Schwimm-WM

Torjäger Marko Stamm vom Rollstuhl ins WM-Becken

Berliner Marko Stamm führt die deutschen Wasserballer trotz schwerer Fußverletzung in die K.o.-Runde der WM.

Marko Stamm erzielte im WM-Gruppenspiel gegen Brasilien fünf Tore und führte Deutschland damit in die K.o.-Runde.

Marko Stamm erzielte im WM-Gruppenspiel gegen Brasilien fünf Tore und führte Deutschland damit in die K.o.-Runde.

Foto: Bernd Thissen / dpa

Gwangju.. Hagen Stamm packte der Vaterstolz, nachdem sein verletzter Sohn Marko den Rollstuhl verlassen und im WM-Becken die deutschen Wasserballer in die K.o.-Runde geführt hatte. „Ich könnte jetzt sagen: Das sind die Gene. Aber es sind nicht die Gene, er schießt die Tore allein, da habe ich nichts mit zu tun“, sagte der Wasserball-Bundestrainer mit einem zufriedenen Lächeln.

Stamm junior erzielt fünf Tore gegen Brasilien

Stamm junior war mit fünf Treffern maßgeblich für den 15:8 (4:1, 6:1, 2:2, 3:2)-Sieg gegen Brasilien verantwortlich gewesen, obwohl der Spandauer sich zwei Tage zuvor beim WM-Auftakt gegen Japan (9:9) einen Bänderriss im linken Fuß zugezogen hatte. An Aufgabe dachte der 30-Jährige nicht, schließlich sind die deutschen Wasserballer erstmals seit 2013 wieder bei einer WM am Start. Also habe er auf die Zähne gebissen, „das ist eine Weltmeisterschaft. Wenn nicht hier, wann dann?“

Und dann muss Stamm auch noch zur Dopingprobe

Dass ausgerechnet Stamm zur Dopingprobe gebeten wurde, war eine zusätzliche Pointe. Also humpelte er mit einem Kontrolleur zur Toilette - genau wie er zuvor durchs Athletendorf gehumpelt war. Manchmal ließ er sich auch von seinen Teamkollegen im Rollstuhl durchs Areal schieben, doch das Gerät musste er wieder abgeben - „weil ich kein Notfall bin“.

Vom Handicap ist im Wasser nichts zu spüren

Seine Leistung im Spiel gegen Brasilien bestätigte das. Im WM-Becken war von dem „großen Handicap“, das Hagen Stamm prophezeit hatte, überhaupt nichts zu spüren. „Ich bin froh, dass ich meinen Teil beitragen konnte“, sagte Marko Stamm, der mit einem dicken Tapeverband um den Knöchel die großen Schmerzen wegen des Adrenalins direkt nach dem Ende nicht spürte. „Der Weg zur Präsentation war aber der Horror“, gestand er.

Vor einem halben Jahr habe er mal aus Scherz gesagt, dass er erst dann mit dem Wasserball aufhöre, wenn ihn seine Mitspieler mit dem Rollstuhl zum Becken fahren müssten. „Dass es jetzt so schnell geht, hätte ich auch nicht gedacht“, sagte Stamm: „Da muss ich meine Aussage revidieren.“

Im letzten Gruppenspiel am Freitag gegen Italien

Einen Stamm in Topform benötigt das Team auch im letzten Gruppenspiel am Freitag gegen den dreimaligen Olympiasieger Italien. Für den wahrscheinlichen Fall, dass Japan im Spiel zuvor gegen Brasilien gewinnt, darf die DSV-Auswahl nur mit einem Tor Unterschied verlieren oder muss ein Unentschieden holen, um Gruppenzweiter zu werden und damit in der ersten K.o.-Runde einem Topgegner aus dem Weg zu gehen. An den direkten Viertelfinaleinzug bei einem Sensationssieg gegen Italien glaubt nicht mal der Bundestrainer selbst.

