Marathon

Olympionikin Anna Hahner hat bei erstem Heim-Rennen viel vor

Nach Trainer- und Vereinswechsel peilt die SCC-Läuferin bei ihrem Lieblingsmarathon in Berlin am Sonntag die Olympia-Norm an.

War auch beim Berliner Halbmarathon im April dieses Jahres am Start: Anna Hahner.

War auch beim Berliner Halbmarathon im April dieses Jahres am Start: Anna Hahner.

Foto: Andreas Gora / picture alliance / Andreas Gora

Berlin. Anna Hahner zählt nochmal schnell durch. Zwei, drei, vier, ja, so viele Geschwister hat die Marathonläuferin des SCC Berlin. Und alle werden am Sonntag da sein und sie anfeuern, wenn die 29-Jährige in Berlin 42,195 Kilometer durch die Hauptstadt eilt. „Das ist richtig cool“, freut sich Hahner, „zum ersten Mal werden alle Geschwister samt meiner Eltern nach Berlin kommen.“

Nur Zwillingsschwester Lisa muss nicht extra anreisen. Die ebenfalls zum neu gegründeten SCC Pro Team gehörende Langstreckenläuferin lebt seit Anfang des Jahres in Berlin. An den Start geht sie trotzdem nicht. Die Nachwehen einer Weisheitszahn-OP haben Lisa Hahner in diesem Jahr zurückgeworfen, der Berlin-Marathon käme zu früh.

Bilder, wie die des viel diskutierten und kritisierten Zieleinlaufs bei den Olympischen Spielen in Rio 2016, als die „Hahner Twins“ nach einer mittelmäßigen Vorstellung Hand in Hand über die Ziellinie liefen, wird es in Berlin also nicht geben. Anna Hahner will diesen Abschnitt ihrer Karriere sowieso endlich hinter sich lassen. Jetzt ist Zeit für neue Erinnerungen.

Verletzungen bewegen die 29-Jährige zum Umdenken

Und die wird sie größtenteils allein machen. So wie sie ihren insgesamt 13. Marathon an diesem Sonntag auch ohne schwesterliche Unterstützung laufen wird. „Lisa und ich sind immer noch eine Einheit, aber mit zwei eigenständigen Persönlichkeiten. Wir sind jetzt eher Anna und Lisa Hahner, die Hahner Twins und nicht mehr nur die Hahner Twins“, sagt Anna Hahner. Der Umzug von Lisa nach Berlin war ein erster, großer Schritt auf dem Weg zur Emanzipation. „Wir werden dieses Jahr 30, wurde vielleicht auch Zeit“, sagte sie und lacht.

Genauso wie es an der Zeit war, einige andere Dinge in ihrem Leben zu ändern, nachdem sich 2018 wie ein Seuchenjahr für Anna Hahner angefühlt hatte. Ein entzündeter Oberschenkelmuskel im Frühjahr, ein Ermüdungsbruch im Becken im Herbst, kein offizielles Rennen. „Meine Mentalität ist meist: Mit dem Kopf durch die Wand“, sagt Hahner. „Ich muss dann auch mehrmals gegen die Wand rennen, um zu merken, dass es so vielleicht nicht weitergeht.“

17 Trainingseinheiten stehen in der Woche an

Sie merkte es im Sommer 2018 und zog die Konsequenzen. Ein neuer Trainer musste her, und später dann auch ein neuer Verein. Seit fast einem Jahr wird Hahner nun von Dan Lorang betreut. Der Coach hat Erfahrung mit Ausdauersportlern, trainiert unter anderen den ehemaligen Ironman-Weltmeister Jan Frodeno. „Mit ihm hab ich einen Trainer gefunden, der mich so aufbaut, dass ich eben verletzungsfrei viel trainieren kann“, erklärt Hahner, die seit Anfang des Jahres nun auch für den SCC startet.

Mittlerweile stehen 17 Trainingseinheiten auf ihrem Wochenplan – sieben Mal wird gelaufen, fünf Mal geht es aufs Rad, dreimal ins Wasser, dazu zwei Krafteinheiten. Und zwischendurch macht Hahner noch Yoga – zum mentalen Ausgleich. Als Langstreckenläuferin muss man schließlich gut mit sich allein zurechtkommen. Vor allem in den unzähligen Trainingsstunden. „In solchen Momenten lernt man sich am besten kennen, es gibt keine Ausreden, keine Ablenkung, man ist nur mit sich selbst konfrontiert.“

Im Rennen sei das etwas anders, erzählt Anna Hahner. Dort habe man die vielen Zuschauer, die Konkurrenz und das Ziel vor Augen. „Da bin ich im Optimalfall in einem Trance-Zustand, denke an nichts“, sagt sie. „Wenn dann Gedanken aufkommen, dass die Beine wehtun oder es immer noch 28 Kilometer sind, kann ich diese Gedanken einfach weiterziehen lassen.“

Hahner denkt schon an Olympia 2028 in Los Angeles

Ihren fünften Berlin-Marathon, ihren „absoluten Lieblingsmarathon“, will Anna Hahner schließlich genießen. „Es ist das erste Mal, dass sich der Marathon für mich wie ein Heimrennen anfühlt“, sagt sie. Und dafür hat sich die mehrfache deutsche Vizemeisterin hohe Ziele gesteckt. „Ich will die Norm für die Olympischen Spiele in Tokio schon in Berlin laufen“, sagt Hahner. Im Frühjahr, als sie in Düsseldorf ihren ersten Marathon nach monatelanger Pause gelaufen ist, stand am Ende eine Zeit von 2:36 Stunden. Die Norm für Tokio 2020 liegt bei 2:29:30 Stunden. Damit müsste Hahner sieben Minuten schneller laufen als noch im Frühling. „Ich weiß, dass das jetzt nochmal ein riesengroßer Schritt ist“, sagt sie. „Ich habe sehr viel und sehr intensiv trainiert und traue mir die 2:29 deshalb auch schon zu.“

Hochgesteckte Ziele scheinen Hahner nur zusätzlich zu motivieren. „Wenn der Körper mitmacht und ich noch so viel Feuer und Energie in mir habe, denke ich nicht nur an die Olympischen Spiele in Tokio, sondern auch an 2024 in Paris und 2028 in Los Angeles“, sagt sie. Ambitionierte neun weitere Jahre Leistungssport – und man darf davon ausgehen, dass sich Anna Hahner dabei nicht verzählt hat.