Bundesliga-Start

Eine Stadt, eine Liga, zwei Welten

Hertha und Union trennen nur 20 Kilometer Luftlinie, doch Gemeinsamkeiten haben die neuen Liga-Rivalen kaum. Warum? Eine Spurensuche.

Dominik Bardow am Brandenburger Tor.

Dominik Bardow am Brandenburger Tor.

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Morgens halb zehn in Treptow-Köpenick ist die Welt noch in Ordnung. Die Wuhle fließt durch die Heide, vorbei am Stadion des 1. FC Union. An einem Mittwochmorgen betreten rot-weiß gekleidete Fußballer den Trainingsplatz am Stadion, um sich vorzubereiten für ihre allererste Bundesligasaison. Denn bald ist es vorbei mit der Ruhe. Am Sonntag werden 22.000 Fans zum Auftaktmatch gegen RB Leipzig strömen, immer die Wuhle entlang.

Etwa zur gleichen Zeit in Charlottenburg, in Westend, zwischen Pappeln und Ahorn, betreten blau gekleidete Fußballer den Trainingsplatz am Olympiastadion. Für Hertha BSC wird es die mittlerweile 37. Saison im Fußball-Oberhaus, publikumswirksam eröffnet mit einem Spiel beim FC Bayern am Freitagabend. Trotzdem ist auch für Hertha etwas neu: Der Klub ist nicht mehr allein.

Erstmals seit 1977 gibt es wieder zwei Berliner Bundesligisten. Im November steigt das erste von zwei Derbys, ein Spiel zweier Rivalen, das die Fans in der Hauptstadt elektrisiert. Bis dahin aber werkeln Hertha und Union vor sich hin, an beiden Enden der Stadt, West und Ost. Viele Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte gibt es nicht. Jahrzehntelang waren beide Vereine geteilt, sportlich und politisch, lebten in verschiedenen Welten. Räumlich zudem getrennt durch über 20 Kilometer Luftlinie, Stadion zu Stadion. Nun geht es plötzlich um die Vorherrschaft in der Stadt.

Interaktive Übersicht: So teilen sich Hertha und Union die Hauptstadt

Beim Köpenicker Anhang steht das Gefühl über dem Erfolg

Wer verstehen will, was Hertha und Union ausmacht, was sie trennt und was sie verbindet, der muss die Distanz überwinden. Langsam, mit offenen Augen und Ohren. Gerade ein Zugereister wie ich, auch wenn ich seit 15 Jahren in Berlin lebe. Also beschließe­ ich zu laufen. 25 Kilometer Fußweg sind es laut Google Maps, im Schritttempo angeblich schaffbar in fünf Stunden. Wir werden sehen.

Startpunkt Köpenick. Mit guten Laufschuhen im Gepäck treffe ich am Union-Fanshop am S-Bahnhof Annette Ehrlich. Sie wohnt unweit des Stadions, ist Jahrgang 1966 – „wie der tollste Verein der Welt“, sagt sie stolz. Ehrlich ist seit 2003 Union-Fan und immer dabei geblieben. Auch als der Verein bis in die vierte Liga stürzte. „Ich fand den Zusammenhalt toll“, sagt sie, „diese Einstellung: Wir gehen nicht nur hin, wenn es schön ist.“ Im Moment ist es schön. Erstmals seit der DDR-Oberliga 1989 spielt der Verein wieder erstklassig. Als Bundesliga-Aufsteiger sind die Köpenicker gerade schwer angesagt. Dabei sehen­ sie sich seit jeher als Außenseiter, egal in welchem System.

Ehrlich läuft die Wuhle entlang, zum Stadion An der Alten Försterei, das auch ihr Stadion ist. Als Union-Fans die Arena ab 2008 renovierten, bekochte sie die Freiwilligen mit Chili und Königsberger Klopsen. Als der Verein in Finanznöten war und die Fans Blut spendeten, zapfte sie ihren Freundeskreis an. „Ich gehe nicht zum Fußball, ich gehe zu Union“, beschreibt sie das Gemeinschaftsgefühl, das im und um den Verein herrsche. „Hertha hat den Anspruch, Hauptstadtverein zu sein. Wir haben­ den Anspruch, wir zu sein, Köpenicker.“

Am Stadion kennt und grüßt sie jeden, den Hausmeister, den Busfahrer, die Spieler dagegen kaum. Ein gutes Dutzend neuer Profis hat Union für die Bundesliga verpflichtet. Der Verein verändert sich, er boomt, die Mitgliederzahlen steigen, die Nachfrage nach Tickets übersteigt schon jetzt das Angebot von 22.000 Plätzen, bald muss angebaut werden. Sich zu verändern­ und trotzdem man selbst zu bleiben, das wird die Herausforderung für Union.

