DTM-Jubiläum

Käsestreusel kam im Fahrerlager immer super an

Die DTM feiert am Wochenende auf dem Lausitzring ihr 500. Rennen. Ein Streifzug durch die Geschichte der Serie.

Der Mercedes von Ellen Lohr im Berlin-Design von 1992.

Der Mercedes von Ellen Lohr im Berlin-Design von 1992.

Foto: D.P.P.I. / picture-alliance / ASA

Berlin. Der weiße BMW M3 mit den rot-blauen Streifen gerät am 6. Mai 1990 ausgangs der Avus-Nordkurve auf den Randstreifen, touchiert die Leitplanke und berührt an deren Ende auf Höhe des rechten Hinterrades einen Reifenstapel. Das Auto überschlägt sich, rutscht auf dem Dach exakt bis über die Ziellinie vor der Zuschauertribüne – auf Rang drei!

Die rund 30.000 Zuschauer entlang der Berliner Traditionsstrecke müssen nur wenige Sekunden bangen, dann klettert Pilot Dieter Quester aus dem Wrack – unversehrt. Kurz darauf sagt der Österreicher einen unfassbar profanen Satz, an den er sich, mittlerweile 80 Jahre alt, noch gut erinnert. „Ich habe gesagt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Und dann habe ich meine Fahrerhandschuhe gesucht, weil es ja noch Rennen zwei gab“, lacht der gebürtige Wiener.

Questers kuriose Zielankunft, in Durchgang zwei wurde er im Ersatz-BMW Neunter, war der spektakuläre Höhepunkt des 98. Rennens zur Deutschen Tourenwagen Meisterschaft (DTM). Am Wochenende feiert die technisch anspruchsvollste Tourenwagen-Serie der Welt auf dem Lausitzring Jubiläum: Rennen 500, seit der DTM-Premiere am 11. März 1984 in Zolder/Belgien, steht an. Quester, der seine Motorsportkarriere auf dem Wasser begonnen hatte und dort sogar Europameister werden konnte, kann für sich in Anspruch nehmen, einen bislang einmaligen Teil zur Geschichte der DTM beigetragen zu haben. Für Titel, Tränen und Triumphe sorgten allerdings noch viele andere, nicht zuletzt in Berlin.

Auch Frauen mischten kräftig mit

In Rennen 30 gelang es mit Beate Nodes der ersten Frau, einen Platz auf dem Siegertreppchen zu erkämpfen. Die 22-Jährige aus Bürgstadt steuerte am 11. Mai 1986 ihre Ford Sierra in Berlin auf Rang drei. 1987 auf dem Salzburgring und 1992 auf der Avus toppte Ellen Lohr das Resultat ihrer Kollegin und wurde jeweils in einem Mercedes Zweite. Dass der Berliner Erfolg die Ouvertüre für den – nur ein Rennen später – immer noch größten Erfolg einer Frau in der DTM war, konnte „Miss Elli“ da noch nicht wissen.

24. Mai 1992, Hockenheimring, DTM-Rennen 146: Lohr und Keke Rosberg, Formel-1-Weltmeister von 1982, fuhren für Mercedes im Design der Berliner Olympiabewerbung für 2000. Der Finne hatte auf weiche Reifen gesetzt, die Reifenflüsterin aus Mönchengladbach blieb hart. „Keke ist volles Risiko gegangen. Ich war mir sicher, dass er am Ende in Schwierigkeiten kommen würde und habe alles auf eine Karte gesetzt, als ich ihn überholt habe. Er hat es mir, obwohl wir Teamkollegen waren, nicht leicht gemacht. Das war so ein Ego-Ding“, blickt Lohr (54) noch gern auf den sonnigen Sonntag zurück. Rosbergs Gesichtsausdruck auf dem Siegertreppchen, als Dritter hinter dem späteren DTM-Rekordmeister Bernd Schneider (St. Ingbert, fünf Titel) und Lohr spricht Bände. Sein Sohn Nico, 2016 Formel-1-Champion, erzählt die Geschichte vom Lohr-Rosberg-Duell ebenfalls gern. „Papa war extrem angefressen“, so der 34-Jährige süffisant.

Zwei Berliner Hobbyfahrer waren im Mustang dabei

Von Podestplätzen, egal ob vor oder hinter einer Konkurrentin, konnten die Brüder Gerd und Jürgen Ruch nicht einmal träumen. Die beiden Berliner, im Alltag selbstständige Heizungs- und Lüftungsmonteure, erkämpften sich eine bemerkenswert große Fan-Gemeinde als immer gut gelaunte Außenseiter. Mit zwei Ford Mustang stürzten sie sich von 1988 bis 1994 ins Getümmel. Die „Weißen Riesen“ waren schnell, solange es geradeaus ging. Bremsen und Kurvenfahrten waren für die Ami-Schlitten Gift. Was den Spaß der Ruch-Brothers nicht trübte. Der begann schon in der Werkstatt im Berliner Bezirk Wedding. Besucher waren gern gesehen. Bei Bedarf wurde man eingespannt (Lappen holen, Reifen stapeln, mal einen Kotflügel beim Anschrauben festhalten). „Dabeisein ist alles“, lautete das Credo von Gerd Ruch.

159 DTM-Rennen bestritten beide. Sportlich respektiert von Konkurrenz und Fans, beliebt dazu wegen des sensationell guten selbstgebackenen Kuchens (Käse und Streusel) der Ruch-Frauen im Fahrerlager. Den sportlichen Höhepunkt gab es am 11. Oktober 1992 als Gerd in Hockenheim mit einem Rückstand von zwei Minuten und sechs Sekunden auf Sieger Roberto Ravaglia (BMW, Italien) als Zehnter durchs Ziel raste. Die erste Top-Ten-Platzierung! Bei der Einfahrt in die Boxengasse standen die Konkurrenten – darunter Mercedes-Sportchef Norbert Haug – Spalier und klatschten Beifall.

