Finals 2019

Wenn Ornella Wahner zuschlägt, dann brutal hart

Die Boxerin ist die erste deutsche Amateurweltmeisterin. In Berlin will sie sich bei den Finals den nationalen Titel holen.

Ornella Wahner will bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 eine Medaille gewinnen.

Ornella Wahner will bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 eine Medaille gewinnen.

Foto: Ed Gar / imago

Berlin. Statt einer Medaille gab es für Ornella Wahner „zwei, drei Nächte mit ziemlich wenig Schlaf. Ich dachte, ich hätte das Ding. Im Nachhinein grübelt und grübelt man, warum es nicht geklappt hat. Jede Szene, immer wieder!“ Das „Ding“ war der erste Kampf der amtierenden Amateurbox-Weltmeisterin bei den European Games in Minsk/Weißrussland am 27. Juni. Gegnerin Michaela Walsh aus Wales erschien zum Auftakt eine machbare Herausforderung zu sein. Am Ende entschieden sich vier der fünf Punktrichter gegen die 26 Jahre alte gebürtige Dresdnerin mit den Wahl-Wohnorten Berlin (Boxen gelernt) , Halle/Saale (Verein gefunden) und Schwerin (Bundesstützpunkt).

Statt Frust über die Niederlage zu schieben, geht Wahners Blick ein gutes halbes Jahr nach dem bis dato größten Triumph einer deutschen Amateurboxerin nach vorn: „Es steht noch so viel auf dem Zettel. Und zum Glück weiß ich ja, wie es geht.“ Ganz oben stehen die 96. deutschen Meisterschaften vom 30. Juli bis zum 4. August in Berlin, die im Rahmen der Finals 2019 ausgetragen werden. Wahner, die 2011 mit dem Gewinn der Junioren-WM in Antalya/Türkei erstmals auf sich aufmerksam machte, ist die Favoritin im Federgewicht (bis 57 Kilo). Danach richtet sich ihr Blick auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Im November 2018 gelang die WM-Überraschung

Und schon im Vorfeld gerät Ornella Wahner ins Schwärmen. „Tokio soll eine extrem interessante Stadt sein, was sicher auch für Japan als Land gilt.“ Soll Olympia ein Erfolg werden („Wenn ich eine Medaille holen würde, wäre das ein Erfolg“), müssen Wahner und Bundestrainer Michael Timm – der 56-Jährige war 1985 Amateureuropameister im Halbschwergewicht – an die Tage im November 2018 in Neu Delhi/Indien anknüpfen. Präziser an den 24. November, als die 1,64 Meter große WM-Überraschung im Finale vor rund 4000 Zuschauern die Lokalmatadorin Sonia Chahal nie zur Entfaltung kommen ließ und mit einem 4:1-Punktsieg sowie der „nicht besonders schönen, aber sehr wertvollen“ Goldmedaille für den WM-Titel belohnt wurde.

Zum Erfolg beitragen möchte auch Jürgen Brähmer, Ex-Profi-Weltmeister und Teilzeittrainer von Jack Culcay, dem bislang letzten deutschen Amateurbox-Weltmeister bei den Männern (2009 in Mailand). Brähmer, mittlerweile 40 Jahre alt, aber weiter aktiv und offizieller Herausforderer des Berliner Profi-Europameisters Stefan Härtel, sieht Potenzial bei Ornella Wahner. „Sie ist sehr konzentriert und taktisch mit viel Disziplin bei der Sache. Sie ist auch selbstbewusst, aber nicht leichtsinnig.“ Bei Brähmer trainiert sie, wenn Michael Timm verhindert ist. Letzterer lobt ihre Power. „Schlagkraft hat man, oder man hat sie nicht. Da kann man nicht viel üben“, so der Hobby-Motocross-Fahrer.

