Hockey

„Jetzt wollen wir den EM-Titel“

Die deutschen Hockeyspielerinnen sind nach dem EM-Halbfinalsieg über Spanien optimistisch, auch Favorit Niederlande zu bezwingen.

Cheftrainer Xavier Reckinger jubelt mit seinem Team über den Einzug ins Finale.

Cheftrainer Xavier Reckinger jubelt mit seinem Team über den Einzug ins Finale.

Foto: Dirk Waem / dpa

Antwerpen. An Schlaf war nicht zu denken, auch wenn der neue Tag fast angebrochen war. Als die deutschen Hockeyspielerinnen Freitagnacht in ihr Teamhotel im Süden Antwerpens zurückgekehrt waren, den dramatischen 3:2-Halbfinalsieg über Spanien im Gepäck, hieß ihr nächster Gegner Adrenalin. Zunächst einmal mussten die Kohlehydratspeicher mit einem reichhaltigen Mitternachtsessen aufgefüllt werden. Anschließend versuchte die Auswahl von Bundestrainer Xavier Reckinger, mit einer gemeinsamen Yogasession zur Ruhe zu kommen. „Viel geschlafen haben die meisten trotzdem nicht. Aber ich glaube, das ist auch normal“, sagte Lena Micheel, Nationalstürmerin vom UHC Hamburg.

Lehren gezogen aus dem 0:1 bei der WM

Keine Frage, das ist es; Athleten aus allen Sportarten kennen das Phänomen, nach emotionaler Hochbelastung einige Stunden zu brauchen, um die körpereigene Hormonausschüttung wieder auf ein Normalmaß herunterzuregeln. Und nichts anderes als emotionale Hochbelastung hatte der Finaleinzug bei der EM in Belgien geboten. Erst in der letzten Spielminute hatte die Mannheimerin Nike Lorenz mit einer verwandelten Strafecke den verdienten Lohn für eine Leistung eingefahren, mit der Reckingers Team seine Weiterentwicklung bewies. 2018 war es bei der WM in London trotz großer Überlegenheit mit 0:1 an den spanischen Defensivkünstlerinnen gescheitert. „Damals waren wir auf das Gegentor nicht vorbereitet. Diesmal konnten wir zeigen, dass wir uns verbessert haben“, sagte Micheel.

Die Jurastudentin, die in Berlin geboren wurde und bei TuS Lichterfelde das Hockeyspielen lernte, bis sie 2016 nach Hamburg wechselte, steht exemplarisch für den Fakt, dass es bei dieser Europameisterschaft gerade die jungen Talente sind, die die Mannschaft tragen. Natürlich tut die Ruhe einer Kapitänin Janne Müller-Wieland (32) gut, die aus der Innenverteidigung den Spielaufbau ordnet. Oder die Treffsicherheit einer Hannah Gablac (24/beide Hamburg), die gegen Spanien das wichtige 2:1 schoss. Müller-Wieland und Gablac sind gemeinsam mit Franzisca Hauke (29) vom Harvestehuder THC die einzigen drei Spielerinnen im 18er-Kader, die schon 2013 beim zweiten und bislang letzten EM-Triumph mitwirkten.

Das Team ist mental stärker geworden

Aber EM-Debütantinnen wie die 21 Jahre alte Micheel, die als Sturmjuwel gehandelte Duisburgerin Pia Maertens (20) oder die laufstarke Außenverteidigerin Kira Horn (24/Club an der Alster) sind es, die der Mannschaft besondere Impulse geben. „Der wichtigste Entwicklungsschritt seit der WM war, dass wir mental stärker geworden sind“, sagte Micheel. Das 0:1 im WM-Viertelfinale habe das Team als Weckruf erkannt: „Wir haben seitdem hart daran gearbeitet, für jedes Problem eine Lösung zu haben. Das war ein langer Prozess, umso schöner ist es, dass wir nun gestern in einem K.-o.-Spiel gesehen haben, dass es funktioniert.“

Tatsächlich fielen die deutschen Frauen nach dem frühen 0:1 (14.) nicht in eine Schockstarre, sondern bespielten die gewohnt aggressiv verteidigenden, aber auch gefährlich konternden Spanierinnen umso intensiver. „Wir hatten einen richtig guten Plan, und an den haben wir uns gehalten“, sagte Torjägerin Gablac. Der Ausgleich durch die Mannheimerin Cecile Pieper fiel nur acht Minuten nach dem Rückstand, anschließend blieb Deutschland auf dem Gaspedal – und ließ sich auch vom 2:2 acht Minuten vor Spielende nicht beirren.