Dann muss Ehrlich los, Banner abholen. Am Sonntag wird auf den Rängen gegen Gegner Leipzig demonstriert, den die Union-Fans als Kommerzprodukt ablehnen. So wollen sie hier nicht werden.

Die Unioner sehen sich noch immer als "Schlosserjungs aus Oberschöneweide"

Die Ursprünge des Klubs liegen woanders. Als „Schlosserjungs aus Oberschöneweide“ sehen die Unioner sich noch immer, das Stadion hat eine beigefarbene Backsteinoptik wie eine Fabrik. Wenn man Köpenick hinter sich lässt und durch Oberschöneweide läuft, sieht man noch viele Industriekomplexe. Einige sind verlassen, in anderen haben sich Start-ups angesiedelt. In der Gründungskneipe von Union ist jetzt ein Fashion-Store für Kinder­. Zeiten ändern sich.

Aber hier ist immer noch Union-Land. Je weiter man sich jedoch Richtung Ostkreuz bewegt, desto seltener werden die Fahnen an Balkonen und Schrebergärten. Immer wieder mal ist eine Hertha-Flagge zu sehen. Auf der Ost-West-Achse wird, um es mit Sänger Peter Fox zu sagen, langsam Rot zu Blau.

In der Mitte liegt jedoch eine große Grauzone. An der Oberbaumbrücke angekommen, endet Union-Land. Aber Hertha-Land ist das hier auch nicht. Fragt man Touristen an der East Side Gallery, ob sie einen Berliner Fußballverein kennen, zucken die meisten mit den Schultern. „St. Pauli kennen wir!“, sagt eine Gruppe aus Athen. Die seien sehr beliebt bei griechischen Anarchisten. Auf die Feststellung, Union sei so etwas wie das St. Pauli des Ostens, antwortet eine der Touristinnen höflich: „Maybe.“

In Kreuzberg bewegen Galatasaray oder Besiktas Istanbul vermutlich mehr Menschen

Wer neu nach Berlin kommt, den interessiert eher die Mauer als die beiden Fußballvereine, die durch sie getrennt waren. In Kreuzberg bewegen Galatasaray oder Besiktas Istanbul vermutlich mehr Menschen, in Prenzlauer Berg genießen der VfB Stuttgart oder Werder Bremen gefühlt die größeren Sympathien. Ob sich das je ändern wird? Etwa durch das neue Berliner Derby?

Für die Antwort muss man etwas vorspulen. Durch Mitte bewegt man sich eh neuerdings mit Elektroroller, außerdem tun mir schon die Füße weh. Auf wackeligem Gerät, vorbei an desinteressierten Touristen, brause ich also zum Potsdamer Platz. In der Mall of Berlin, wo es einen Fan-Shop für Hertha und den FC Bayern gibt, aber noch keinen für Union, treffe ich Stefan Chatrath. Er ist Professor für Sportmarketing und leitet einen Management-Studiengang, der mit Union kooperiert und Hertha-Verantwortliche öfter zu Gastvorträgen einlädt.

„Union positioniert sich sehr geschickt, die geben sich bodenständig, sind intern aber sehr ehrgeizig“, sagt der Experte beim Mittagessen im Food Court. „Bei Hertha weiß man dagegen gar nicht, wofür die eigentlich stehen.“

Der Hauptstadtklub, das war lange das Alleinstellungsmerkmal. Der ist nun weg. Hier könne das Derby helfen, glaubt Chatrath. „Markengemeinden funktionieren am besten, wenn sie sich voneinander abgrenzen können. Dann ist klarer: Wofür stehe ich, wofür die anderen?“ Bisher arbeitete sich Union eher an Gegnern wie dem BFC Dynamo oder RB Leipzig ab. Herthas Rivale war lange Tennis Borussia, gegen TeBe gab es 1977 auch das bislang letzte Berliner Bundes­liga-Derby.

Um die Massen in einer Metropole zu mobilisieren, brauche es begeisternden Fußball und echte Gegensätze, glaubt der Marketingfachmann, etwa Arm gegen Reich. Der neue Investor helfe da ein wenig­. „Hertha müsste sich aber trauen, wieder ein bisschen größer zu denken“, sagt Chatrath. Der Professor verabschiedet sich zur Vorlesung.