„Italien ist der haushohe Favorit, und alles andere als eine klare Niederlage wäre eine Riesenüberraschung“, sagte Hagen Stamm, der den dritten Platz in der Vierergruppe als „Strafe“ empfinden würde. Zumindest das frühe WM-Aus haben die Wasserballer aber verhindert - dank ihres verletzten Torjägers.

Berliner Hausding sichert sich das Olympia-Ticket

Auch ein anderer Berliner sorgte bei der Schwimm-WM in Südkorea für Furore. Nach einem „wilden Wettkampf“ mit einer Schrecksekunde war ein körperlich und mental erschöpfter Patrick Hausding nur noch froh über das Olympia-Ticket. Der Rekordeuropameister hatte mit seinem WM-Finaleinzug vom Dreimeterbrett als Neunter den deutschen Wasserspringern nicht nur den ersehnten ersten Startplatz für Tokio 2020 beschert, sondern sich auch auf eine harte Nervenprobe gestellt.

Bei der Auerbachschraube im dritten Durchgang verpatzte der Olympiadritte den Anlauf, er verlor die Balance und hatte Glück, dass er den Sprung abbrechen und einen neuen Versuch starten konnte. So blieb der Punkteabzug im Rahmen. „Ich hatte Angst, dass ich ins Wasser falle, denn dann hätte sich der Sprung komplett erledigt gehabt“, sagte der 30-Jährige: „Wenn ich transparent wäre, hätte man gesehen, dass mein Herz in alle Richtung schlug. Aber man muss versuchen, cool zu bleiben.“

Bundestrainer Buschkow lobt Hausdings Nervenstärke

Bundestrainer Lutz Buschkow lobte Hausding für dessen Nervenstärke. „Mir ist kurz der Puls hoch gegangen“, sagte Buschkow über die Schrecksekunde im dritten Durchgang, „aber Patrick ist cool geblieben und ist weiter auf Angriff gesprungen.“ Das ist auch das Motto für das Finale am Donnerstag. „Meine Fitness steigt weiter. Ich würde mich freuen, wenn es in die Top Sechs reingeht“, sagte der Vizeweltmeister von 2017. Der knapp 90 Minuten lange Endkampf werde im Vergleich zum fast vier Stunden dauernden Vorkampf „fast ein Urlaubstag“, scherzte Hausding.

Beck jubelt nach Zitterpartie um WM-Bronze im Freiwasser

Als Vizeeuropameisterin Leonie Beck nach fünf Kilometern im Freiwasser und packendem Endspurt anschlug, spielte die Anzeigetafel verrückt. Auf Platz zwei leuchtete ihr Name auf - WM-Silber. „Das war falsch, das wusste ich“, sagte die 22-Jährige. Plötzlich verschwand sie ganz aus den Medaillenrängen. Gut zehn Minuten lang musste sie auf dem Ponton im EXPO Ocean Park in Yeosu warten, bis die Durchsage kam: Bronze für Beck - zeitgleich mit der Amerikanerin Hannah Moore.

Anschlag mit den Fingerspitzen

„Ich habe mit den Fingerspitzen angeschlagen, deshalb war ich mir überhaupt nicht sicher“, berichtete die Würzburgerin, die sich drei Tage zuvor über die doppelte Distanz als Neunte für die Olympischen Spiele 2020 qualifiziert hatte. Da hatte sie sogar über 20 Minuten warten müssen, bis ihr Ergebnis offiziell und das Ticket nach Tokio gelöst war. „Die WM ist supergut gelaufen für mich“, resümierte Beck (57:58,0 Minuten) nach dem erneuten Nervenspiel beim Sieg der Brasilianerin Ana Marcela Cunha erleichtert, „die Medaille wäre für mich nichts wert, wenn ich die Olympia-Quali nicht geschafft hätte.“ Nach dem Triumph von Florian Wellbrock und Bronze von Rob Muffels über zehn Kilometer war es bereits das dritte Edelmetall. „Das ist der absolute Hammer“, meinte Beck, „die deutschen Schwimmer sind wieder in der Weltspitze angekommen.“