Berliner Champions

Mit Glamour und Gerechtigkeit

Die Segel-Bundesliga erfreut sich auch beim Verein Seglerhaus am Wannsee besonderer Beliebtheit - nicht nur wegen der tollen Regattaorte.

Berliner Klub VSaW tritt ebenfalls bei der Segel-Bundesliga an.

Berliner Klub VSaW tritt ebenfalls bei der Segel-Bundesliga an.

Foto: Lars Wehrmann / O. Klempert; Ricardo Pinto; Lars Wehrmann

Berlin. Auf den ersten Blick mag das J70 nicht gerade wie ein Segelboot aussehen, mit dem man ein Wettrennen bestreiten kann. Die kleine Kajüte würde man eher bei einem Tourenboot erwarten, und auch die Geschwindigkeiten auf dem Wasser können mit denen in den olympischen Bootsklassen nicht mithalten. Das heißt aber nicht, dass die Rennen deshalb weniger aufregend wären.

Paul Prochaska vom Verein Seglerhaus am Wannsee (VSaW) findet sogar, dass in der Segel-Bundesliga, die auf dem J70 ausgetragen wird, noch mehr Action geboten wird als bei den großen Regatten. „Die Rennen sind sehr kurz, sie dauern nur etwa 20 Minuten, aber da geht es dann richtig zur Sache“, sagt er. Dabei habe sich gerade die Einfachheit des Bootes letztlich als großer Vorteil herausgestellt: „Dadurch rückt die taktische Komponente noch viel stärker in den Vordergrund“, sagt Prochaska.

Der ganze Klub fühlt sich als Gewinner

Seglerisch ist die Bundesliga durchaus eine Herausforderung. Ihre Popularität verdankt sie aber vor allem der Tatsache, dass die Vereine dort erstmals aktiv als Wettkämpfer in Erscheinung treten. Entsprechend groß ist die Anteilnahme in den Klubs.

Wenn beim VSaW das Olympia-Team Anika Lorenz und Victoria Jurczok eine Regatta gewinnt, dann wird das zwar ebenfalls wohlwollend zur Kenntnis genommen. Wenn aber das Bundesligateam Erfolge feiert, fühlt sich der ganze Klub als Gewinner.

Auch eine Junioren-Liga gibt es bereits

Seit 2013 gibt es die Segel-Bundesliga, die damals die erste nationale Segelliga überhaupt war. Ein Wettbewerb mit Vorbildcharakter: Andere Länder zogen in den Folgejahren nach, mittlerweile gibt es weltweit 21 solcher Ligen. Auch in Deutschland kommt das Format gut an.

Inzwischen ist die Nachfrage so groß, dass neben einer zweiten Klasse auch eine Junioren-Bundesliga eingeführt wurde. „Das Ganze hat mit der Zeit eine Eigendynamik entwickelt“, sagt Tim Elsner vom VSaW. Sein Verein war damals einer der Gründungsmitglieder und ist heute einer von vier Berliner Vertretern im Oberhaus. Gleich in der ersten Saison wurde man Dritter, ein Jahr später erneut, 2016 dann sogar Vizemeister.

Ende August trifft sich die Bundesliga auf dem Wannsee

In der vergangenen Saison belegte der VSaW Rang fünf. „In diesem Jahr wollen wir wieder unter die Top Drei“, sagt Carl Naumann. Die neue Saison startet an diesem Wochenende am Starnberger See. Insgesamt gibt es sechs Regatten – zum Teil auf Binnenseen, zum Teil aber auch auf dem offenen Meer. „Die guten Teams können auf allen Revieren vorn mitsegeln“, sagt Naumann. Ende August macht die Segel-Bundesliga auch auf dem Wannsee Station.

Meister wird das Team, das am Ende die wenigsten Punkte hat. Jede Regatta besteht aus drei Tagen, an denen Dutzende Rennen im Modus Jeder-gegen-Jeden ausgetragen werden. Die Boote stellt jeweils der Veranstalter, sie werden außerdem für jedes Rennen getauscht.

Olympia-Teilnehmer und Weltmeisterinnen im Team

Auf diese Weise hat kein Team einen Materialvorteil – es zählen allein die seglerischen Qualitäten. Gesegelt wird mit vier Personen: Der Trimmer und der Pit bedienen im vorderen Teil des Bootes die Segel und halten das Boot damit am Laufen. „Das sind die sportlichen Positionen“, erklärt Tim Elsner.

Der Taktiker wiederum legt die Manöver fest, die der Steuermann dann möglichst flüssig umsetzt. Insgesamt besteht der Kader eines Bundesligateams aus bis zu 20 Personen – Frauen und Männer starten dabei gemeinsam. „Wenn ein Wochenende erfolgreich verlaufen ist, schickt man zur nächsten Regatta wieder dieselbe Mannschaft, ansonsten wechselt die Besatzung häufiger. Das macht es für die Konkurrenz so unberechenbar“, sagt Tim Elsner.

Er war früher WM-Teilnehmer im 49er. Annika Bochmann, ein weiteres Teammitglied, war einst sogar Welt- und Europameisterin der Junioren und startete im 470er noch 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Auch Jasper Wagner träumte bis vor kurzem noch von Olympia, ehe er im vergangenen Jahr seine Ambitionen ad acta legte.

Liga gibt Athleten eine Chance außerhalb des Nationalteams

Auf einmal standen alle drei vor der Frage, wie es weitergeht. Nach dem Ende ihrer Nationalmannschaftskarriere wollten sie dem Segelsport weiter verbunden bleiben, doch für Athleten, die nicht dem Nationalteam angehören, gab es lange Zeit kaum vernünftige Wettkämpfe als Herausforderung. „Die Bundesliga hat diese Lücke geschlossen. Sie hat Segler aus ganz verschiedenen Bootsklassen zusammengebracht“, sagt Tim Elsner, auch deshalb sei die Identifikation so groß. Und immerhin könne man auf diese Weise ebenfalls zu internationalen Ehren kommen.

Als Bundesliga-Fünfter hat sich der Verein Seglerhaus am Wannsee bereits zum dritten Mal auch für die Champions League qualifiziert, die ebenfalls in diesem Monat beginnt. Ende Mai geht es für die Berliner bei der Qualifikationsregatta vor Sardinien zunächst einmal darum, den Sprung ins Finale im August zu schaffen. „Das ist eine Riesenchance, sich mit den besten Vereinen aus aller Welt zu messen“, sagt Chiara Steinmüller. Und spätestens die Tatsache, dass das Finale im Nobelort St. Moritz stattfindet, sollte deutlich machen, dass auch im vermeintlich unspektakulären J70-Boot jede Menge Glamour steckt.