Eine große Rolle spielt Hertha im Stadtkern noch nicht. Vor dem Brandenburger Tor steht ein schreiender, nackter Demonstrant, bekleidet nur mit einem Tanga samt blauer Socke vorne. Aber er wettert gegen Angela Merkel, nicht gegen Union. Als ich für ein Foto mit Hertha-Fahne und Union-Mütze posiere, interessiert das dagegen keinen.

Also ab durch den Tiergarten, vorbei am Zoo, zum Zoo. Aber Hanne am Zoo, das gibt es nicht mehr. Dort, wo die legendäre Vereinskneipe war, steht nun ein Shoppingkomplex mit Starbucks und Primark. Zeiten ändern sich, auch im Westen.

Wer die authentische Hertha sucht, muss in den tiefen Westen

Wer die authentische Hertha sucht, muss weiter. Die Kantstraße entlang zur Messe Nord, wo das ICC noch an glorreiche Zeiten erinnert. Unweit der S-Bahn befindet sich der Berliner Krug, eine Hertha-Kneipe vom alten Schlag. An den Wänden hängen Trikots, Autogramme und historische Bierwerbung: „Schultheiss – Bier genießen wie in alten Zeiten.“ Ein Schultheiss, bitte.

Im Radio laufen Lou Bega, Pet Shop Boys und Bryan Adams, es wird geraucht und geschwiegen. Wenn kein Fußball läuft, schaut man auf den Glücksspielautomaten. Hertha-Spiele werden hier gezeigt, Union nur, wenn’s nicht zu vermeiden ist. Warum etwas ändern, nur weil ein neuer Verein in der Liga ist?

Bei Hertha hat sich schon genug geändert. Von seinen Arbeiter-Ursprüngen am Gesundbrunnen ist der Verein einst in den weitläufigen Olympiapark gezogen, und solange sich die Stadionbaupläne nicht konkretisieren, wird sich so schnell auch nichts daran ändern. Also läuft man zur alten Dame Hertha durch die Platanenallee, vorbei an Villen, Botschaften und Musikschulen.

Den blau-weißen Fans sind die Image-Spielereien zu viel

Dann ist es geschafft, der Imbiss auf der Olympischen Brücke schließt schon, die Beine schmerzen, aber das Ziel ist erreicht: Das Olympiastadion zeichnet sich am Horizont ab. Das perfekte Ende einer Tour von Stadion zu Stadion wäre, wenn nun hinter dem monumentalen Bau die Sonne unterginge und ein Hertha-Fan hier bei einem Bier erklären könnte, wofür sein Verein denn nun steht. Aber es ist bewölkt, vor dem Stadion macht ein spanisches Touristenpärchen Fotos von den olympischen Ringen, und nebenan, im Restaurant Stadionterrassen, feiert der SPD-Ortsverein Westend sein Sommerfest. Das kann es nicht gewesen sein!

Also steige ich noch einmal in die S-Bahn und fahre zurück zur Jannowitz­brücke, wo Henry Cieslarczyk gerade sein Fußballtraining beendet hat. Dann trinken wir das Bier eben hier.

Der 46-Jährige betreibt als „Sir Henry“ den Hertha-Podcast „Damenwahl“ und ist seit 1996 Fan der alten Dame. „Ich wehre mich dagegen, dass Hertha für überhaupt etwas stehen soll“, sagt er. „Wir haben nicht dieses Sendungsbewusstsein wie Union.“ Das nerve gewaltig bei den Köpenickern. Hertha sei einfach nur ein Fußballverein. Punkt. Die ganzen Image-Kampagnen wie „Aus Berlin. Für Berlin“ oder „We try. We fail. We win“ hätten eh nie verfangen. Cieslarczyk freut sich einfach auf die neue Saison. „Wenn wir in den Europapokal kämen, würde ich persönlich auch zwei Derbypleiten in Kauf nehmen“, sagt er und stellt klar: „Stadtmeister ist, wer in der Tabelle weiter oben steht.“

Ob das Hertha oder doch Union sein wird, muss die Freitag beginnende Saison zeigen. Und ob das Derby die beiden Vereine einander emotional näher bringt oder weiter entzweit, ob die ganze Stadt mitfiebert, entscheiden die beiden Spiele im November und März. Bis jetzt lässt sich nur sagen: Von Stadion zu Stadion sind es, mit einigen Umwegen, über 30 Kilometer, knapp acht Stunden Weg und jeweils eine Blase pro Fuß und Verein. Hertha-Union, 1:1.