Tennis

So schlimm ist Tennis-Rüpel Nick Kyrgios

Er spuckt auf Schiedsrichter, zerstört Schläger und Stühle: Nick Kyrgios ist das Enfant Terrible im Tennis. Nun kam die letzte Warnung.

Immer heraus mit den Emotionen: Nick Kyrgios spielte gerade beim Laver Cup gegen Lieblingsfeind Rafael Nadal - allerdings nur im Doppel. Für das Einzel mussten beide absagen.

Immer heraus mit den Emotionen: Nick Kyrgios spielte gerade beim Laver Cup gegen Lieblingsfeind Rafael Nadal - allerdings nur im Doppel. Für das Einzel mussten beide absagen.

Foto: Clive Brunskill / Getty Images for Laver Cup

London/Berlin. Er ist der Buhmann des Männer-Tennis und ein gnadenloser Entertainer. Hochbegabt und hoch emotional. Unterhaltsam und unterirdisch. Der Australier Nick Kyrgios (24) hat in seiner sechsjährigen Profitennis-Karriere bisher mehr durch Strafen als durch Siege auf sich aufmerksam gemacht.

Nun hat der australische Tennis-Bad-Boy eine letzte Bewährungschance erhalten. Nick Kyrgios ist nach seinem Ausraster beim Masters in Cincinnati/Ohio glimpflich davongekommen. Erst beim nächsten Fehlverhalten wird der Weltranglisten-27. für vier Monate gesperrt und muss 25.000 Dollar Strafe zahlen. Die Spielerorganisation ATP setzte die Bewährung für sechs Monate an.

In Richtung des Schiedsrichters gespuckt

Worum geht es? Kyrgios hatte im August in Cincinnati während des Zweitrundenmatches gegen den Russen Karen Chatschanow zwei seiner Schläger in den Katakomben zerstört, nachdem ihm der irische Stuhlschiedsrichter Fergus Murphy eine Toilettenpause aufgrund Zeitmangels verweigert hatte. Zudem hatte er in Richtung des Referees gespuckt, ihn beleidigt und sich mit dem Publikum angelegt.

Die ATP belegte den 24-Jährigen nach dem Turnier mit einer Geldstrafe von 113.000 Dollar, daraufhin attackierte Kyrgios den Verband. Bei den US Open bezeichnete er die ATP als „ziemlich korrupt“. Wenig später ruderte er via Twitter kleinlaut zurück („nicht die richtige Wortwahl“), die ATP sah in der Verbalattacke „kein schweres Vergehen“.

Kritik von Australiens Idol Rod Laver

Australiens Tennis-Idol Rod Laver hatte zuvor eine Sperre für seinen unbelehrbaren Landsmann gefordert. „Er hätte aufgrund seiner Aufschlag-Qualitäten ein großer Champion werden können oder könnte noch einer werden. Aber sein Gehirn ist ihm im Weg. Er will sich nicht an die Regeln oder die Schiedsrichter halten“, sagte der elfmalige Grand-Slam-Champion: „Alles was sie ausprobiert haben, hat nicht funktioniert. Eine Suspendierung wäre die einzige Antwort.“

Davon sah die ATP nun ab, gab dem Problemfall jedoch einige Auflagen mit auf den Weg. So muss sich Kyrgios auf der ATP-Tour von einem Mentaltrainer begleiten lassen, zudem muss er in der Saisonvorbereitung im November und Dezember mit einem Verhaltenspsychologen arbeiten.

Kyrgios war bereits in der Vergangenheit auf und neben dem Platz wiederholt verhaltensauffällig geworden. 2016 sperrte ihn die ATP für acht Wochen, daraufhin gelobte Kyrgios Besserung. Er werde die freie Zeit nutzen, um an sich zu arbeiten, teilte er mit. Nachdem Kyrgios sich in sportpsychologische Behandlung begeben hatte, reduzierte die ATP die Sperre auf drei Wochen.

Aufschlag von unten

Im Spielerkreis ist Kyrgios entsprechend umstritten. „Er bewegt sich auf einem schmalen Grat und muss aufpassen. So lange er versucht, zu gewinnen, ist alles okay“, sagt Grand-Slam-Rekordchampion Roger Federer. „Aber wenn er nicht alles gibt, kann ihn niemand mehr in Schutz nehmen. Und wenn er mit Gegnern, Fans und Turnier-Verantwortlichen in den Clinch gerät, ist das auch nicht so cool.“

Im Februar hatte ihm Tennisstar Rafael Nadal nach der Niederlage in Acapulco fehlenden Respekt „vor der Öffentlichkeit, dem Gegner und auch vor sich selbst“ vorgeworfen. Besonders wütend gemacht hatte ihn dabei Kyrgios’ Aufschlag von unten, der in Tenniskreisen als unfair gilt, weil der Ball direkt hinter das Netz und damit unerreichbar für den in der Regel hinter der Grundlinie stehenden Spieler ist.

Und was macht Kyrgios? Ausgerechnet in Wimbledon, wo er 2014 als völlig unbekannter 19-Jähriger die damalige Nummer eins der Welt auf dem heiligen Rasen bezwungen hat? Macht im Zweitrunden-Match gegen Nadal zwei Aufschläge von unten.

Lieblingsfeind Rafael Nadal

Und steigert seine Unfairness gegenüber „Lieblingsfeind“ Nadal („Ich glaube nicht, dass wir auf ein Bier gehen würden. Ich komme mit Leuten aus und mit manchen nicht“), indem er gleich zweimal versuchte, den „Matador“ abzuschießen: „Wie viel Geld hat er auf der Bank? Ich denke, er kann einen Ball auf die Brust verkraften, Kumpel. Ich werde mich da nie für entschuldigen“, wetterte Kyrgios auf der mittlerweile legendären Pressekonferenz nach dem Spiel.

Dort maßregelte er auf der einen Seite einen Reporter, der ihn auf den Pub-Besuch am Abend zuvor ansprach („Hast Du auf diese Frage gewartet?“- Musst Du ein langweiliges Leben haben?“) und sorgte auf der anderen Seite für Lacher, als er unter der Journalisten eine Frau wiedererkannte, die er zuvor im Pub getroffen hatte.

Teenie-Schwarm und Tennis-Prolet

Nick Kyrgios, braungebrannt und im Inneren unergründlich, ist humorvoll und unberechenbar, hochtalentiert und hoch reizbar, unterhaltsam und grenzwertig. Ein Exzentriker und Gratwanderer, Agent Provocateur und Showman, Teenie-Schwarm und Tennis-Prolet.

„Er hat mehr Talent in seinen Fingerspitzen als jeder andere. Aber er wird von Dämonen beherrscht, er braucht eine Therapie. Das ist Selbstsabotage“, sagte Legende Billie Jean King.

Jetzt braucht er aber erst einmal Selbstbeherrschung. Noch eine Unsportlichkeit in den nächsten sechs Monaten - und die Show ist für vier Monate vorbei. Vorerst.