EM-Titel ist wichtig, Tokio ist wichtiger

Dass es Nike Lorenz war, die 54 Sekunden vor Spielende die entscheidende dritte Strafecke versenkte, passte ebenfalls ins Bild. Die 22-Jährige ist längst eine der wichtigsten Spielerinnen in Reckingers System. Ihre Eleganz im Spielaufbau paart sie mit einer Zweikampfhärte, die auch im Männerhockey ihren Platz finden würde. Umso weniger überraschte es, dass die Mannheimerin mit klaren Worten die Marschroute für das Endspiel am Sonntag (16 Uhr/ARD live) gegen die Niederlande vorgab: „Wenn nicht am Sonntag, wann dann? Wir werden so viel Energie und Feuer haben, und wir wissen, was wir können. Jetzt wollen wir den EM-Titel und das Olympiaticket!“

Für die Sommerspiele 2020 in Japans Hauptstadt Tokio qualifiziert sich nur der Europameister direkt. Der unterlegene Finalist muss sich Anfang November in zwei Qualifikationsspielen gegen ein in der Weltrangliste schwächer platziertes Team durchsetzen. „Natürlich ist der EM-Titel etwas Großes. Aber unser größtes Ziel ist Tokio, und das wollen wir unbedingt am Sonntag erreichen“, sagte Lena Micheel.

Die Bilanz macht wenig Hoffnung

Dazu allerdings muss der Welt- und Rekordeuropameister aus dem Feld geschlagen werden, der mit einer erfolgreichen Titelverteidigung zum zehnten Mal die kontinentale Krone erobern könnte. Die Bilanz der deutschen Frauen gegen „Oranje“, das im Halbfinale England, gegen das Deutschland in der Gruppenphase 1:1 gespielt hatte, mit 8:0 überrannt hatte, ist kein Mutmacher. 149 Duelle gab es bislang, 90 gewannen die Niederlande. In den vergangenen 20 Treffen gab es keinen deutschen Sieg, letztmals gelang 2013 im Finale der World League ein Erfolg im Penaltyschießen. Nach regulärer Spielzeit gewann Deutschland gegen Holland zuletzt 2011, 3:2 in einem Testspiel in Mainz. Bei einem großen Turnier traf man letztmals im olympischen Halbfinale 2016 in Rio de Janeiro aufeinander, die Niederlande siegten im Penaltyschießen.

Im deutschen Lager ist man der Überzeugung, dass diese Serie ein Ende finden sollte, was ein gutes Zeichen ist. „Wir haben in einigen Spielen schon gezeigt, dass wir eng an die Niederlande herangerückt sind“, sagte Lena Micheel. „Wir werden mit Sicherheit nicht rumstehen und auf eine Packung warten. Wir sind kein extremer Underdog, sondern werden mutig mitspielen und können, wenn wir unsere Stärken abrufen, auf Augenhöhe sein.“

Der Außenseiter will seinen Stil durchsetzen

Davon ist auch Bundestrainer Reckinger überzeugt. Der Belgier achtete schon am Freitagabend darauf, dass seine Spielerinnen nicht unnötig Energie beim Feiern des Sieges über Spanien vergeudeten, sondern sich auf die Regeneration konzentrierten. In der Vorbereitung auf das erste Endspiel unter seiner im Herbst 2017 begonnenen Ägide will der 35-Jährige auch in der Rolle des Außenseiters nicht von seiner Überzeugung abweichen. „Wir haben uns das gesamte letzte Jahr unabhängig vom Gegner auf unsere Stärken fokussiert. Wenn uns das auch am Sonntag gelingt, dann können wir es schaffen.“ Und dann wäre in der Nacht zu Montag an Schlaf ebenfalls nicht zu denken.