Leichtathletik

„Usain Bolt soll sich ja auch nicht die Beine kürzen“

Balian Buschbaum zum Urteil des Cas gegen Caster Semenya. Der Aschaffenburger kritisiert die Entscheidung des Gerichts

Caster Semenya startet in Doha ein letztes Mal vor der neuen Grenzwert-Regelung

Caster Semenya startet in Doha ein letztes Mal vor der neuen Grenzwert-Regelung

Foto: Adam Davy / dpa

Frankfurt/Main. Balian Buschbaum feierte als Yvonne Buschbaum vor einer Geschlechtsangleichung große Erfolge im Stabhochspringen. Den Fall Caster Semenya verfolgt der 38-Jährige mit großem Interesse – und Unverständnis. „Schade, dass Caster Semenyas Anliegen von jemand be- und verurteilt wurde, der nie in ihren Schuhen gelaufen ist. Schade, dass Gerichte über Verstand und nicht mit Empathie entscheiden“, sagte der 38-Jährige aus Aschaffenburg und fügte hinzu: „Mich würde wirklich interessieren, was Usain Bolt sagen würde, wenn man ihm Hormone gäbe, damit seine Beine schrumpfen. Nichts anderes verlangt man von Semenya.“

In einem wegweisenden Urteil hatte der Internationale Sportgerichtshof Cas am Mittwoch im Streit um Testosteron-Grenzwerte für Frauen den Einspruch der südafrikanischen 800-Meter-Olympiasiegerin von 2012 und 2016 abgelehnt. Damit ist eine Regel des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF rechtens, mit der Testosteron-Limits für Mittelstreckenläuferinnen mit intersexuellen Anlagen festgesetzt werden. Der Fall beschäftigt den internationalen Sport seit Semenyas erstem WM-Triumph 2009 in Berlin.

Buschbaum war als Frau zwei Mal EM-Dritte

Die Mann-Frau-Kategorisierung im Wettkampfsport ist Buschbaum „zu eindimensional. Wir wissen wissenschaftlich schon sehr, sehr lange, dass es eben nicht nur Männer und Frauen gibt, sondern viele Nuancen dazwischen. Wenn ich mir den Verlauf von Caster Semenyas Geschichte genau ansehe, hat sie mein Mitgefühl für alles, was sie schon durchmachen musste – nur auf Grund der Tatsache, dass die Gesellschaft noch nicht so weit ist“, sagte Buschbaum. „Ich bin davon überzeugt, wäre sie 100 Jahre später geboren, wären viele Diskussionen und Anordnungen undenkbar.“

Der gebürtige Ulmer errang als Yvonne Buschbaum jeweils zwei deutsche Meistertitel in der Halle und im Freien, wurde bei Olympia 2000 in Sydney Sechster und gewann 1998 sowie 2002 EM-Bronze. 2008 schrieb Buschbaum bundesweit Schlagzeilen mit dem öffentlichen Bekenntnis, sich einer Geschlechtsangleichung zu unterziehen. Im Buch „Blaue Augen bleiben blau“ schilderte er seinen Weg und beschrieb auch die Auswirkungen seiner Hormonbehandlung und Operation. Buschbaum hatte damals seine Stabhochsprung-Karriere beendet, arbeitete zeitweise noch als Trainer in Mainz und lebt heute als Autor und Coach in Aschaffenburg und hält Vorträge.

Ab dem 8. Mai muss der neue Grenzwert eingehalten werden

Der frühere Leichtathlet wies auch auf besondere Körpermerkmale anderer Topstars hin, zum Beispiel bei 100-Meter-Weltrekordler Usain Bolt (Jamaika) und beim 23-fachen Schwimm-Olympiasieger Michael Phelps. „Usain Bolt, mit einer Körpergröße von 195 Zentimetern und einer Beinlänge von 110 Zentimetern, schreibt man ja auch nicht vor, dass er sich bitte die Beine kürzen lassen sollte“, erklärte Buschbaum. „Die Gegner von Michael Phelps, der jahrelang den Schwimmsport dominierte, haben sich vielleicht auch gewünscht, dass er sich die Spannweite seiner Arme kürzen ließe. Fakt ist, dass Caster Semenya mit einem natürlich erhöhten Testosteronspiegel auf die Welt gekommen ist.“

Die Kritik am Urteil wuchs am Tag nach der Verkündung. „Frauen mit intersexuellen Anlagen haben das gleiche Recht zur Würde und Kontrolle über ihren Körper wie andere Frauen“, sagte Liesl Gerntholtz, stellvertretende Generaldirektorin von Human Rights Watch. Es sei „zutiefst enttäuschend zu sehen, wie der Cas Regeln aufrecht erhält, die den Standards internationaler Menschenrechte direkt zuwiderlaufen“. „Furchtbar unfair“ und „prinzipiell falsch“ findet Tennislegende Martina Navratilova das Verdikt. Semenya habe „nichts Falsches getan, und es ist schrecklich, dass sie nun Medikamente nehmen muss, damit sie an Wettkämpfen teilnehmen kann“, beklagte die 62-Jährige. Das südafrikanische Frauen-Ministerium fand noch drastischere Worte. Das Urteil habe einen „Beigeschmack von Sexismus und Rassismus“, hieß es in einem Statement.

Semenya wird am Freitag beim ersten Meeting der Diamond-League-Saison in Doha starten. Voraussichtlich ist es erst einmal ihre letzte Möglichkeit sein, ohne Anpassung ihres Testosteronspiegels zu laufen. Ab dem 8. Mai gilt der neue Grenzwert für körpereigenes Testosteron von fünf Nanomol pro Liter. Dazu müsste die Südafrikanerin ihren Testosteronwert künstlich senken.