Tennis

Wenn die goldene Generation verblasst – und nichts nachkommt

Kerber scheitert, Görges müht sich, und danach kommt nichts. Warum das deutsche Frauen-Tennis ein Generationsproblem hat

Die Reifen müssen es richten bei den deutschen Frauen – so wie Julia Görges (31).

Die Reifen müssen es richten bei den deutschen Frauen – so wie Julia Görges (31).

Foto: Frank Franklin Ii / dpa

New York. Es war um kurz nach 13 Uhr, in der Mittagssonne von Flushing Meadows, als Julia Görges kurz vor dem nächsten Nackenschlag in dieser wenig erbaulichen Saison 2019 stand. Die Deutsche sah sich nach einem Doppelfehler plötzlich dem ersten Matchball ihrer russischen Gegnerin Natalia Wichljanzewa gegenüber, beim Stand von 5:6 im dritten Satz. Görges holte tief und vernehmlich Luft, dann nahm sie ihre ganze Erfahrung und Nervenstärke zusammen und holte sich zehn der nächsten elf Punkte. Spiel, Satz und Sieg Görges, ein Achtungserfolg in Krisenzeiten.

Es war ein Indiz dafür, dass es immer noch die Älteren und Reiferen im deutschen Damentennis richten müssen. Auch und gerade bei den kostbaren Grand-Slam-Gelegenheiten. „Ich habe Riesenrespekt vor dieser Generation“, sagt die Frauenchefin beim DTB, Barbara Rittner, „sie halten nun schon seit mehr als zehn Jahren den Kopf hin.“

Frauenchefin Rittner kritisiert Witthöft und Co.

Zugleich schwingt in diesem Stolz auf die verdienten Kräfte natürlich auch die Kritik an den nachfolgenden Generationen mit, die der Ü30-Truppe längst national den Kampf angesagt haben müssten. Doch wenn Rittner, Fedcup-Chef Jens Gerlach und andere Verantwortliche des DTB in diesem Jahr ihre Dienstreisen zu den Grand Slam-Events oder weiteren Turnieren unternahmen, erspähten sie hinter Kerber (31), Görges (30), Petkovic (31) und Co. nur das Nichts, eine riesige Lücke zwischen Altstars und jungen Profispielerinnen.

Gerade in der Saison 2019, in der die beiden vormaligen Top Ten-Spielerinnen Kerber und Görges jäh schwächelten, wäre die Chance für Jüngere da gewesen, sich ins Rampenlicht zu spielen, für Schlagzeilen und Furore zu sorgen.

Doch stattdessen entfaltete sich vor dem geneigten Publikum noch ein öffentliches Scharmützel, als Rittner es wagte, Spielerinnen wie Carina Witthöft (24) namentlich als Symbolfiguren für das Generationenproblem anzuprangern. Rittner war im Übrigen noch weiter gegangen und hatte vielen Talenten in Deutschland vorgeworfen, es gehe ihnen zu gut, sie seien nicht wirklich bereit, ihre Komfortzone zu verlassen. Ihre Anklage, geäußert in einem Gespräch mit der „Rheinischen Post“, gipfelte in dem scharfen Satz: „Wenn du in die Weltspitze kommen willst, darfst du dich nicht überall von Mami und Papi kutschieren und schützen lassen.“ Rumms, das saß.

Becker: „Es fehlt an Durchhaltewillen“

Die goldene Generation ist so zwölf Jahre nach ihren ersten Gastspielen auf den großen Bühnen immer noch der bestimmende Faktor in Tennis-Deutschland. Kerber, Görges, Petkovic, auch die Berlinerin Sabine Lisicki (29) haben große Turniere gewonnen, Führungspositionen in der Weltrangliste eingenommen, bei Weltmeisterschaften gespielt und im Fedcup manch heiße Schlacht geschlagen. Trotz mancher Krise sind sie, mit Ausnahme von Lisicki, noch in den Top 100 versammelt, immer wieder haben sie sich auch nach Verletzungspech wieder in die Spitze gekämpft.

„Diesen Durchhaltewillen, dieses Engagement vermisse ich bei vielen jetzt“, sagt Altmeister Boris Becker. Auch ihm stößt sauer auf, dass derzeit keine einzige deutsche Spielerin in den Top 100 jünger als 30 ist.

Das deutsche Frauentennis ist im Grunde zu alt, auch Rittner weiß es, sie sieht düstere Jahre aufziehen, in denen die sportliche Zweitklassigkeit droht. „Im Moment hoffe ich einfach, dass unsere älteren Spielerinnen noch ein paar Jahre dran bleiben“, sagt Rittner. Petkovic, die klammheimliche Sprecherin dieser Generation, hat eine einleuchtende Erklärung für die eigene Hartnäckigkeit und die der Weggefährtinnen: „Wir alle haben uns schon seit frühester Jugend aneinander gemessen. Du wolltest immer besser sein als die anderen“, sagt die Darmstädterin, „der Konkurrenzkampf war riesig. Und sehr fruchtbar.“

Hoffnungsvolle Teenager am Horizont

Viele jüngere Rivalinnen aus Deutschland blieben derweil auf der Strecke, die einst hochgelobte Bonnerin Annika Beck studiert inzwischen Medizin. Witthöft, die polarisierende Hamburgerin, machte zuletzt mit dem Angebot von sich reden, Tennisstunden für interessierte Amateure zu geben. Beim DTB würden sie das Sternchen lieber in Roland Garros, Wimbledon oder New York sehen, als Galionsfigur einer neuen deutschen Tenniswelle. Aber es ist nur ein Wunschtraum, eine Illusion, der niemand wirklich nachhängt.

Rittner weiß, dass es nach dem Abgang von Kerber und Co. erstmal schlechter wird, bevor es wieder besser werden kann. Sie hofft auf eine Gruppe von Spielerinnen, die alle um die 14, 15 und 16 Jahre alt sind – die Niedersächsinnen Julia Middendorf und Tea Lukic, die Kurpfälzerin Nastasja Schunk oder die Saarländerin Sarah Müller gehören dazu. Eine Garantie, dass sie einmal in die Fußstapfen der goldenen Generation treten, gibt es freilich nicht.