in Tokio. Das Zuschauerinteresse in Doha aber war erschreckend.

Die Stimmung im Khalifa-Stadion war nur selten einer WM würdig.

Die Stimmung im Khalifa-Stadion war nur selten einer WM würdig.

Foto: imago images/Inpho Photography

Doha. Um kurz nach acht Uhr hob der Airbus A380 mit der Flugnummer QR0067 von Doha Richtung Frankfurt/Main ab. In dem Flieger saßen neben Trainern und Angehörigen auch zahlreiche deutsche Leichtathleten. Darunter Berlins Top-Sprinterin Gina Lückenkemper, Johannes Vetter, der am Sonntag noch WM-Bronze im Speerwurf gewonnen hatte, sowie die 5000-Meter-Dritte Konstanze Klosterhalfen. Sie konnten es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Ohne die sportliche Herausforderung hielt sie nicht mehr viel in dem Land, das alles versucht hatte, sich als Gastgeber für sportliche Großereignisse zu beweisen. Doch was bleibt von dieser WM in Katar? Ein Überblick.

Wie fiel die deutsche Bilanz aus?

Schon vor dem Start der WM hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) Rückschläge verkraften müssen: Mehrere potenzielle Medaillenkandidaten hatten ihren Start verletzungsbedingt abgesagt. DLV-Präsident Jürgen Kessing nannte die Bilanz noch vor den abschließenden Medaillen von Vetter und Malaika Mihambo (Gold im Weitsprung) am Sonntag „gut durchwachsen“. Er sagte: „Wenn man bedenkt, dass das Team nicht komplett war, was die Leistungsträger angeht, haben sich unsere Athleten bei der WM hervorragend geschlagen.“

Insgesamt belegte Deutschland Rang acht im Medaillenspiegel, holte zweimal Gold und viermal Bronze. Damit ist die Bilanz sogar besser als vor zwei Jahren. In London gab es einmal Gold, zweimal Silber und zweimal Bronze. Besonders erfreulich: In Niklas Kaul (21) und Konstanze Klosterhalfen (22) gehörten zwei Athleten einer neuen Generation zu den Medaillengewinnern. „Wir haben jetzt viel Freude an ihnen und werden hoffentlich in Zukunft noch mehr Freude haben“, sagte Kessing.

Wer sind die neuen Stars?

Die Leichtathletik sucht zwar weiter einen Nachfolger für Superstar Usain Bolt, doch in Doha machten neue Gesichter auf sich aufmerksam. Allen voran: Noah Lyles. Der 22-jährige US-Amerikaner ist der schnellste Mann über 200 Meter und ähnelt in seiner lässig-schelmischen Art dem großen Bolt. Außerdem ist er nicht durch verpasste Dopingtests aufgefallen wie sein Landsmann und 100-Meter-Weltmeister Christian Coleman (23). Ebenfalls Starpotenzial hat der Norweger Karsten Warholm, der Mann mit Wikinger-Hut, der seinen Titel über die 400 Meter Hürden verteidigte. Bei den Frauen machte vor allem Dina Asher-Smith auf sich aufmerksam. Die Britin gewann Silber über 100 und Gold über 200 Meter – beides mit nationalem Rekord.

Welche Erkenntnisse gibt es für Tokio 2020?

„Insgesamt war es für mich eine der schwersten und herausforderndsten Weltmeisterschaften mit einem späten Termin, extremen klimatischen Bedingungen für die Straßenwettbewerbe und einem Zeitplan, der nicht unbedingt auf uns ausgerichtet war“, sagte DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska. Doch er weiß auch: In zehn Monaten, wenn die Olympischen Spiele in Japan beginnen, werden die Bedingungen nicht besser, sondern sogar schlechter sein. Die Luftfeuchtigkeit ist noch höher, die Temperaturen ebenfalls, das Stadion wird anders als das Khalifa-Stadion nicht klimatisiert sein.

DLV-Mannschaftsarzt Andrew Lichtenthal betont daher, wie wichtig es sei, weiterhin das Hitzemanagement der Athleten zu optimieren – zum Beispiel durch spezielles Training in Hitzekammern. Auch die Auswertungen der ersten Hitzekapseln, die die Körperkerntemperatur messen, sollen weitere Erkenntnisse liefern. Sportlich hofft der DLV auf die Rückkehr der Verletzten.

Was ist bei der Fußball-WM 2022 zu erwarten?

Das Gute ist: Die WM der Fußballer findet vom 21. November bis 18. Dezember statt. Da herrschen in Katar Temperaturen zwischen 14 und 25 Grad. Die große Hitze wird es also nicht geben. Ein anderes Problem aber wird bleiben: Das Zuschauerinteresse bei der WM war erschreckend niedrig, selbst wenn zum Fußball mehr Fans kommen sollten – echte Stimmung wird es schwer haben. Dagmar Freitag, Sportausschussvorsitzende des Bundestages, gibt zu bedenken: „Ob Fans aus anderen Ländern Lust haben, die Vorweihnachtszeit in Stadien in der Wüste zu verbringen, versehe ich mal mit einem ganz großen Fragezeichen.“

Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, urteilte kurz vor Ende der WM: „Die einhellige Meinung war, dass das Projekt-Management hier großartig war.“ Und auch der Fußball-Weltverband Fifa betont in Hinblick auf 2022: Die Zusammenarbeit mit den katarischen Behörden läuft bestens. Doch ein großes Problem könnte die Infrastruktur werden. Zwar wird derzeit die erste U-Bahn Katars gebaut, doch das Hauptverkehrsmittel ist das Auto. Die Straßen sind ständig verstopft. Doch spricht man Menschen vor Ort, klingen sie zuversichtlich: Bis zur WM wird alles fertig, alle lieben Fußball.