Radsport

Talent Kämna und ein Berg voller Erwartungen

Bei der Tour de France zeigte der Radprofi sein großes Potenzial. Der Wechsel zu Bora soll ihn in die Spitze führen.

Lennard Kämna auf der 18. Etappe der Tour de France, die er als Vierter beendete.

Lennard Kämna auf der 18. Etappe der Tour de France, die er als Vierter beendete.

Foto: Yuzuru Sunadavia www.imago-images.de / imago images / Belga

Berlin. Die Tour ist eher kurz, die Berge sind eher klein. Deshalb lässt sich Emanuel Buchmann (26) auf eine andere Rolle ein. Spätestes seit der großen Schleife durch Frankreich ist er der größte Star des deutschen Radsports, nur um Sekunden verpasste der Ravensburger als Vierter das Podest. Doch auf dem Weg von Hannover, wo am Donnerstag die Deutschland Tour in ihre zweite Auflage startet, nach Erfurt wird Buchmann wieder für andere das Wasser tragen, denn seine sportlichen Ambitionen sind aufgrund der niedrigen Gipfel in Mitteldeutschland gering.

Ganz ähnlich geht es Lennard Kämna. Der Fischerhuder ist mit dem Team Sunweb unterwegs, der zweiten Elite-Mannschaft mit deutscher Lizenz. Auch er hat bei der Tour de France einiges an Aufmerksamkeit auf sich gezogen, in den Pyrenäen und in den Alpen überquerte er die höchsten Pässe in den vordersten Reihen. Nun kann er beim leicht hügligen Ritt durch die Heimat ohne Druck die Anerkennung genießen, die er sich im Sommer erarbeitet hat.

Kämna und Buchmann bei der Deutschland Tour

Das Schicksal wird die beiden Fahrer bald noch enger aneinander binden. Vielmehr hat es das bereits getan. Vergangene Woche kündigte Kämna an, zur nächsten Saison zu Buchmann ins Team Bora-hansgrohe zu wechseln. „Ich denke, es war an der Zeit für mich, den nächsten Schritt zu gehen. Das Umfeld ist extrem professionell und bietet mir die optimalen Entwicklungsmöglichkeiten“, so Kämna, der in dieser Saison schon große Fortschritte gemacht hat.

Die Auftritte in Frankreich haben das Interesse der Teams an dem 22-Jährigen enorm wachsen lassen. An dessen großem Talent glaubten schon vor Jahren viele, doch vergangene Saison schlichen sich auch leichte Zweifel unter die Elogen. Fast ein halbes Jahr Wettkampfpause legte er zwischen März und August ein. „Ich bin zwei Monate nicht aufs Rad, das hat gut getan“, sagt er. Ständige körperliche Rückschläge zermürbten ihn, dadurch habe er „eine Pause für den Kopf gebraucht“. Die meiste Zeit verbrachte daheim in Fischerhude, traf Freunde, betätigte sich sportlich mit anderen Dingen wie Inlineskaten, Wasserski oder auch Klettern.

Neues Bewusstsein nach der langen Pause

Nach der Pause stellte sich Manches für Kämna etwa anders dar. „Ich würde schon sagen, dass sich etwas verändert hat. Ich bin mehr Sportsmann, als ich es vielleicht vorher war“, findet er. Für das Leben als Profi fühlte er sich trotz des schnellen Aufstiegs, er war 2017 Weltmeister im Team-Zeitfahren, noch nicht bereit und verhielt sich in manchen Belangen entsprechend. „Jetzt lebe ich auch 100 Prozent wie ein Profi und habe mehr das Gefühl, Profi zu sein“, sagt Kämna. Das hat seine Motivation noch einmal gesteigert.

Die Erfolge bei der Tour sind Ausdruck dessen. Ein sechster und ein vierter Platz auf zwei schweren Bergetappen beeindruckten die Konkurrenz. „Das ist das, worauf ich immer gehofft habe. Das war ein supergeiles Erlebnis“, so der Norddeutsche, für den es die Premiere bei der Frankreich-Rundfahrt war: „Es hat super Spaß gemacht. Und es macht Vorfreude auf die Zukunft.“

Perspektive als Klassementfahrer

Was diese für ihn bereithält, dafür fehlt es noch ein wenig an Orientierung. „Meine Stärken liegen im Zeitfahren, am Berg. Ich bin im Moment noch relativ breit gefächert und muss in den nächsten Jahren zusehen, dass ich mich irgendwo hinspezialisiere. Es geht jetzt darum, ein höheres Level zu erreichen“, sagt Kämna, dessen Vielfalt an Fähigkeiten nicht zuletzt nach der jüngsten Tour de France darauf hindeuten, dass er als Klassementfahrer eine echte Perspektive besitzt.

Gerade der Wechsel zu Bora könnte sich dabei für ihn auszahlen. Die Mannschaft von Teamchef Ralph Denk zeichnet sich seit Jahren durch eine kontinuierliche Aufbauarbeit aus. Als ein Ort, an dem gerade deutsche Talente alle Unterstützung erhalten, dank der sie schließlich Weltniveau erreichen. Erst zur Vorsaison war der Berliner Klassiker-Spezialist und Rundfahrer Maximilian Schachmann (25) wegen der Möglichkeiten bei Bora dorthin gewechselt und erlebte ein grandioses Frühjahr. Zudem steht mit Pascal Ackermann (25) einer der besten Sprinter im Team, der nun bei der Deutschland Tour die Siege holen soll.

Stärken im Zeitfahren können Bora helfen

Bei Bora kann Kämna zunächst eine Lücke schließen, an starken Zeitfahrern fehlt es noch ein wenig. Das könnte Buchmann bei der Tour sogar den dritten Platz der Gesamtwertung gekostet haben, denn im Teamzeitfahren verlor Bora 46 Sekunden auf Jumbo-Visma, hinter dessen Kapitän Steven Kruijswijk lag Buchmann am Ende 25 Sekunden zurück. Irgendwann dürfte auch die Kapitänsrolle interessant werden, wenn die Entwicklung anhält.

Teamchef Denk will den neuen Zögling nicht verheizen: „Wohin die Reise mit ihm geht, werden wir die nächsten Jahre sehen. Aber wir werden ihn genauso behutsam aufbauen, wie wir das schon mit Emanuel oder Pascal gemacht haben. Er wird seine Chancen bekommen, aber wir werden sicher nichts überstürzen.“ Damit hat Lennard Kämna kein Problem. „Wenn man sich ansieht, wie breit Bora mit jungen Fahrern in die Spitze vorgedrungen ist, kann man nur sagen: Dort wird vieles richtig gemacht.“