Frauenfußball

„Reggae Girlz“: Bob Marley machte es möglich

Die jamaikanische Fußballnationalmannschaft der Frauen nimmt erstmals an einer WM teil. Der Weg dorthin war nicht immer einfach.

Sydney Schneider (l.) zeigt am ersten Spieltag vollen Einsatz. Hier kann die 19-Jährige ein Gegentor noch verhindern.

Sydney Schneider (l.) zeigt am ersten Spieltag vollen Einsatz. Hier kann die 19-Jährige ein Gegentor noch verhindern.

Foto: LAURENT CIPRIANI / dpa

Reims. Alles begann mit dem Namen Marley - wie so viele Geschichten aus Jamaika. Nur weil Skip Marley, der Enkel der Reggae-Legende Bob, im Jahr 2014 einen Flyer aus der Schule mit nach Hause brachte, dürfen die Fußballfans die „Reggae Girlz“ bei der Endrunde in Frankreich bestaunen. Dass es von der Gründerzeit bis zur WM-Premiere nur fünf Jahre brauchte, ist ein Fußball-Märchen der besonderen Art.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Cedella Marley, die Mutter Skips und älteste Tochter Bobs. Als sie auf dem Handzettel las, dass für die Neugründung der Frauenmannschaft gespendet werden soll, wurde sie hellhörig. Sie telefonierte von ihrem Wohnsitz in Florida mit der Heimat und fand heraus, dass es seit vier Jahren kein Nationalteam mehr gab, weil der Verband JFF die finanziellen Mittel gestrichen hatte.

„Reggae Girlz“ ohne Unterstützung

„Die Leute beim Verband haben die Frauen im Stich gelassen. Je mehr ich nachforschte, desto wütender wurde ich“, sagte Cedella Marley dem US-Sportsender ESPN: „Dass so etwas in Jamaika passiert, hat mich aber nicht überrascht. Dort wollen sie die Mädchen lieber in Badeanzügen als in Fußballschuhen sehen.“

Dass der Frauenfußball im Gegensatz zu Edelfan Usain Bolt bei der JFF keinen Stellenwert genießt, weiß Nationalspielerin Sashana Campbell nur zu gut. „Ich hatte früher Sorgen, zu gut zu werden - denn ab einem gewissen Punkt konnte man nicht mehr spielen“, beschrieb die Mittelfeldspielerin die Lage im Karibik-Staat: „Wir konnten lange nur am Wochenende trainieren und mussten unsere Trikots selbst nähen. An einen Trikottausch nach den Spielen war nicht zu denken, denn wir hatten ja kaum Trikots für uns.“

Steiniger Weg zur WM 2019

Das änderte sich mit dem Engagement von Cedella Marley, die hunderttausende US-Dollar sammelte und selbst aufbrachte - nicht nur für die Fußballerinnen, sondern auch um die Geschlechter-Klischees ins Wanken zu bringen. Zwar verpassten die „Reggae Girlz“ die WM 2015 und Olympia 2016, aber immerhin nahmen sie dank Marley an der Qualifikation teil. Alle Beteiligten dachten, der Frauenfußball sei auf einem guten Weg - da meldete der Verband das Team 2016 erneut ab.

Cedella Marley verdoppelte daraufhin ihre Anstrengungen und verpflichtete in Hue Menzies einen engagierten Trainer. Am Ende einer nervenaufreibenden Qualifikation sicherte sich die Mannschaft nach einem Sieg im Elfmeterschießen gegen Panama das WM-Ticket. „Die Freude war riesig. Ich hatte das Gefühl, dass mein Geist meinen Körper verlässt“, berichtete Marley, die die Mannschaft in Frankreich begleitet und nach dem 0:3 gegen Brasilien zum Auftakt Trost spendete.

Hoffnungsträgerin Shaw sieht Zukunft pessimistisch

Star des Teams, das am Freitag (18 Uhr/ARD) auf Italien trifft, ist Khadija Shaw. Der Werdegang der Stürmerin sagt viel über die Verhältnisse auf Jamaika. Ihre Eltern verboten ihr in jungen Jahren das Fußballspielen. Als es „Bunny“ (wegen ihrer Vorliebe für Karotten) doch tat, erfand sie Geschichten, um ihre schmutzigen Klamotten zu erklären.

Ihren Durchbruch schaffte Shaw im Jahr 2017, als sie an die Universität des US-Bundesstaats Tennessee wechselte. Mittlerweile hat die 22-Jährige sogar einen Vertrag mit dem Sportartikel-Giganten Nike und dem französischen Erstligisten Girondins Bordeaux in der Tasche. Das Geld hilft aber nicht über die Familientragödien der Shaws hinweg - drei ihrer sieben Brüder wurden in der Heimat bei Bandenkriegen getötet.

„Dennoch spiele ich weiter Fußball. Es hilft mir, denn ich liebe den Sport“, sagte Shaw, die nach der WM eine ungewisse Zukunft erwartet: „Vielleicht macht der Verband das Team wieder dicht. Von der JFF gibt es immer nur leere Versprechungen.“