Tennis

Im Krisenmodus nach New York

Die deutschen Tennis-Asse Kerber und Zverev sind vor den US Open völlig außer Form. Einziger deutscher Hoffnungsträger ist Struff.

Verdrehte Verhältnisse: Aus dem Aufsteiger Alexander Zverev ist ein verunsicherter Verlierer geworden bei den vergangenen Turnieren.

Verdrehte Verhältnisse: Aus dem Aufsteiger Alexander Zverev ist ein verunsicherter Verlierer geworden bei den vergangenen Turnieren.

Foto: Scott Stuart / dpa

New York. Es gab Tenniszeiten, in denen man sich über diese Ausgangslage nicht sonderlich beklagt hätte: Alexander Zverev, der beste deutsche Tennisspieler, auf Platz 6 der Setzliste bei den US Open. Und Angelique Kerber, die beste deutsche Tennisspielerin, auf Platz 14 der Setzliste. Alles ist eben relativ, im Spätsommer 2019 empfindet man diese Einstufung eher als Indiz für Abstieg, für Krise, bestenfalls für Stagnation.

Es gibt aktuell wenig Mutmachendes

Vor allem, wenn man bedenkt, woher die beiden deutschen Frontleute kommen, wo sie noch im vorigen Jahr standen, als das letzte Grand-Slam-Turnier der Saison begann. Kerber reiste als stolze Wimbledonsiegerin an, zudem mit dem Nimbus der ehemaligen Gewinnerin des New Yorker Spektakels. Sie war, ganz klar, eine der Favoritinnen. Auch Zverev durfte man noch zum erweiterten Kreis der möglichen Pokalgewinner zählen, zwischen Wimbledon und den US Open hatte er damals sogar noch einen Titel in Washington gewonnen.

Doch wohin man auch blickt im deutschen Tennis in dieser Saison, ob zur zweiten oder dritten Reihe oder eben zu den Frontleuten, es gibt wenig Erfreuliches oder Mutmachendes zu sehen. Von der Aufbruchstimmung, die sich zum Jahresbeginn noch verbreitet hatte – ein Saisonstart mit Kerber als amtierende Wimbledonsiegerin und Zverev als ATP-Weltmeister -, ist nichts geblieben: Auch Spielerinnen wie Julia Görges, die sich abseits der großen Schlagzeilen um Kerber zwischenzeitlich in die Top Ten vorgekämpft und einen Halbfinalplatz in Wimbledon erobert hatte, sind erheblich zurückgefallen.

Trainer ausgewechselt, Misserfolge blieben

Auch personell hinterließ der Leistungsabfall seine Spuren: Kerber und Coach Rainer Schüttler trennten sich nach dem Wimbledon-Desaster der 32 Jahre alten Kielerin. Zverevs Supercoach Ivan Lendl setzte sich frustriert nach internen Querelen mit Vater Zverev von der Truppe ab. Und Görges verabschiedete sich von ihrem langjährigen Manager und Trainer Michael Geserer. Das Jahr könne eigentlich nur noch besser werden, kommentierte Zverev jüngst in Montreal fast stellvertretend für die deutsche Reisegruppe im Wanderzirkus.

Nach der Pleiten-, Pech- und Pannenserie richten sich fast übergroße Hoffnungen auf die US Open, auf diesen immer leicht chaotischen, jedenfalls ziemlich anstrengenden und hektischen Grand-Slam-Spielort. New York, so lautet die Hoffnung, soll die Wende bringen und einen Ego-Schub für den Rest der Saison. Zverev und Kerber haben immer noch die Abschlussturniere der Saison im Blick, wobei Zverevs Chancen weit aus größer sind als die von Kerber.

Zverev zum Auftakt gegen Albot

Für den 22 Jahre alten Hamburger geht es immerhin auch darum, sich eine Möglichkeit zur Titelverteidigung in London zu eröffnen. „Da nur zuschauen zu können, wäre sehr ärgerlich“, sagt Zverev. Er müsste allerdings tief in die zweite US-Open-Woche vorstoßen und auch noch kräftig Punkte bei der herbstlichen Turnierserie in Asien und dann in Europa sammeln. In der Trainerfrage will sich Zverev, der in Runde eins in New York auf den Moldawier Radu Albot trifft, weiter Zeit nehmen, er sieht keinen dringenden Handlungsbedarf, schließlich sei Vater Alexander an seiner Seite.

Auch Kerber geht vorerst weiter als Alleinunternehmerin auf Punktejagd. Sie braucht wahrscheinlich auch ausreichend Zeit, um sich für die letzten Jahre ihrer Karriere richtig aufzustellen. Kerbers Jahr war bisher ein weitgehend verlorenes, gerade bei den Grand Slams fehlte ihr jegliche Durchschlagskraft. In Wimbledon spielte sie zuletzt ohne jegliche Überzeugungskraft und Inspiration. Es wirkte alles fast wie eine Zwangsläufigkeit, ganz so, als müsse einem starken Jahr wieder ein mittelmäßiges bis schlechtes Jahr folgen – schließlich hat Kerber einen Ruf als Berg- und Talfahrerin. Nun muss sie die Herausforderung, die Dürrezeit zu beenden und die Saison noch irgendwie zu retten, von einem Platz jenseits der Top Ten anpacken, schwer genug bei der gewachsenen Konkurrenz. Ihre erste Gegnerin, die 26 Jahre alte Französin Kristina Mladenovic, ist gleich alles andere als Laufkundschaft.

Struff hat sich neu erfunden – mit Erfolg

Wenig hat sich hinter den beiden Topspielern des DTB in dieser Saison bewegt, und wenn, dann eher in die falsche Richtung. Viele altgediente Profis wie etwa Philipp Kohlschreiber fielen zurück, jüngere Spieler rückten nicht nach. Kein Wunder, dass sich das Aufgebot des DTB eher schlank als üppig ausnimmt in New York. Allerdings gibt es eine löbliche Ausnahme, einen Farbtupfer in der Tristesse – und, wer hätte es gedacht, es ist Jan-Lennard Struff, der hünenhafte Westfale.

Weiter, immer weiter kämpfte sich der Turm aus Warstein in die Weltspitze, in New York verpasste er einen Platz in der Setzliste nur um zwei Positionen. Struff ist besser geworden, weil er den Mut hatte, sich zu verändern. Sich neu zu erfinden. Gefühlt ist er bis jetzt der einzige Gewinner dieser Tennissaison. „Mein nächstes großes Ziel ist es, in die Top 20 vorzustoßen“, sagt Struff. Unmöglich ist inzwischen nur wenig bei ihm.