Champions Serie

Mit Tempo 70 barfuß übers Wasser

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Philip Häfner
Christian Kurz liebt das Barfuß-Wasserskifahren.

Christian Kurz liebt das Barfuß-Wasserskifahren.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE / FUNKE Foto Service

Christian Kurz ist ein Meister im Barfuß-Wasserskifahren und ist bis zu 70 Stundenkilometer schnell

Berlin. Bereits in der Bibel ist davon die Rede, dass Jesus übers Wasser laufen konnte. Wie schnell er dabei unterwegs war, darüber schweigt die Heilige Schrift jedoch. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass sich Jesus damals in einem ähnlichen Höllentempo über den See Genezareth bewegt hat, mit dem Barfuß-Wasserskiläufer Christian Kurz die Gewässer im Berliner Umland unsicher macht.

Die enorme Geschwindigkeit sorgt für den Kick

Mit bis zu 70 Stundenkilometern rast der 38-Jährige übers Wasser, der sich dabei von einem Motorboot an einem Halteseil ziehen lässt. Das ist noch einmal deutlich schneller als seine Kollegen auf Wasserskiern: Anfänger bringen es dort auf bis zu 35 km/h, die Profis kommen auf knapp Tempo 60. „Die enorme Geschwindigkeit sorgt in unserer Disziplin für den besonderen Kick“, sagt Christian Kurz. „Das ist ein Unterschied wie zwischen Ferrari und Ente fahren.“

Die Wellen dürfen nicht zu hoch schlagen

Allerdings ist ein Ferrari eben auch nicht für jedes Gelände geeignet. Auch die Barfuß-Wasserskiläufer sind bei der Ausübung ihres Sports darauf angewiesen, dass die Wellen nicht zu hoch schlagen. „Wir brauchen glattes Wasser“, sagt Kurz, „ansonsten fühlt es sich jedes Mal so an, als würde man mit dem Fahrrad mit hoher Geschwindigkeit gegen den Bordstein fahren.“ Schon eine leichtere Brise genügt, um das Training dadurch sprichwörtlich ins Wasser fallen zu lassen. Im Wettkampf würde notfalls ein zweites Boot vorneweg fahren und das Wasser glätten. Bügeln heißt das bei den Barfuß-Wasserskiläufern, doch darauf kann Christian Kurz wie so viele Männer gern verzichten.

Wasserski in Berlin nur auf Wannsee und Tegeler See erlaubt

In anderen Ländern würden die Sportler einfach auf die windgeschützte Seite des Sees wechseln, doch in Deutschland ist das Wasserskifahren nur in bestimmten Bereichen überhaupt erlaubt. In Berlin geht das nur auf dem Wannsee und auf dem Tegeler See – allerdings liegen die Strecken dort mitten im Wind und sind somit eher ungeeignet. Christian Kurz trainiert deshalb meist in Caputh, wo sich auch sein Verein befindet, oder in Brandenburg an der Havel auf dem Beetzsee. Für Filmaufnahmen durfte er allerdings auch schon einmal auf der Spree rund um die Museumsinsel fahren. „Es existiert ein Foto, auf dem ich direkt vor dem alten Palast der Republik einen Salto mache. Das kann auf der ganzen Welt kein zweiter Fahrer von sich behaupten“, sagt er.

Kurz lebt seit 2001 in Prenzlauer Berg

Kurz stammt ursprünglich aus der Nähe von Trier. Seit 2001 lebt er in Prenzlauer Berg. In seinem ersten Jahr in Berlin gehörte er sogar der dortigen Sportfördergruppe der Bundeswehr an, trainierte quasi unter Profibedingungen. „Davon zehre ich bis heute“, sagt er. Die Leidenschaft für das Barfuß-Wasserskifahren liegt bei ihm in der Familie. Seine Tante Steffi Kirsch war insgesamt fünf Mal Weltmeisterin, sein Onkel Franz Kirsch war einst Präsident des Weltverbandes und organisierte 1988 auf der Mosel auch die ersten Weltmeisterschaften in dieser Sportart.

Es gibt insgesamt drei Disziplinen

Drei Disziplinen gibt es beim Barfuß-Wasserskifahren. Beim Slalom müssen die Athleten innerhalb von 15 Sekunden so oft wie möglich die Heckwelle des voranfahrenden Motorbootes kreuzen – auf beiden Beinen gibt es dafür jeweils einen halben Punkt, auf einem Bein einen ganzen. Zwei Läufe gibt es, einmal vorwärts, einmal rückwärts, die Punktzahlen werden addiert. Beim Trickfahren gibt es ebenfalls zwei Läufe à 15 Sekunden, in denen die Fahrer verschiedene Figuren zeigen.

Beim Springen zählt allein die Weite

Beim Springen spielt die Ausführung dagegen keine Rolle – dort zählt allein die Weite. Zwei Sprungstile gibt es: Entweder mit den Füßen voran so wie ein Weitspringer, oder kopfüber, was immer ein wenig so aussieht wie Superman. Die Landung auf dem Po ist zwar erlaubt, nach spätestens 75 Metern muss man jedoch wieder auf beiden Beinen stehen, damit der Sprung zählt.

Berliner Kurz war schon 26 Mal deutscher Meister

Der weiteste Satz von Christian Kurz endete erst nach 22,80 Metern. Bei den deutschen Meisterschaften am kommenden Wochenende am Fetzersee in der Nähe von Ulm will er diese Weite noch einmal verbessern. Im vergangenen Jahr gewann Kurz den Titel im Trickfahren sowie in der Kombinationswertung. „Das ist der wichtigste Titel, weil damit der kompletteste Fahrer ermittelt wird“, sagt er. Insgesamt war der Berliner bislang 26 Mal deutscher Meister und drei Mal Europameister mit der Mannschaft, drei Mal holte er EM-Bronze im Einzel. Zwei Mal startete er bei den World Games, den Olympischen Spielen der nichtolympischen Sportarten, sein bestes Ergebnis war 2009 ein sechster Platz. Danach wurde die Sportart aus dem Wettkampfprogramm gestrichen.

Jede kleine Verletzung kann das Saisonende bedeuten

Im Alltag ist Christian Kurz allerdings selbst bei größter Hitze nicht barfuß unterwegs. „Ich darf mich auf keinen Fall verletzen, denn auf dem Wasser würde bei dem Tempo selbst der kleinste Schnitt sofort wieder aufreißen. Jede Verletzung könnte somit das vorzeitige Saisonende bedeuten“, sagt er.

Insgesamt würden die Füße beim Barfuß-Wasserskifahren jedoch viel weniger beansprucht, als man es auf den ersten Blick vermuten würde. „Solange man den Fuß dabei nicht zu sehr anspannt, geht es. Wir fahren ja auch nicht wirklich auf der Wasseroberfläche, sondern haben den Fuß immer zur Hälfte im Wasser und schieben einen Sprayfilm vor uns her, der die Oberflächenspannung auflöst“, erklärt Kurz. Ob auch Jesus das damals so gemacht hat, verrät uns die Bibel allerdings nicht.