DFB-Team

Marcus Sorg: Zehn Tage Bundestrainer

Wie Marcus Sorg damit umgeht, dass er vor den anstehenden EM-Qualifikationsspielen der Nationalmannschaft plötzlich im Fokus steht.

Vom Co-Trainer zum Chef: Marcus Sorg (M) wird Joachim Löw gegen Weißrussland und Estland an der Seitenlinie vertreten.

Vom Co-Trainer zum Chef: Marcus Sorg (M) wird Joachim Löw gegen Weißrussland und Estland an der Seitenlinie vertreten.

Foto: Marius Becker / dpa

Venlo. Vielleicht soll sie ihm ein wenig Halt geben, die Trillerpfeife, die an einem gelben langen Band festgeknotet ist. Jedenfalls kramt sie Marcus Sorg kurz vor dem Beginn des Trainings am Montag in Venlo aus seiner Tasche, hält sie erst fest in seiner rechten Hand, lässt sie dann baumeln. Bevor er die Nationalspieler zusammenruft, um ihnen noch mal ein paar Worte vor der Einheit mitzugeben. Die ja seine erste ist, bei der die Profis nach seiner Pfeife tanzen sollen. Marcus Sorg ist plötzlich Zwei-Spiele-Bundestrainer.

Die Arterienverletzung von Joachim Löw führt dazu, dass Sorg in die erste Reihe rückt. Zunächst führt er das Team durch das Kurz-Trainingslager in Venlo (Niederlande), dann muss er sie am Spielfeldrand bei den beiden EM-Qualifikationsspielen in Weißrussland (8. Juni) und gegen Estland in Mainz (11. Juni) durch die 90 Minuten leiten. In ausverkauften Stadien. Vor einem Millionenpublikum an den TV-Geräten. Noch könnte der 53-Jährige wohl an den meisten deutschen Fußball-Fans unerkannt vorbeischlendern, doch am Sonnabend, wenn der Ball in Weißrussland rollt, werden sie jede seiner Regungen analysieren, jede falsche Maßnahme kritisieren.

Für den Co-Trainer ist die Situation ungewohnt

In Deutschland existieren eigentlich nur zwei Personen, zu denen jeder eine Meinung hat: Bundeskanzlerin Angela Merkel – und eben der Bundestrainer. Da kann das Herz schon mal pochen. „Ich würde jetzt nicht die Wahrheit sagen, wenn ich behaupten würde, dass es nicht ungewohnt ist. Natürlich ist es das, wenn der Cheftrainer nicht dabei ist“, sagt Sorg, als er das Training beendet hat und vor den Journalisten Einblick in seine Gefühlswelt geben soll.

Die Pfeife ruht wieder in seiner Tasche. Dafür knetet Sorg nun seine Hände, wackelt etwas am Mikrofon. Von der Lockerheit, die er intern sonst verkörpert, ist hier auf dem Podium im Trainingszentrum des Erstligisten VVV Venlo kaum etwas zu spüren. Anscheinend drückt die Last der Aufgabe doch ein wenig auf das Gemüt.

Seit 2016 gehört Sorg zum Trainerstab

Deswegen klingt es auch fast so, als würde sich Sorg selbst Mut zusprechen, wenn er erzählt: „Natürlich ist es für mich sehr beruhigend, dass der Trainer mir schon immer vertraut hat und dass ich mich in einem gewohnten Umfeld befinde.“ Oder: „Wir haben alles vorbereitet. Es steht schon das meiste.“ Und: „Ich bin seit 20 Jahren hauptberuflich Trainer. Ich bin es gewohnt, vor einer Gruppe zu sprechen, Entscheidungen zu treffen.“ Nur eben nicht als Aushilfsbundestrainer.

Seit 2016 ist Sorg Mitglied im Trainerstab der Nationalmannschaft. Er hat sich seitdem profiliert, hat ein Vertrauensverhältnis zu Löw aufgebaut. Denn eigentlich fungierte Sorg zunächst nur als zweiter Assistent hinter Thomas Schneider, analysierte die Spiele mit einem Headset auf der Tribüne, gab seine Erkenntnisse von dort an Löw weiter. Doch als nach dem WM-Debakel Schuldige gesucht wurden, musste Schneider gehen und nicht Sorg.

Für Bierhoff ist der 53-Jährige ein Vollbluttrainer

Innerhalb der Mannschaft hilft ihm zudem seine Arbeit als U19-Trainer. Von 2013 bis 2016 formte er die DFB-Talente, feierte mit ihnen 2014 den Europameistertitel. Sogar in Weißrussland trat er mit seiner Auswahl im Oktober 2013 schon an. Beim 2:1-Erfolg erzielte Serge Gnabry einen Treffer, den Sorg nun fast fünf Jahre später wieder im Osten Europas auf den Rasen schicken wird. Diesmal aber für die erste Mannschaft.

„Er trifft gern Entscheidungen, er spricht die Dinge klar an“, sagt Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff. Das bewundere er. Sorg sei ein Vollbluttrainer. Deswegen werde er auch keine Probleme haben, „die entsprechenden Entscheidungen im Spiel zu treffen“. Dann, wenn sich Sorg nicht mit Löw austauschen kann, sondern eigenständig entscheiden muss.

Ansonsten werden beide immer in Kontakt stehen, regelmäßig telefonieren, auch über die Aufstellungen debattieren. „Ich sehe mich hier nicht in der Rolle des Bundestrainers“, sagt Sorg. Er wolle sich auf die Arbeit mit der Mannschaft konzentrieren. „Was über mich so geschrieben wird, habe ich noch gar nicht verfolgt“, sagt er. Generell sei es in so einer Situation auch mal gut, „wenn man das Telefon weglässt“.

Ambitionen, Löws Job zu übernehmen, hat er nicht

Einmal hat Sorg aber neben seinen vielen Jugendstationen als Trainer des Bundesligisten SC Freiburg schon einmal die große Bühne betreten – und dabei erlebt, was so passiert, wenn der Erfolg ausbleibt. Auf dem letzten Tabellenplatz wurde Sorg im Dezember 2011 rausgeschmissen, ein gewisser Christian Streich übernahm. „Am Ende des Tages wird der Trainer daran gemessen, was auf dem Platz herauskommt“, sagt Sorg.

Das könnte ja auch bedeuten, dass er sich nun durch eine erfolgreiche Arbeit dafür empfiehlt, noch mehr zu werden als nur ein Zwei-Spiele-Bundestrainer. „Nein, da habe ich ganz sicher keine Intention. Da weiß Joachim Löw, dass er sich da voll auf mich verlassen kann“, sagt Sorg. Und lächelt dabei sogar etwas.