Schwimm-WM

Wasserspringer Hausding ist der zweifelnde Leitwolf

Der Berliner startet an diesem Freitag in die WM und hofft mit dem jungen Team der Wasserspringer auf einige Tickets für Olympia 2020.

Patrick Hausding zählt nach einem bislang schwierigen Jahr mit zahlreichen Verletzungen zu den WM-Topfavoriten in Gwangju.

Patrick Hausding zählt nach einem bislang schwierigen Jahr mit zahlreichen Verletzungen zu den WM-Topfavoriten in Gwangju.

Foto: Jens Büttner / dpa

Gwangju/Köln. Patrick Hausding wählt seine Worte stets mit Bedacht. Doch wenn der Wasserspringer vom Berliner TSC über den Start in dieses vorolympische Jahr spricht, kann er sich einen gezielten Schuss Selbstironie nicht verkneifen. Bei einem Salto rückwärts vom Trampolin landete der 30-Jährige Mitte Januar im Training statt auf den Füßen auf dem Kopf, erlitt einen Nervenschaden an zwei Fingern und einen Bündelriss im Rückenmuskel. Wochenlang musste seine Freundin ihn anziehen, weil er selbst dazu nicht in der Lage war. „Das war mal wieder eine Verletzung“, witzelt Hausding, „die ich so noch nicht hatte.“

Auch ein Neurologe konnte Hausding nicht helfen

Bei dem prall gefüllten Katalog an Blessuren, den der Olympia-Dritte von Rio vom Drei-Meter-Brett in seiner erfolgreichen Karriere zusammengetragen hat, ist das eine echte Rarität. Von abgerissenen Zehennägeln über mehrere gerissene Kapillargefäße nach einem Bauchplatscher von der Zehn-Meter-Plattform bis hin zum dauerentzündeten rechten Knie kennt Hausding die Liste möglicher Verletzungen längst von A bis Z. Die Folgen des Trainingsunfalls im Januar brachten ihn jedoch an die Grenzen seiner seelischen Belastbarkeit.

Das Taubheitsgefühl im Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand wollte einfach nicht verschwinden, die beiden Finger befanden sich in einer Art Dauerschlaf. Auch das Wasser konnte Hausding nicht mehr richtig fühlen. „Das war wirklich eine schwierige Zeit, da zweifelt man an sich selbst, an seinen Fähigkeiten. Zweifelt daran, ob der eigene Körper überhaupt noch mal fit wird. Und es macht einen auch nervös. Vor allem, wenn es, wie bei mir, knapp acht Wochen dauerte, bis das Gefühl wieder da war“, erzählt der Berliner vor seinem WM-Auftakt vom 1-Meter-Brett am Freitag in Gwangju (Südkorea). Wegen der wachsenden inneren Unruhe suchte Hausding sogar einen Neurologen auf. Aber auch der konnte keine gravierenden Probleme entdecken.

Unfall trifft den Berliner mitten in der Saisonvorbereitung

Ebenso wenig wie all die anderen von ihm konsultierten Ärzte, die Hausding vor allem zu viel Geduld rieten. Da das MRT keine besonderen Auffälligkeiten hinsichtlich möglicher Schädigungen von Nerven, Wirbeln oder Bandscheiben ergeben hatte, konnte er nach drei Wochen Pause wieder ins Training einsteigen. Allerdings mit dem Ratschlag der Mediziner, nur so viel zu trainieren, wie er vom Schmerzlevel her aushalten könne.

„Das war mein Leitfaden“, sagt der Mann, der im Synchronspringen vom Turm mit seinem damaligen Partner Sascha Klein 2008 Olympia-Zweiter und fünf Jahre später in Barcelona Weltmeister wurde. Sich immer an diesen Leitfaden zu halten, fiel ihm schwer – weil er vor dem Unfall eigentlich eine gute Saisonvorbereitung und einen passablen Fitnesszustand erreicht hatte.

Hausding führt Team von WM-Debütanten an

„Zwei, drei Wochen, bevor die Wettkämpfe Schlag auf Schlag losgingen, hat’s mich komplett rausgehauen. Das war also der ungünstigste Zeitpunkt, um sich zu verletzen“, weiß Hausding. Parallel dazu spürte er vonseiten Bundestrainer Lutz Buschkow und Heimtrainer Christoph Bohm den Wunsch, sein Potenzial auszuschöpfen. „Da kann es auch mal Konfliktpotenzial geben, was die Ausrichtung zu einem Wettkampfhöhepunkt angeht“, berichtet Hausding, der Verständnis für Buschkow und Bohm zeigt, zugleich aber betont: „Die Trainer müssen auch verstehen, dass ich irgendwann mal stopp sagen muss. Weil mein Körper das einfach nicht mehr mitmacht. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste.“

Als Leitwolf unter Deutschlands Wasserspringern äußert Hausding für die Mannschaft, die mit insgesamt 15 Berlinern zur WM fährt, die „klare Erwartung“, beim Saisonhöhepunkt in Gwangju „einige Olympia-Tickets für Tokio 2020 zu lösen“. Allerdings gibt der Inhaber von vier WM- und 28 EM-Medaillen auch zu bedenken: „Wir sind insgesamt noch ein recht junges Team, in dem viele ihre erste WM bestreiten.“

Das große Ziel ist das Olympia-Ticket

Er selbst will in den Konkurrenzen vom Ein- und Drei-Meter-Brett sowie im Drei-Meter-Synchronspringen an den Start gehen. Prognosen über Platzierungen gibt Patrick Hausding aufgrund seiner jüngsten Verletzungen und deren Folgen für die eigene Physis und Psyche nicht ab. Sondern erklärt vor den neun Springer-Tagen in Gwangju lapidar: „Mein persönliches Hauptziel ist es ebenfalls, einen Startplatz für Olympia zu holen. Wenn ich das geschafft habe, bin ich schon mal zufrieden.“