Hockey

„Wir operieren am offenen Herzen“

Interview mit Carola Meyer, der neuen Präsidentin des Deutschen Hockey-Bundes, über Ziele mit den Nationalteams und die Bundesliga-Reform.

Carola Meyer war früher Managerin der deutschen Nationalmannschaft und ist seit Mai Präsidentin des Deutschen Hockey-Bundes.

Carola Meyer war früher Managerin der deutschen Nationalmannschaft und ist seit Mai Präsidentin des Deutschen Hockey-Bundes.

Foto: Frank Rumpenhorst / picture alliance / dpa

Hamburg. Für das deutsche Männerteam begann die Hockey-Europameisterschaft am Sonnabend mit einem X:X (X:X) gegen Schottland. Die Frauen starten am Sonntag gegen Weißrussland ins Turnier. In Belgien wird nicht nur um die Kontinentaltitel, sondern auch um die direkte Olympiaqualifikation für Tokio 2020 gekämpft, die beide Europameister sicher haben. Seit Anfang der Woche schon ist Carola Meyer in Antwerpen. Die 69 Jahre alte Präsidentin des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) spricht im ersten großen Interview seit ihrer Wahl Ende Mai über die Neuausrichtung des Verbands und die sportliche Zukunft.

Berliner Morgenpost: Frau Meyer, was machen Sie im Haushalt am liebsten?

Carola Meyer: Bügeln. Warum?

Weil wir dachten, dass Sie am liebsten aufräumen. Schließlich sind Sie dafür von den DHB-Mitgliedern gewählt worden: um im Verband aufzuräumen.

Tatsächlich zählt Aufräumen auch zu den Dingen, die ich gern tue. Ordnung ist mir wichtig.

In welchem Zustand hat Ihr Vorgänger Wolfgang Hillmann den DHB hinterlassen?

Zur Vergangenheit werde ich mich nicht mehr äußern. Wir schauen nur nach vorn. Und was wir da sehen, erschreckt uns nicht. Derzeit arbeiten wir an einer gründlichen Bestandsaufnahme. Die üblichen 100 Tage nach Amtsübernahme werden nicht reichen für ein Fazit, denn wir müssen doch recht tief in einige Vorgänge eintauchen. Geben Sie mir 150 Tage, dann kann ich die Fragen nach dem Zustand des DHB beantworten.

Ihrer Wahl ging eine monatelange Fehde innerhalb des DHB voraus, der Verband wirkte in zwei Lager gespalten. Ist Ihre vorrangige Aufgabe, diese zusammenzuführen?

Ich habe gar nicht das Gefühl, dass das notwendig ist. Mich hat überrascht, wie positiv meine Wahl aufgenommen worden ist. Es gab nicht eine einzige negative Rückmeldung. Das zeigt mir, dass der ganz große Teil der Hockeyfamilie bereit ist, mein Team und mich auf unserem Weg zu unterstützen. Die vorrangigen Aufgaben sehe ich deshalb darin, einen Geschäftsführer einzustellen, die Digitalisierung voranzutreiben und die Vermarktung unseres Sports zu verbessern. Das sind Schritte, die Zukunft sichern.

Nachdem vor allem viele kleine Vereine kritisiert hatten, von der alten DHB-Spitze nicht mehr mitgenommen worden zu sein, ist die Erwartung an Sie, wieder einen Verband für alle zu schaffen. Wie soll das gelingen? Wie führen Sie?

Meine Hauptaufgabe ist, mein Team, in dem wir jedes Ressort mit Spezialistinnen und Spezialisten besetzt haben, harmonisch zu führen. Mein Credo ist, dass ich die, die sich mit der Materie am besten auskennen, selbstständig arbeiten lasse. Ich bringe meine Verbindungen zum Welt- und Europaverband ein, ich führe Gespräche mit Sponsoren und natürlich auch mit unseren Trainern und den Sportlerinnen und Sportlern. Ich stehe mit allen Ressorts in Kontakt. Aber letztlich verlasse ich mich auf mein Team und versuche, allen Mitgliedern größtmöglichen Entfaltungsspielraum zu geben.

Es heißt, Geduld sei nicht Ihre größte Stärke, Sie seien aus vorherigen beruflichen Stationen in der freien Wirtschaft ein Tempo gewohnt, das in einem Verband, der basisdemokratisch geführt werden will, keiner mitgehen kann. Wie passt das zusammen?

Tatsächlich ist die größte Herausforderung für mich, geduldig zu bleiben. Es stimmt, dass ich bisweilen ungeduldig werde, wenn eine Sache angeschoben und dann nicht erledigt wird. Ich versuche auch, Veränderungen mit einem gewissen Tempo voranzutreiben. Aber wir müssen aufpassen, dass wir niemanden zurücklassen. Aktuell empfinde ich unsere Arbeit so, als würden wir mit einer Hand am offenen Herzen operieren und mit der anderen ein paar Bälle jonglieren. Aber dennoch habe ich das Gefühl, dass uns das ganz ordentlich gelingt.

Letztlich hängt das Wohlergehen jedes Fachverbands am sportlichen Erfolg. Die deutschen Frauen und Männer waren letztmals 2013 Europameister, danach wurde kein großer Titel mehr geholt. Was macht Ihnen Mut, dass sich das in Belgien ändert?

