Istaf in Berlin

Ein Weltrekord und viele weitere Mutmacher

Gesa Krause und die Sprintstaffel liefern aus deutscher Sicht die Höhepunkte beim Istaf. Auch andere Athleten zeigen schon WM-Form.

Jubel im Berliner Olympiastadion: Gesa-Felicitas Krause feiert am Sonntag ihren Weltrekord 2000 Meter Hindernis.

Jubel im Berliner Olympiastadion: Gesa-Felicitas Krause feiert am Sonntag ihren Weltrekord 2000 Meter Hindernis.

Foto: Jens Büttner / dpa

Berlin - Von der Ehrentribüne aus verfolgte einer das Geschehen, der über viele Jahre der Star der deutschen Leichtathletik und damit auch des Istaf im Berliner Olympiastadion gewesen war. Robert Harting, der Olympiasieger, Weltmeister und Europameister im Diskuswerfen, ist 2018 zurückgetreten und war nun mit seiner Ehefrau Julia und ihren beiden Ende März geborenen Zwillingen zum Zuschauen gekommen. Er wollte sehen, wie weit seine Nachfolger und Nachfolgerinnen auf dem Weg zu den Weltmeisterschaften vom 27. September bis 6. Oktober in der katarischen Hauptstadt sind. Denn das war ja das Motto dieses 78. Istaf: Generalprobe für Doha.

Krause kassiert 10.000 Euro Prämie

Es gibt einigen Grund zu Optimismus, könnte das Fazit von Berlin lauten. Vor offiziell 40.500 Zuschauern war der Weltrekord von Gesa-Felicitas Krause über die selten gelaufenen 2000 Meter Hindernis der Höhepunkt des Nachmittags. In 5:52,80 Minuten verbesserte die Triererin die 2015 ebenfalls beim Istaf aufgestellten 6:02,16 der Kenianerin Virginia Nyambura deutlich. Am Donnerstag beim Finale der Diamond League in Zürich hatte Krause schon den deutschen Rekord über 3000 Meter, also die bei WM und Olympischen Spielen gelaufene Distanz, auf 9:07,51 Minuten gesteigert.

Ihre Tempohärte beim Istaf weckt nun die Hoffnung, dass sie schon bald eine Zeit unter neun Minuten erzielen könnte. „Ich hoffe, dass ich das in Doha abrufen kann, was mir heute gelungen ist, ich freue mich riesig auf die WM und habe mir viel vorgenommen“, sagte die 27-Jährige strahlend, die sich zugleich über 10.000 Euro Weltrekordprämie freuen konnte. Ihren Dank richtete sie ans Publikum: „Ich war richtig beflügelt, vielen Dank für diese geile Stimmung.“

Staffel rennt Weltjahresbestzeit

Einen begeisternden Auftritt legte danach auch die deutsche 4x100-Meter-Staffel hin, die das chinesische Quartett auf Rang zwei weit hinter sich ließ und in der Besetzung Lisa-Marie Kwayie, Yasmin Kwadwo, Tatjana Pinto und Gina Lückenkemper in 41,67 Sekunden eine Weltjahresbestzeit lief, die sie in den Kreis der WM-Favoriten befördert. Die 27 Jahre alte Pinto glaubt sogar: „Unsere Wechsel sind noch lange nicht ausgereizt.“ Das klang wie eine Warnung an die Konkurrenz. Über die 100 Meter der Männer blieben Sieger Andre de Grasse (9,97) aus Kanada und der Südafrikaner Akani Simbine (9,99) unter zehn Sekunden.

Es gab weitere deutsche Siege zu feiern. Der Leverkusener Hochspringer Mateusz Przybylko gewann seinen Wettkampf mit 2,30 Meter, Einstellung seiner Saisonbestleistung und ein Indiz, dass er vor Doha in Schwung kommt. „Ich glaube, der Knoten ist geplatzt“, sagte er nach wenig erbaulichen Leistungen in den vergangenen Wochen. Vor einem Jahr war er in Berlin bereits Europameister geworden, am gleichen Tag wie Malaika Mihambo. Die Weitspringerin aus Heidelberg hat in dieser Saison schon serienweise die Sieben-Meter-Marke übertroffen. Am Sonntag begnügte sie sich mit 6,99 Metern; nach zwei Versuchen beendete sie ihren Wettkampf schon, denn ihre Konkurrentinnen kamen an diese Weite nicht heran.

Auf Vetter ist wieder Verlass

Ein wenig in Sorge sein könnte man in der Paradedisziplin der deutschen Leichtathletik, dem Speerwerfen der Männer. Olympiasieger und Europameister Thomas Röhler findet derzeit nicht in seinen Rhythmus, landete mit für ihn enttäuschenden 80,33 Metern auf dem fünften Rang. Zwei Plätze höher reihte sich der Mannheimer EM-Zweite Andreas Hofmann (82,16) ein, auch er wird mit dieser Weite kaum zufrieden sein. Am besten kam mit den wechselnden Winden der Weltmeister zurecht. Johannes Vetter aus Offenburg gewann den Wettbewerb mit 85,40 Metern im zweiten Versuch. Bis zur WM müssen sich alle noch steigern.

Es gab aber auch kleinere Dämpfer. Sprinterin Gina Lückenkemper vom SCC Berlin etwa, mit tosendem Applaus begrüßt, wurde über 100 Meter nur Vierte in 11,15 Sekunden. Vor einem Jahr bei der EM hatte sie noch in 10,98 Sekunden Silber gewonnen. „Da geht noch mehr“, sagte die 22-Jährige selbstkritisch, die von kleinen technischen Fehlern im Mittelteil ihres Laufs sprach, „sonst wäre ich schneller gewesen. Aber bis zur WM ist ja auch noch etwas Zeit.“

Schwacher Abgang von Christoph Harting

Kugelstoßerin Christina Schwanitz, in ihrer Karriere immerhin schon Welt- und Europameisterin, wurde mit 18,62 Metern Zweite hinter der Kanadierin Brittany Crew. „Ich hatte jetzt drei Wettkämpfe in vier Tagen“, erklärte die freundliche Sächsin, „das hat viel Kraft gekostet.“ Am Donnerstag beim Diamond-League-Finale in Zürich hatte sie noch 19,37 geschafft - damit käme sie vermutlich in WM-Medaillennähe.

Einer, der ohnehin kein großes Interesse an einem WM-Start hatte, hat in Berlin keine Pluspunkte für Doha gesammelt. Zwar legte Diskus-Olympiasieger Christoph Harting vom SCC Berlin anders als bei der EM und bei den German Finals vor wenigen Wochen keinen „Salto Nullo“ mit drei Fehlversuchen hin. Doch im neunköpfigen Starterfeld des Istaf musste einer der Diskuswerfer nach drei Versuchen ausscheiden, nur acht bekamen drei weitere. Harting übernahm den Part dieses Neunten. 59,66 Meter im ersten Versuch, 60,06 im zweiten, übergetreten beim dritten – was soll Harting auch bei der WM? Der 29-Jährige verweigerte jeden Kommentar zu seiner schwachen Vorstellung und zog pfeifend von dannen. Sein Bruder auf der Tribüne wird sich sein Teil gedacht haben.