Berliner Champions

Wie die Flamingos für Gabriel Tovar zur Familie wurden

Der Berliner musste seine Heimat Venezuela verlassen und fand beim Reinickendorfer Baseball-Team ein neues Zuhause.

Gabriel Tovar kam Anfang des Jahres aus Venezuela nach Berlin.

Gabriel Tovar kam Anfang des Jahres aus Venezuela nach Berlin.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Das Angebot klang einfach zu verlockend. Der Bürgermeister von Barquisimeto in Venezuela hatte allen Schülern für den nächsten Tag schulfrei versprochen, falls das örtliche Baseballteam, die Cardenales de Lara, das nächste Spiel gewinnen würde. Gabriel Tovar war zu diesem Zeitpunkt eigentlich kein allzu großer Baseballfan, aber das musste er sich dann doch anschauen.

Am Ende verloren die Cardenales zwar, die Schüler mussten zur Schule, doch Tovar war trotzdem begeistert. Kurz darauf fing der damals Zehnjährige selbst an zu spielen und schloss sich bald darauf einer der vielen Baseball-Akademien im Land an, an denen die Kinder täglich mehrere Stunden trainieren. Baseball ist in dem südamerikanischen Land Nationalsport. Zahlreiche Spieler haben es in die nordamerikanische Profiliga MLB (Major League Baseball) geschafft, und jede noch so kleine Stadt hat ihr eigenes Stadion. Allerdings haben viele Menschen in Venezuela momentan ganz andere Sorgen.

Seit Februar 2019 lebt der 16-Jährige bei seiner Schwester

Das Land steckt in einer schweren Krise. Die Regale in den Geschäften sind leer, selbst Grundnahrungsmittel sind teilweise nicht mehr erhältlich. Die Kriminalität ist hoch, nachts traut man sich in einigen Gegenden besser nicht mehr auf die Straße. Hinzu kommt der seit Monaten andauernde Machtkampf zwischen der Regierung von Machthaber Nicolás Maduro und der Opposition – die Gefahr eines Bürgerkriegs ist allgegenwärtig.

Die Eltern von Gabriel Tovar wollten nicht, dass ihr Sohn so aufwächst. Im Februar 2019 schickten sie ihn deshalb nach Berlin zu seiner Schwester, die mit ihrem Mann und ihren Kindern schon seit längerem in Lichterfelde lebt. Die Idee dazu entstand relativ spontan während eines Heimatbesuchs der Schwester. Tovar hatte nur wenige Tage, um seine Sachen zu packen und sich zu verabschieden.

Die Flamingos sind für ihn eine zweite Familie

Ob er auch in Deutschland weiter Baseball spielen würde, wusste er nicht. Sicherheitshalber packte er jedoch seinen Schläger und seinen Fanghandschuh ein. In Berlin angekommen, schloss sich der 16-Jährige den Flamingos an, als Zweitligist derzeit das beste Team der Stadt. „Am Anfang war es schon hart, sich in einem neuen Land zurechtzufinden. Aber mittlerweile habe ich bei den Flamingos meine zweite Familie gefunden“, sagt er.

Bei den Reinickendorfern ist Gabriel Tovar trotz seines jungen Alters aus der Mannschaft schon jetzt nicht mehr wegzudenken. Im April war er sogar der erste Spieler des Monats in der laufenden Saison. Tovars Position ist im Outfield – seine Aufgabe ist vor allem das Abfangen langer Flugbälle, bevor diese auf den Boden auftreffen, und das Zurückwerfen aller Bälle aus dem Outfield ins Infield.

Als Outfielder hat er eine Menge Verantwortung

„Im Außenfeld ist enorme Schnelligkeit gefragt, weil man dort als Spieler einen viel größeren Bereich abdecken muss“, sagt Vereinssprecher Markus B. Jaeger. Es ist deshalb eine sehr verantwortungsvolle Position: „Wenn man als Outfielder einen Fehler macht, führt das meistens gleich zu einem Lauf für den Gegner“, erklärt Jaeger.

„Man muss den Spielzug vorausdenken, bevor er überhaupt passiert“, sagt Gabriel Tovar. Ein gutes Auge ist dabei ebenso wichtig wie ein gutes Gehör, denn am Geräusch des Schlägers kann man erkennen, wie weit der Ball fliegen wird.

Trainer Freeman entdeckt Tovars Talent als Werfer

Am meisten liebt Tovar jedoch das Duell am Schlag. Den Moment, wenn er als Schlagmann dem gegnerischen Pitcher gegenübersteht. „Wenn der Pitcher wirft, blendet man alles andere um sich herum aus. Da hört man nichts. Aber wenn man den Ball dann trifft, wird es schlagartig wieder laut und man hört das Publikum jubeln. Das ist jedes Mal ein absoluter Gefühlsausbruch“, sagt er.

Immer häufiger wird Gabriel Tovar auch selbst als Pitcher eingesetzt. Flamingos-Trainer Don Freeman ist von seinem Talent als Werfer überzeugt, obwohl Tovar das zu Hause in Venezuela noch nie gemacht hatte. „Erst in Berlin hat er mir das alles beigebracht“, sagt er.

Eine neue Flutlichtanlage vom Bezirk

Für die Flamingos bedeuten Tovars neu entdeckte Fähigkeiten auch zusätzliche Optionen im Spielsystem. Gerade in der Bundesliga kann das am Ende den Unterschied ausmachen. Dorthin will der Klub aus dem Märkischen Viertel schnellstmöglich zurück, der im vergangenen Jahr schon einmal für eine Saison in der ersten Liga spielte, dann allerdings gleich wieder abgestiegen war. „Unser Ziel ist der sofortige Wiederaufstieg“, sagt Gabriel Tovar.

Nach zwei deutlichen Siegen des Zweitliga-Spitzenreiters gegen den Lokalrivalen und ärgsten Verfolger Berlin Sluggers am vergangenen Wochenende stehen die Chancen dafür nicht schlecht. Vom Bezirk werden die Flamingos ebenfalls stark unterstützt, in Kürze bekommen sie eine neue Flutlichtanlage. Schulfrei für die Kinder in Reinickendorf wird es allerdings auch im Falle eines Aufstiegs eher nicht geben.