Für Michael Schuhmacher lief es nicht gut

Die Top Ten blieben einem gewissen Michael Schumacher in der DTM verwehrt. Genauer: Sechs Rennen, sechs Desaster für den späteren Formel-1-Rekordweltmeister. Auftritt eins: Saisonfinale 1990 in Hockenheim. Schumacher, Gaststarter in einem Mercedes, kollidiert mit dem heißen Meisterschaftsanwärter Johnny Cecotto. Der ehemalige Motorrad-Weltmeisters wird im BMW Elfter und der Titeltraum ist beendet. „Was für ein Idiot“, schimpfte der damals 34-jährige Venezolaner über Schumi (zum zweiten Lauf nicht mehr angetreten). In der Preisgeldwertung des Jahres 1990 rangierte Schumacher mit 756 D-Mark auf dem vorletzten Platz (51.). Vizemeister Cecotto bekam 47.554, Meister Hans-Joachim Stuck (Audi, Grainau) 51.559.

Im Juni 1991 wird Michael Schumacher auf dem Norisring in Nürnberg zunächst mit drei Runden Rückstand als 25. gewertet. Durchgang zwei beendet er nach 18 von 44 Runden. In Diepholz, fünf Wochen später, ist Rang 14 in Lauf zwei (Ausfall Lauf eins) die magere Ausbeute. Egal, denn am 25. September 1991 geht der Stern des Kerpeners bei seinem Formel-1-Debüt in Spa/Belgien auf.

In der Lausitz fiel ein Rennen ins Wasser

Lediglich die Finnen Keke Rosberg, Mika Häkkinen, der Franzose Jean Alesi und die Italiener Alessandro Nannini und Giancarlo Fisichella konnten sich sowohl als Sieger eines Formel-1-Rennens als auch als Gewinner eines DTM-Laufes feiern lassen. Für die GP-Gewinner Heinz-Harald Frentzen (Mönchengladbach) und Ralf Schumacher (Kerpen) reichte es zu Podestplatzierungen. Der Schotte David Coulthard musste sich mit einem fünften Platz als bestem Ergebnis zufrieden geben. Gerhard Berger (Österreich) wurde einmal Achter, Jochen Mass (Bad Dürkheim) blamierte sich mit einem 23. Platz als bestem Resultat in vier Rennen.

Das DTM-Geschehen auf der Avus endete am 7. Mai 1995. Im zweiten Durchgang zerschellte der Alfa Romeo von Alessandro Nannini nach einer Kollision mit seinem Markenkollegen Giancarlo Fisichella an den Leitplanken und ging in Flammen auf. Beim Neustart kam es zu einem schweren Unfall von Keke Rosberg im Opel Calibra nach einer Massenkollision. Schon im Jahr zuvor hatte der Bremer Holzhändler Louis Krages (Opel) nur mit viel Glück einen Feuerunfall, nach Kollision mit dem Dänen Kris Nissen (Alfa Romeo), überlebt. Krages fuhr unter dem Pseudonym „John Winter“ („Meine Mutter enterbt mich, wenn sie erfährt, dass ich Rennen fahre“). Er gewann 1985 die 24 Stunden von Le Mans – und das Pseudonym war Makulatur. Er behielt es trotzdem.

Aus der Avus wurde der Lausitzring und aus Ärger mit Feuer wurde Ärger mit Wasser. Die Premiere auf dem monumentalen Bau in der Lausitz am 3. September 2000 wäre DTM-Rennen 267 gewesen. Rundenlang kreisten die Fahrer hinter einem goldfarbenen Opel Astra Coupé Safety-Car auf der neuen Piste, denn es regnete in Strömen. Die Drainage der Strecke war den Wassermassen nicht gewachsen. Die aktuellen DTM-Autos waren unter diesen Bedingungen unfahrbar.

Die Typen von früher fehlen heute ein wenig

Eine Premiere erlebten die Zuschauer in der Nacht zum 17. August 2003 am Nürburgring. Im Vorfeld des WM-Boxkampfes zwischen Markus Beyer (Gera) und dem Australier Danny Green kämpften die DTM-Piloten bei Kunstlicht in einem Einzelzeitfahren um die besten Startplätze. Die ARD, Haussender der DTM und des Profiboxteams Sauerland, machte es möglich.

Nicht möglich war dagegen die ARD-Berichterstattung vom ersten DTM-Rennen in China am 18. Juli 2004. Kurz nach dem Start wurde der Mercedes von Bernd Mayländer (heute Fahrer des Formel-1-Safety-Car) durch einen lockeren Gullydeckel schwer beschädigt. Bis alle Kanalisationszugänge rund um die 2840 Meter lange Strecke in Shanghai verschweißt waren, war wegen der Zeitverschiebung die Sendezeit der ARD vorbei.

Die DTM hat sich zur Hightech-Serie entwickelt. Die Zeiten, in denen sich Privatfahrer wie Heinz-Friedrich Peil zum Spaß ein Taxischild aufs Autodach montiert haben, sind vorbei. Am Lenkrad drehen nur noch Top-Profis, die Verträge zu erfüllen haben. Die Autos sind extrem sensibel und extrem schnell, die Rennen aber nicht besser als früher, sondern im Schnitt genauso gut. Was fehlt, sind Typen wie Dieter Quester.