Finals 2019

Alexandra Wester: Kämpferin mit großem Herzen

Die Weitspringerin arbeitet nicht nur an ihrem großen Comeback bei den Finals. Sie kämpft auch für viele andere Dinge.

Alexandra Wester will bald wieder möglichst weit in die Weitsprunggruben der Nation springen.

Alexandra Wester will bald wieder möglichst weit in die Weitsprunggruben der Nation springen.

Foto: BEAUTIFUL SPORTS/Jan Kaefer / imago/Beautiful Sports

Berlin. Es ist diese eine Antwort, die keine Zweifel aufkommen lässt. Daran, dass Alexandra Wester wirklich keine Weite im Kopf hat, die sie nach ihrem Comeback springen möchte. Auf die Frage, welche Norm für die Leichtathletik-WM in Doha im September gefordert ist, antwortet die Weitspringerin ohne zu zögern: „Ich weiß es nicht!“

Die 25-Jährige hat in dieser Saison andere Ziele. Weit weg von Maßbändern und Vorgaben, um sich selbst keinen Druck zu machen. „Ich schau, was kommt. Ich bin total locker und weiß: Bei mir weiß man nie“, sagt Wester. Darauf muss sich die Konkurrenz um Sieben-Meter-Springerin Malaika Mihambo bei den deutschen Meisterschaften, den Finals 2019 (3./4. August), gefasst machen, die die Leichtathleten im Berliner Olympiastadion austragen. Denn da will Wester auf jeden Fall dabei sein. „Deutsche Meisterschaften im Olympiastadion. Das hat was. Da kann ich nochmal abrechnen“, sagt Wester.

Ernährungsumstellung hilft bei der Reha

Im September beim Istaf riss sie sich genau dort vierfach die Bänder im rechten Fußgelenk. Ausgerechnet ihr Sprungfuß. Es folgten acht Monate, in denen sie sich Schritt für Schritt zurückkämpfte. Trotz Wundheilungsstörungen nach der OP. Keime hatten sich in das Gelenk gesetzt, die Wunde sollte noch einmal geöffnet werden.

Manche Ärzte hatten ihre Weitsprung-Karriere da sogar schon abgeschrieben. Aber Wester entschied sich für ihre eigenen Methode. „Ich hab meine Ernährung umgestellt und mich komplett basisch ernährt. Das hab ich zwei Wochen gemacht, und die Wunde war zu“, erzählt die Athletin des ASV Köln.

Ihre Bestleistung liegt bei 6,79 Metern

Es passt ins Bild dieser lebensfrohen Sportlerin. Sie geht ihren Weg, kämpft, auch wenn ihr Umfeld davon überzeugt ist, dass es vergeblich ist. So wie vor Olympia 2016 in Rio. „Das hat meinen Charakter stark geformt“, erinnert sich Wester. „Da war ich so weit entfernt von den Olympischen Spielen. Aber ich hab dran geglaubt, ich hab dafür gekämpft und wusste, dass ich es schaffen kann.“

Sie schaffte es. Schied zwar in der Qualifikation aus, hatte ihr Ziel aber dennoch erreicht. Und war kurz vor Rio noch 6,79 Meter gesprungen – ihre bisherige Bestleistung in der Sommersaison. 2018 wechselte die Studentin dann die Trainingsgruppe, wird seitdem von Weitsprung-Bundestrainer Ulrich Knapp in Saarbrücken trainiert. Zurzeit aber vor allem aus der Ferne. Denn Wester hat Berlin zu ihrer neuen Wahl-Heimat erkoren.

Das liegt zum einen an ihrem Freund, Albas Basketballer Joshiko Saibou, und zum anderen an den vielen Möglichkeiten, die Berlin bietet. „Ich liebe Berlin“, sagt sie. Bootstouren auf dem Heiligensee, Nachmittage im YAAM (Young Afrcian Art Market) oder die Aussicht vom Teufelsberg – Wester hat einige Lieblingsplätze in der Hauptstadt für sich entdeckt.

Natürlich auch die blaue Bahn am Olympiastadion, auf der sie sechs Mal in der Woche trainiert. „Das gibt ein besonderes Feeling“, erzählt sie. Dass neben dem Training und all den Entdeckungstouren noch Zeit für andere Dinge bleibt, ist kaum vorstellbar. Aber Alexandra Wester hat noch einige Themen, die ihr am Herzen liegen. Denn auch abseits der Grube ist die Tochter eines deutschen Vaters und einer ghanaischen Mutter eine echte Kämpferin. Gegen Rassismus, für die Gleichberechtigung der Frau, gegen Armut in ihrer westafrikanischen Heimat Gambia.

Im März bringt sie 600 Paar Sportschuhe in ihre Heimat

Dafür nutzt sie vor allem Instagram. Dort ließ sie ihre Follower an ihrer Reha teilhaben. Dort hat sie sich eine Reichweite erarbeitet. „Ich denke, es ist eine Verpflichtung von jedem, der eine Stimme hat, der eine Plattform hat, diese auch zu nutzen. Irgendwie Gutes zu bewirken, statt nur mit der Masse zu gehen“, sagt Wester.

So sammelte sie während ihrer Verletzungspause mit dem Olympiastützpunkt Berlin 600 Paar Sportschuhe, die sie im März in ihre Geburtsstadt Bakau brachte. „Ich wollte meiner Heimat was zurückgeben“, erzählt sie. „Dann ist sowas Krasses daraus geworden. Das hätte ich nie erwartet.“

Wester lebt eine moderne Sportlerbeziehung

Einen ähnlichen Effekt erhofft sich die Athletin, die neben der Sportkarriere auch als Model arbeitet, von ihrem Engagement für mehr Gleichberechtigung. „Ich werde gerade jetzt, seit ich einen Freund hab, richtig krass mit diesen Rollenverteilungen konfrontiert: Du bist jetzt so lange im Trainingslager, was sagt denn dein Freund dazu? Solche Fragen kommen da“, sagt Wester. In ihrer Beziehung ist das überhaupt kein Thema. Die beiden Sportler unterstützen sich gegenseitig. Während Wester bei Alba-Spielen in der Mercedes-Benz Arena mitfiebert, schwingt Saibou bei ihrem Training auch mal die Harke in der Sandgrube.

Weil das aber eben nicht selbstverständlich ist, hofft Wester auf einen kleinen Funken, der „bei manchen Menschen die Perspektive ändert“. Für ihre kritischen Themen bekommt sie viel Feedback, positives, aber eben auch negatives. Doch davon lässt sie sich genauso wenig unterkriegen wie von Verletzungen und anderen Rückschlägen. Sie kämpft weiter.

Die ersten Wettkämpfe sollen im Juli anstehen

Vor allem für ihr Standbein Nummer eins, den Sport. Die ersten Sprünge mit dem rechten Fuß hat sie in der vergangenen Woche bereits gemacht. Die ersten Sprints sollen in zwei bis drei Wochen folgen, vielleicht im Juli ein Weitsprungwettkampf mit links. Dann die Finals im Olympiastadion. Und vielleicht springt dort dann auch noch die richtige Weite heraus. 6,72 Meter zum Beispiel. Das wäre nämlich WM-Norm.

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