Ich bin ein positiv denkender Mensch, deshalb glaube ich fest an den Erfolg. Wir haben gute Spielerinnen und Spieler, tolle Trainer und starke Funktionsteams drumherum. Ich kenne jeden, weil ich seit vielen Jahren in die Strukturen des DHB eingebunden bin, und weiß, wie hart und gut dort gearbeitet wird.

Dennoch sind die Favoriten auf die EM-Titel andere. Und wer nicht Europameister wird, muss sich in zwei Qualifikationsspielen Anfang November für Tokio qualifizieren. Wie groß ist die Sorge, dass das nicht klappen könnte?

Diese Sorge habe ich gar nicht. Wenn wir nicht Europameister werden, werden wir uns mit beiden Teams in den Qualifikationsspielen behaupten. Das ist unser Anspruch, und daran glaube ich fest.

Es bleibt aber festzuhalten, dass die Entwicklung vor allem im Männerhockey immer weiter in Richtung Profisport geht. Die Deutschen aber halten am dualen System fest. Wie sollen auf Dauer Amateure mit Profis mithalten?

Das Problem ist, dass wir im deutschen Hockey – und da geht es uns wie den meisten Sportarten abseits des Fußballs – nicht die finanziellen Mittel haben, um unsere Sportlerinnen und Sportler zu Profis zu machen. Außerdem ist das von vielen nicht gewünscht, weil sie Wert auf eine fundierte berufliche Ausbildung legen. Klar ist aber, dass das System optimiert werden muss. Der Termindruck auf die Nationalkader war im ersten Halbjahr mit der neu geschaffenen Pro League immens. Da müssen wir Lösungen finden, um gegenzusteuern und die Balance zwischen Leistungssport und Ausbildung erhalten zu können.

Die Doppel-EM 2011 in Mönchengladbach war das letzte Großereignis, das der DHB ausgerichtet hat. Um international wieder mehr Bedeutung zu erlangen, wäre eine erneute Bewerbung um eine EM oder eine WM notwendig. Ist der Verband dazu ausreichend aufgestellt?

Ja, wir sind dazu bereit. Und Sie haben vollkommen recht: Wir müssen unbedingt wieder mehr internationale Events ausrichten, denn das bringt den Sport im eigenen Land enorm voran, wie vor allem die Männer-WM 2006 gezeigt hat. Deshalb müssen und werden wir uns wieder mehr bewerben, auch wenn die Ansprüche, die Welt- und Europaverband haben, hoch sind.

Erbittert gestritten wurde zuletzt auch um die Zukunft der Bundesliga. Die Topklubs wollten den Spielbetrieb in einen eigenen Ligaverband ausgliedern, um vom Verband unabhängiger handeln zu können. Das wurde zunächst von den Mitgliedern des DHB abgelehnt. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Die Bundesliga ist und bleibt neben den Nationalteams unser sportliches Aushängeschild. Das Thema Ausgliederung werden wir professionell begleiten und schauen, wie die Stimmung sich entwickelt. Es gibt dazu aktuell Workshops. Wenn es professionell gemacht wird und alle davon einen Nutzen haben, kann die Ausgliederung sinnvoll sein. Aber im Vordergrund steht, dass wir es gemeinsam mit allen Vereinen auf freundschaftlicher Basis weiterentwickeln wollen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt Ihrer Amtsübernahme ist das Thema Geschlechtergerechtigkeit. Sie sind nicht nur die erste Frau an der DHB-Spitze, sondern haben mit vier Frauen und fünf Männern auch ein fast paritätisch besetztes Präsidiumsteam. Warum ist das heutzutage so wichtig?

Weil das Internationale Olympische Komitee auf die Gleichstellung hohen Wert legt. Und weil ich davon überzeugt bin, dass ein paritätisch besetztes Präsidium ein fortschrittliches, zukunftsweisendes Arbeitsklima fördert.

Warum ist das in so wenigen anderen Fachverbänden angekommen?

Das kann ich nicht beurteilen und will es auch nicht werten. Für den Hockeysport kann ich sagen, dass wir schon immer ein sehr innovativer Sport waren, was man unter anderem auch an den Regeländerungen sieht, die seit vielen Jahren praktiziert werden. Der im Fußball dauerhaft diskutierte Videobeweis funktioniert bei uns schon seit vielen Jahren weitgehend reibungslos. Dazu kommt, dass Hockey sich aus einem kleinen Kreis von Aktiven bedienen muss. Da wird jeder gebraucht, und das fördert die Akzeptanz von Frauen in Führungspositionen.

Sie selbst hat es nicht ins Präsidentenamt gedrängt. Sie haben sich zur Verfügung gestellt, um den Wechsel möglich zu machen. Was soll einst als Ihr wichtigstes Vermächtnis in Erinnerung bleiben?

Ich wünsche mir, dass die Leute nach meiner Amtszeit sagen: Man hat die Carola gar nicht bemerkt, umso mehr aber die Arbeit ihres Teams. Das wäre ein schönes Vermächtnis.

Sie haben bei Ihrem Amtsantritt gesagt, dass Sie maximal zwei Jahre bleiben wollen. Was aber, wenn Ihre Arbeit so erfolgreich ist, dass alle nach einer Fortsetzung rufen?

Stand jetzt ist für mich in zwei Jahren Schluss. Aber vor zwei Jahren hätte ich auch nie geglaubt, einmal DHB-Präsidentin zu sein. Nun lassen Sie uns aber doch bitte erst einmal etwas schaffen. Sonst wird niemand nach einer Fortsetzung rufen.