Kanu-WM

Scheibner gegen Brendel: Der Feind im eigenen Team

Canadierfahrer Conrad Scheibner aus Berlin will dem dreimaligen Olympiasieger Sebastian Brendel den Startplatz in Tokio wegschnappen.

Zusammen im Vierer: Conrad Scheibner (vorn) und Sebastian Brendel (r.).

Zusammen im Vierer: Conrad Scheibner (vorn) und Sebastian Brendel (r.).

Foto: Lars M¿ller / imago/Lars Moeller

Berlin. Manchmal schaut sich Conrad Scheibner ein bestimmtes Video an. „Wenn ich mal mit der Motivation zu kämpfen habe, hilft es mir ganz gut“, sagt der 23 Jahre alte Kanute. Im April stand seine Mutter an der Regattastrecke in Duisburg und fing den besonderen, unerwarteten Moment mit der Kamera ein. Ihr Sohn besiegte in einem Qualifikationsrennen der Nationalmannschaft im Einer-Canadier den dreimaligen Olympiasieger und zehnmaligen Weltmeister Sebastian Brendel.

Bis dahin galt der 31-Jährige als fast unbesiegbar, erst recht in nationalen Duellen. Elf Jahre hatte er nicht gegen einen Deutschen verloren. Noch verblüffter als er selbst war nur einer: Conrad Scheibner. Er hatte mit einem couragierten Schlussspurt sein Idol geschlagen, den Mann, zu dem er immer aufgeschaut hatte. Er hatte von „diesem Sieg geträumt. Ich wollte ihn einmal bezwingen, aber nicht, weil er zu alt ist, sondern aufgrund meiner Leistung“. Nun war genau das passiert.

Aus Kollegen werden Rivalen

Seit diesem Tag im April sind aus Trainingskollegen Rivalen geworden. Natürlich will Brendel zu den Olympischen Spielen nach Tokio im nächsten Jahr – aber Scheibner will das auch. Und es gibt nur einen Platz. Der Altmeister hat die Gefahr erkannt und seither jeden weiteren Angriff des jungen Mannes vom SC Berlin-Grünau abgewehrt. Vor allem den wichtigsten: im Kampf um den WM-Platz im Einer in dieser Woche in Ungarn.

Bei den Weltcups in Poznan und Duisburg lag er vor seinem Herausforderer, das Qualifikationskriterium. Er vertritt nun Deutschland bei der WM. Scheibner hatte gehofft, wenigstens über die nichtolympischen 500 Meter im Einer starten zu können, immerhin hatte er im Weltcup einen dritten Platz auf dieser Strecke erobert. Die Bundestrainer überließen Brendel die Entscheidung, ob er die Strapaze auf sich nehmen will, neben den (olympischen) 1000 Metern auch die halbe Strecke in Angriff zu nehmen. Er macht beides.

WM-Start auf nichtolympischen Strecken

Scheibner nimmt es professionell. „Es ist schade, weil die Trainer mich dort gern gesehen hätten“, sagt er, „aber in Sebastians Situation würde ich auch sagen: Ich fahre beides.“ Ihm bleibt ja noch die Möglichkeit, sich über 500 Meter im Zweier-Canadier (mit dem Potsdamer Olympiasieger Jan Vandrey) und im Vierer (mit Vandrey sowie seinen Berliner Klubkollegen Tim Hecker und Moritz Adam) zu zeigen.

Ohnehin ist es kein Geheimnis, wie gut sich der junge Mann in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Zweimal in Folge wurde Scheibner U23-Weltmeister sowohl im Einer-Canadier als auch im Zweier mit Tim Hecker. „Gerade in den letzten zwei, drei Jahren hat Conrad enorme Sprünge gemacht“, sagt Canadier-Bundestrainer Ralph Welke, der in Potsdam die Rivalen betreut. „Er hat eine positive Leistungsbereitschaft und Einstellung. Er hat zu seinem großen Talent auch klare Ziele und stellt sein Leben ganz auf den Leistungssport ein.“ Sein Medizinstudium lässt Scheibner ruhen.

Planung schon auf Tokio 2020 ausgerichtet

Das hat Erfolge gebracht, wie bei den U23-Titelkämpfen. Aber auch bei seinen ersten Weltcups im Erwachsenenbereich zeigte der Berliner Kanute mit den Rängen sechs (in Poznan) und fünf (in Duisburg), dass er international mithalten kann. Das hat sein ohnehin ausgeprägtes Selbstbewusstsein weiter wachsen lassen.

Aber er hebt nicht ab deswegen. Keine Frage, dass Brendel der Favorit bleibt. Nur: „Als Titelverteidiger hat er auch mehr den Druck. Für mich sehe ich das eher als Chance.“ Vor drei Jahren schienen die Olympischen Spiele in Tokio für Scheibner noch so weit weg, „jetzt ist meine komplette Planung darauf ausgerichtet, das ist schon verrückt“, sagt Scheibner. Der Bundestrainer sieht es so: „Conrad ist im Hinblick auf Tokio ganz klar der Herausforderer, viel hängt jetzt von seiner weiteren Entwicklung ab. Aber“, fügt Ralph Welke hinzu, „Sebastian liegt auch nicht in der Hängematte“. Vielleicht hat ja sogar auch er ein Video, um sich zu motivieren.