Finals2019

Von den Freuden einer Rolle vorwärts

Der Berliner Turner Philipp Herder stürzte vor zwei Monaten schwer. Bei den Finals will er trotzdem um einen WM-Startplatz kämpfen.

Philipp Herder hat gelernt, gern am Reck zu turnen.

Philipp Herder hat gelernt, gern am Reck zu turnen.

Foto: Marijan Murat / dpa

Berlin. Selbst die einfachsten Dinge lösen manchmal große Freude aus. Weil sie ab und zu zur größten Herausforderung werden. So eine Rolle vorwärts, was ist das schon für einen Turner, der seit ewigen Zeiten seine Fähigkeiten schult? Es kommt auf die Voraussetzungen an. Wie ein „kleines Kind“ fühlte sich Philipp Herder vor ein paar Wochen, als er dieses Grundelement erfolgreich absolvierte, „super stolz“ war er.

Inzwischen übt Herder wieder die Flugteile am Reck. „Es geht voran, aber ein bisschen langsam“, sagt der Berliner. Ganz vergangen sind aber eben auch die Folgen des Sturzes vor gut sieben Wochen noch nicht. Am Barren ist er etwas abgerutscht, verlor die Kontrolle und knallte mit dem Kopf auf den Boden. „Das hätte böse ausgehen können. Im ersten Moment dachte ich, es wäre um einiges schlimmer“, erinnert sich Herder. Die Verletzung stellte sich als Bänderriss zwischen dem vierten und fünften Halswirbel heraus. Einige Turner hatten bei ähnlichen Stürzen schon weit weniger Glück.

Noch sieben Wochen Zeit, um fit zu werden

Jetzt sind es noch knapp sieben Wochen bis zu den Finals2019 in Berlin, in deren Rahmen auch die deutschen Meisterschaften der Turner ausgetragen werden. „Ich gehe davon aus, dass die Zeit reicht, um mit einer angemessenen Fitness dabei zu sein“, sagt der 26-Jährige. Wenn er es nicht schafft, hätte sich auch die Teilnahme an der WM in Stuttgart erledigt, denn die Meisterschaften sind die erste Qualifikationshürde.

Herder will es schaffen, unbedingt. So eine WM im eigenen Land „ist ein Erlebnis“. Wenn er auf seinen Karriereweg schaut, kann er Mut daraus schöpfen. Seit er 2013 das Abitur bestanden hat, verlief die Entwicklung so, wie er es sich vorgenommen hat: „Ich konnte mich in der Nationalmannschaft etablieren.“ Inhaltlich und ästhetisch gelangen ihm immer wieder Fortschritte, wovon mehrere WM-Teilnahmen zeugen.

Lernen, mit Stürzen umzugehen

Jetzt muss er aber erst einmal mit dem Trainingsrückstand zurechtkommen. Eine Woche lag er im Krankenhaus, die Beweglichkeit im Hals war eingeschränkt. Anfangs konnte er auch den rechten Arm nicht gut bewegen, „das hat mir richtig Angst gemacht“. Alles normalisierte sich, aber die Rückkehr war trotzdem nicht leicht. Mit der Rolle fing es an. „Wenn du einen steifen Hals hattest, ist das unglaublich schwer, weil du dich nicht traust und nicht weißt, wie flüssig das geht oder ob es hier oder da noch mal knackt“, sagt der Turner vom SC Berlin.

Wettkämpfe verpasste er nicht, in Vorbereitung der WM sollte er mehr trainieren, Kraft aufbauen, neue Elemente üben. Jetzt muss er sich auf das bestehende Repertoire konzentrieren. Für alles andere fehlt die Zeit, schließlich müsste er neue Übungsteile perfektionieren. Denn ab und zu ergeben sich Gedanken daran, was alles passieren kann. „Bei manchen Elementen kommen auch mal Ängste, wenn man sich nicht 100-prozentig fit fühlt“, erzählt Herder, „damit hat man gelernt umzugehen.“ Gerade er, vor neun Jahren musste er an der Bandscheibe operiert werden nach einem Sturz. Nur mit äußerst bewusstem Turnen, mit absolutem Fokus lassen sich diese Gedanken verdrängen.

Ein Mehrkämpfer, der dem Team hilft

So hat er auch das Reck zu einem Gerät gemacht, an dem er heute gern turnt. Sein Talent lag dort nicht, aber durch seine Beharrlichkeit wurde er immer besser und fand schließlich Spaß daran. „Sonst bin ich aber ein Allrounder und habe keine größeren Vorlieben. Ich bin kein Gerätespezialist, sondern der Mehrkämpfer, der versucht, die Mannschaft zu unterstützen“, sagt der Physikstudent, der vor dem Sprung einen gewissen Respekt hat und den Barren vielleicht doch etwas mehr mag als die anderen Geräte. Hier ist er auch Titelverteidiger bei den deutschen Meisterschaften.

Vor zwei Jahren fanden diese ebenfalls in Berlin statt, damals im Rahmen des Deutschen Turnfestes. „Das war eine tolle Stimmung. Jetzt könnte es im Verbund mit den anderen Sportarten wieder so ähnlich werden“, sagt Herder mit Blick auf die Finals, bei denen er die Voraussetzungen dafür schaffen möchte, um der Turnermannschaft bei der WM im Kampf um den Olympiastartplatz helfen zu können. Die Teilnahme in Tokio 2020 ist auch der große Traum von Philipp Herder, der vor ein paar Wochen noch über eine gelungene Rolle vorwärts riesige Freude empfand.

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Am 3./4. August finden in Berlin die Finals2019 statt. Erstmals bündeln zehn Sportarten (Boxen, Bahnrad, Bogenschießen, Triathlon, Trails, Kanu, Moderner Fünfkampf, Schwimmen, Turnen, Leichtathletik) ihre deutschen Meisterschaften, 194 Titel werden vergeben, rund 3400 Athletinnen und Athleten sind am Start. Die Morgenpost stellt bis zu den Finals in jeder Woche einen Sportler aus einer der Sportarten vor.