Boxen

Deutschlands Profis sind nur noch Nebendarsteller

In Schwerin steigen drei Ex-Weltmeister in den Ring, in Las Vegas soll ein Magdeburger einen besseren Sparringspartner abgeben.

Der Berliner Tyron Zeuge (r.) im Kampf gegen Cheikh Dioum.

Der Berliner Tyron Zeuge (r.) im Kampf gegen Cheikh Dioum.

Foto: Bernd Wende Sportfoto / picture alliance / Photowende

Berlin. Gleich drei deutsche Ex-Weltmeister, alle momentan beim Berliner Profiboxteam Agon engagiert, klettern am Sonnabend in Schwerin in den Ring und der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) überträgt ab 22.35 Uhr. Das klingt gut, wären da nicht das „Ex“ vor dem Wort Weltmeister und Tom Schwarz. Der 25-jährige Magdeburger Schwergewichtler trifft am selben Abend im 8782 Kilometer entfernten Las Vegas auf den fünf Jahre älteren Briten Tyson Fury. Dorthin schaltet der MDR ab 1.30 Uhr (Kampfbeginn gegen 3.30 Uhr).

Schwarz, in 24 Kämpfen ungeschlagen, aber selbst von wohlmeinenden Boxfans als „limitiert“ eingestuft, stiehlt seinen Berufskollegen Jürgen Brähmer (40), Jack Culcay (33) und Tyron Zeuge (27) die Show. Denn: Tyson Fury kontra Tom Schwarz erinnert an das mittlerweile legendäre Duell des Amerikaners George Foreman gegen Axel Schulz am 22. April 1995 im MGM Grand Hotel – wo 24 Jahre später auch Schwarz und Fury aufeinandertreffen. Womit das derzeit entscheidende sportliche Problem der deutschen Berufsboxszene sichtbar wird. Weltweit wahrgenommen werden die hiesigen Athleten kaum. Bestenfalls als Schwergewichtler, dann vorzugsweise als präsentable Verlierer.

Große Chance für Magdeburger Schwarz

Fury, der am 28. November 2015 in Düsseldorf gegen Wladimir Klitschko gewonnen hatte, muss sich fit halten, schließlich will er sich zum unumschränkten Champion aller Klassen krönen, was nach der Sensationsniederlage seines Landsmanns Anthony Joshua (29) gegen den Mexikaner Andy Ruiz (29) für ihn noch stärker in den Fokus rückt.

Schwarz wurde deswegen als vorzeigbares Herausforderer, weil noch unbesiegt, verpflichtet. Allen Beteuerungen von Fury („Er ist genauso stark wie Andy Ruiz“) zum Trotz. Aber der Deutsche hat immerhin eine Außenseiterchance, wie sie auch Axel Schulz hatte. Letzterer sieht das pragmatisch: „Geht Tom in Runde eins oder zwei k.o., ist seine Karriere so gut wie vorbei. Erreicht er Runde neun oder zehn, dann dürfte ihm sogar eine Niederlage helfen.“ Was definitiv für Tom Schwarz spricht, ist, dass er sofort die Gelegenheit am Schopf gepackt hat: „So eine Chance bekommt man vielleicht nur einmal im Leben.“

Culcay und Zeuge in der Versenkung verschwunden

Hilfe auf dem Weg zurück an die Weltspitze brauchen auch Brähmer, Culcay und Zeuge. Wobei der 40 Jahre alte Schweriner, er trifft in seiner Heimatstadt auf Erdogan Kadrija (32, Cloppenburg), sich auf der Zielgeraden seiner Karriere befindet. Die Berliner Culcay und Zeuge, beide zeitweilig von Brähmer trainiert, werden – als Ex-Weltmeister! – in der unabhängigen Weltrangliste aller Klassen (boxrec) auf den Positionen 209 und 278 geführt. Das bedeutet im Prinzip: In der Versenkung verschwunden.

Um wieder aufzutauchen, müssen Culcay gegen Stefano Castellucci (37) und Zeuge gegen Adnan Silvera (34) absolut überzeugend gewinnen. Denn weder der Italiener noch der Spanier spielen in der Liga, in die sie zurückwollen. Darüber hinaus müssen sie hoffen. Hoffen auf gute Verbindungen ihres Managements in Richtung der Weltverbände oder auf die Chance, von einem Champion als Gegner in einer freiwilligen Titelverteidigung akzeptiert zu werden.

Kein Mangel an regionalen Veranstaltungen

Gestaltungsspielraum, der sich aufgrund finanzieller Möglichkeiten ergibt, hat die deutsche Profiboxszene kaum. Seit die im Voraus kalkulierbaren Millionenbeträge von ARD und ZDF versiegt sind, sind die Budgets drastisch geschrumpft. Alle müssen mit überschaubaren Mitteln zurechtkommen.

Das gelingt auf nationaler Ebene. Mangel an Kämpfern oder regionalen Profibox-Veranstaltungen? Fehlanzeige! Im Schweriner Rahmenprogramm wird sogar ein nationaler Titel ausgeboxt. Björn Schicke (31) aus Berlin und der Münchner Hector Hernandez (24) kämpfen um die Deutsche Meisterschaft im Mittelgewicht. Sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Um höhere Ansprüche zu befriedigen, erfordert es voraussichtlich noch viel Geduld.