Regina Halmich ist ihr großes Vorbild

Dazu passt ein Video, in dem Ornella auf einem Rummelplatz einen Schlagtest gegen einen Punchingball macht. Ihr Ergebnis auf der Bewertungsskala, an deren oberem und unterem Ende Begriffe wie Muttersöhnchen und Supermann zu lesen sind, lautete: Brutal. Nicht selten endet so ein Versuch beim, vom einen oder mehreren Bierchen geschwächten, starken Geschlecht mit „Weichei“ oder gar „Kleinkind“. „Du musst eben richtig treffen“, lacht Ornella.

Mangel an Kraft plus Geschick waren ausschlaggebend, Ornellas sportlichen Ehrgeiz zu wecken. „Ich konnte in der Schule nicht gut werfen. Da übte mein Vater so lange mit mir, bis ich 50 Meter geschafft hatte“, sagt die ehemalige Leichtathletin. Vater Gerd Wahner, selbst Judoka, war es auch, der Ornellas Wunsch unterstützte, Kampfsport zu betreiben. Zuerst Kickboxen, dann Boxen. Er erkannte ihr Talent und begleitete seine 16-jährige Tochter nach Berlin. Damals wie heute lautete der Traum: Profiboxen, animiert durch die herausragenden Leistungen von Ex-Weltmeisterin Regina Halmich. Nebenbei: Den Vornamen Ornella suchte der Papa als großer Fan der italienischen Schauspielerin Ornella Muti aus.

Voller Terminkalender wegen des Studiums

Dass Ornella Wahner nicht eingleisig denkt, zeigt, dass sie sich neben dem Sport für ein Fernstudium mit Fachrichtung Sportmanagement eingeschrieben hat. Vorerst geht der Blick aber nach Tokio. Daraus resultiert ein voller Terminkalender, und so musste sie ihren Hund, Bulldogge Lennox (benannt nach dem ehemaligen Schwergewichts-Weltmeister Lennox Lewis), in Dauerpflege geben. „Meine Zeit reichte einfach nicht aus“, so die Nummer eins der deutschen Amateurbox-Mannschaft. Was Erfolge im Ring anbelangt, würde Wahner gern an Ex-Champion Mike Tyson anknüpfen: „Der war eine Maschine!“ Was den Stellenwert des Frauenboxens angeht, hofft sie auf eine Wende hin zu den Zeiten, als Regina Halmich zwischen 1994 und 2007 ein Millionenpublikum vor die TV-Geräte lockte. Dass das vorerst ein Traum ist, ist Wahner klar.

Eher zu einem Albtraum könnte der Weg hin zur Olympia-Qualifikation werden. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat nämlich den Amateurbox-Weltverband (Aiba) von den Spielen suspendiert. Die Vorwürfe gehen in Richtung Korruption, daraus resultierende Fehlurteile zuletzt 2016 in Rio de Janeiro sowie vermeintlich angehäufte Schulden in Millionenhöhe.

Modus zur Olympia-Qualifikation noch unklar

Aiba-Präsident Gafur Rachimow (Usbekistan) ist nun zurückgetreten. Die Athleten und ihre Landesverbände sind jedoch ausdrücklich von der Suspendierung ausgenommen. Der Qualifikationsmodus für die 100 Frauen (fünf Gewichtsklassen) und 186 Männer (acht Gewichtsklassen), die in Japans Hauptstadt in den Ring steigen sollen, ist aber noch nicht abschließend entschieden. Gut also, dass mit den deutschen Meisterschaften eine klar umrissene Aufgabe auf Ornella Wahner wartet.

Lesen Sie hier alles zu den Finals in Berlin.

Am 3./4. August finden in Berlin die Finals 2019 statt. Erstmals bündeln zehn Sportarten (Boxen, Bahnrad, Bogenschießen, Triathlon, Trails, Kanu, Moderner Fünfkampf, Schwimmen, Turnen, Leichtathletik) ihre deutschen Meisterschaften, 194 Titel werden vergeben, rund 3400 Athletinnen und Athleten sind am Start. Die Morgenpost stellt bis zu den Finals in jeder Woche einen Sportler aus einer der Sportarten vor.