Formel 1

Spa ist Ferraris beste und vorletzte Siegchance

Für Sebastian Vettel steht die Formel-1-Saison am Scheideweg. Viel Hoffnung auf bessere Resultate versprüht sein Team nicht.

Sebastian Vettel steht in Spa unter Druck.

Sebastian Vettel steht in Spa unter Druck.

Foto: PHOTO4Lapresse / dpa

Spa. Es ist ein elefantenähnliches Trompeten, das aus den Lautsprechern des Ferrari-Motorhomes dröhnt, als Sebastian Vettel das Wort ergreift. Was allerdings nicht an einer übermäßig verstärkten Botschaft liegt, die der Heppenheimer zum Auftakt der entscheidenden Saisonphase in der Formel 1 zu verkünden hätte. Die ungewöhnlichen Töne, die minutenlang eine reguläre Gesprächsführung unmöglich machen, entspringen Frequenzstörungen.

Wer will, kann aus der kleinen Episode im Fahrerlager von Spa-Francorchamps natürlich viel ableiten: Ferrari und die Technik. Vettel und seine Probleme. „Wir sind für den zweiten Teil des Rennjahres stärker motiviert denn je“, hatte Teamchef Mattia Binotto erklärt. Der Italiener wartet immer noch auf seinen ersten Sieg in der nicht mehr ganz so neuen Position, für Vettel jährt sich die Sieglosigkeit bei diesem Großen Preis von Belgien.

Im Urlaub einfach mal nichts gemacht

Zurückblicken mag er gar nicht, nur die Zukunft zählt. Die nahe. denn in der entscheidet sich der Fortgang seiner Karriere: „Wir müssen sehen, ob es in die richtige Richtung geht.“ Die Berg- und Talstrecke in den Ardennen muss Auskunft geben, ob Ferrari langsam wieder zur angestrebten Höhe findet oder ob die Achterbahnfahrt weiter abwärts geht. Erst die Phonetik, dann die Topographie: Symbole überall. Dabei will Vettel doch nur eins, einfach mal wieder gewinnen. Ein Rennen, und damit an Zuversicht. Das ist sein mentales Programm für die restlichen neun WM-Läufe des Jahres.

Drei Wochen Urlaub, das ist viel für Rennfahrer. Was er so gemacht habe in den Ferien, wird der Familienvater gefragt. „Nix.“ Nachsatz: „Das ist es doch, was man macht im Urlaub.“ Weitere Erklärung, etwas aufschlussreicher: „Runterkommen. Das hat ganz gut geklappt.“ In der Gesamtwertung ist der 32-Jährige momentan Vierter, hinter Max Verstappen und vor seinem Teamkollegen Charles Leclerc. Das zeigt ihm, dass er auch ein Rennen der Generationen fährt, die beiden sind ein Jahrzehnt jünger. Nach oben, zum für den Titelkampf ursprünglichen vorgesehenen Gegner Lewis Hamilton, beträgt der Rückstand 94 Zähler. Das ist kein Thema mehr gerade. Ein vierfacher Champion im Niemandsland.

Die Kurven sind die Krux

In Ungarn, beim letzten Rennen vor der Pause, fehlte Ferrari am Ende eine Minute auf die Siegerpfeile. Keine Welt, eher eine Galaxie. „Das hat wehgetan“, gesteht Vettel und wiederholt sein Mantra, das er fast schon ein Jahr vor sich hin sagt: „Wir brauchen bessere Ideen.“ Heißt: mehr Kurventauglichkeit für seinen roten Rennwagen. Als die „harte Ankunft in der Realität“ bezeichnet er die derzeitige Form der Scuderia. Wohlwissend, dass die Höchstgeschwindigkeitspisten von Spa und kommende Woche in Monza die besten Chancen auf einen Erfolg bieten: „Auf dem Papier.“

Für seine Verhältnisse beinahe sarkastisch fügt er an: „...es gibt auch da Kurven.“ Dort bleibt die Zeit liegen, hier driften sein Fahrstil und das Fahrverhalten des SF90H auseinander. Selbst wenn er bald eine neue Motorenausbaustufe bekommt, ahnt er: „Nach der Erkenntnis, dass die Lücke da ist, wird es dauern, bis wir sie schließen können.“ In diesem Zusammenhang fällt die Zahl 2020, der erste Hinweis darauf, dass sie in Maranello die Saison fast schon abgeschrieben haben, und dank eines mehr oder weniger gleichbleibenden technischen Reglements schon für das kommende Jahr vorentwickeln.

Wehmut wegen des Deutschland-Rennens

Das ist wohl intern schon länger der Plan, weshalb die melancholische Phase des Gesprächs aus der Tatsache resultiert, dass trotz 22 Rennen in der nächsten Saison kein Heimspiel mehr für ihn dabei ist: „Ich denke, die Formel 1 braucht Deutschland. Es ist Schwachsinn, den deutschen Grand Prix abzuwinken.“ Dass er selbst im neuen Jahr vielleicht der einzige Fahrer mit teutonischer Herkunft sein wird, weil Nico Hülkenberg nicht mehr weiter für Renault am Steuer sitzt, ärgert ihn auch: „Ein Pilot von seinem Kaliber verdient einen Platz in dieser Serie.“

Als die Rede auf den bei seinem ehemaligen Team Red Bull degradierten Pierre Gasly kommt, ahnt er: „Er muss zurück zu seinem Selbstvertrauen finden.“ Diese Suche, wenn auch auf einer anderen Ebene, ist ihm aus dem eigenen Haus bekannt. Sich von außen unter Druck setzen zu lassen, funktioniert bei ihm nicht. Auch nicht mit Hinweis auf die Erwartungshaltung an die bevorstehenden beiden Rennen. Größer als auf einen Ferrari-Fahrer kann der Druck anderswo kaum sein: „Wir brauchen sicher niemand, der uns daran erinnert. Wir haben einen sehr, sehr starken Willen.“ Volle Dröhnung.