Bayern München

40 Jahre Macher Hoeneß – „Ich habe mit Ellbogen gekämpft“

Uli Hoeneß hat den FC Bayern von einem Sportverein zu einer globalen Marke gemacht. Sein Lebenswerk sieht er noch immer nicht beendet.

Uli Hoeneß 1981 in seinem Büro. Als er 1979 als Manager begann, setzte der FC Bayern zwölf Millionen Mark im Jahr um. Heute sind es fast 700 Millionen Euro.

Uli Hoeneß 1981 in seinem Büro. Als er 1979 als Manager begann, setzte der FC Bayern zwölf Millionen Mark im Jahr um. Heute sind es fast 700 Millionen Euro.

Foto: Rauchensteiner/Augenklick / pa

München.  An seinen ersten Arbeitstag als Manager des FC Bayern erinnert sich Uli Hoeneß (67) noch gut. „Ich war ganz unternehmungslustig und sehr motiviert, als ich in einem grauen Sakko ankam, einen Notizblock hatte ich unter den Arm geklemmt“, erzählt Hoeneß vom 1. Mai 1979.

An diesem Tag bezog er das Büro seines Vorgängers Robert Schwan. „Da stand ein Schreibtisch drin, und ein Sideboard mit einem Telefon drauf – das war’s. Eine Sekretärin hatte ich nicht. Ich habe zwei Stunden rumtelefoniert, dann bin ich wieder nach Hause gegangen.“

Was unscheinbar begann, sollte zu einer der größten Erfolgsgeschichten des deutschen Fußballs werden. Der damals 27 Jahre junge Hoeneß entwickelte sich rasch zum Vordenker der Bundesliga, war ein Visionär. Ein Macher ist er bis heute, wenngleich er noch stärker polarisiert als früher.

Auf St. Pauli mit Münzen beworfen

Hoeneß war der Manager mit dem Geldkoffer, der den Gegnern die besten Spieler wegkaufte. Bei Auswärtsspielen wurde er angefeindet. Unvergessen ist, wie er Ende der 80er-Jahre am Hamburger Millerntor verächtlich mit Münzen beworfen wurde.

„Ich wollte mit dem FC Bayern nach oben kommen“, sagt Hoeneß anlässlich seines 40-Jahr-Jubiläums. Vor vier Jahrzehnten war der Verein noch nicht der Krösus der Liga.

Darum habe er in den Anfangsjahren viel „mit den Ellbogen gekämpft“, sagt Hoeneß. Seine Auseinandersetzungen mit Gladbachs Helmut Grashoff, Bremens Willi Lemke und anderen Managern nennt er „legendär“. Sie gehörten zur Geschäftspolitik.

„Damals war ich wilder“

„Durch die Polarisierung haben wir den FC Bayern viel interessanter gemacht als die meisten anderen Vereine“, sagt Hoeneß. Heutzutage blicke die Konkurrenz nach München um zu schauen, „was der Marktführer macht“. Das ärgert Hoeneß nicht. Es erfüllt ihn mit Stolz.

Im Vergleich zu früher hat der heutige Präsident und Aufsichtsratsvorsitzenden des Rekordmeisters den Attacke-Regler etwas runtergedreht. „Damals bin ich wilder gewesen. Ich bin heute viel milder in der Auseinandersetzung“, sagt er.

Ein Selbstbild, das deutschlandweit nicht jedermann teilen dürfte. In dieser Saison hinterließ Hoeneß nicht nur bei einer Pressekonferenz, auf der er zur großen Medienschelte ausholte, einen angriffslustigen Eindruck.

Von zwölf Millionen Mark auf 700 Millionen Euro

Der FC Bayern ist Hoeneß’ Lebenswerk. Als er nach dem viel zu frühen Ende seiner Profi-Karriere wegen chronischer Knieprobleme als Manager begann, setzte der FC Bayern zwölf Millionen Mark im Jahr um und hatte 20 Mitarbeiter. 40 Jahre später sind es fast 700 Millionen Euro und 1000 Angestellte.

Hoeneß könnte längst daheim am Tegernsee den Ruhestand genießen. Das Gegenteil ist der Fall. Wer ihn in seinem Büro mit Blick auf die Trainingsplätze an der Säbener Straße besucht, erlebt dort einen Vereinspatron, der vor Tatkraft und Tatendrang strotzt. „Es ist gerade so viel Arbeit da. Wir haben so viele Themen anzupacken.“

Hoeneß nennt als Aufgaben den millionenschweren Einstieg von BMW für Audi (laut Medienberichten geht es um rund 800 Millionen Euro), den Aufbau einer neuen, jungen Mannschaft, den anstehenden Personalwechsel an der Vereinsspitze. Ende Juni will er entscheiden, ob er auf der Mitgliederversammlung im November ein weiteres Mal als Präsident kandidiert. Es scheint nur eine Antwort denkbar: Ja klar!

Der Klub-Boss stärkt Trainer Kovac

Noch war’s das nicht für ihn. Zumal sein Ehrgeiz geweckt ist, weil es in dieser Saison oft Kritik hagelte, vom verpassten Umbruch bis hin zur angeblichen Notlösung auf dem Trainerposten mit Niko Kovac. Das habe ihm „furchtbar gestunken“, gesteht Hoeneß. Er will liefern.

Bei Kovac fordert er „Geduld“. Meisterschaft und Pokalsieg sind im ersten Jahr unter dem Berliner noch möglich. „Die schlechtesten Jahre beim FC Bayern waren immer die, wenn wir auf der Trainerposition recht große Fluktuation hatten“, erinnert Hoeneß. Er stärkt Kovac. „Mir hat gefallen, wie er die Mannschaft aus dem schwierigen Tal im November herausgeführt hat.“

Der langjährige Kapitän Oliver Kahn (49) ist Hoeneß’ Wunschlösung für die Nachfolge von Vorstandschef Rummenigge (63). „Es ist derzeit vorgesehen, dass es am 1. Januar 2020 losgeht“, sagt Hoeneß zu Kahns Starttermin.

Der Präsident mag es, an den zentralen Schaltstellen des Vereins Personen mit „Stallgeruch“ zu installieren, „die als Spieler die DNA des FC Bayern aufgesaugt haben“. So wie Kahn, Kovac oder auch Hasan Salihamidzic. „Hasan macht einen sehr guten Job“, urteilt der Präsident über den Sportdirektor.

Seitenhieb auf Kritiker und Nationalteam

Den angeblich verpassten Umbruch bei der Mannschaft kontert der Präsident mit einem Verweis auf die deutsche Nationalelf: Beim 3:2 im Länderspiel gegen die Niederlande hätten jüngst fünf Bayern-Spieler in der Startelf gestanden, neben dem älteren Manuel Neuer (33) vier Junge: Kimmich, Süle, Goretzka und Gnabry, alle Jahrgang 1995.

„Kein anderer Verein stellte mehr als einen Spieler. Der Verein, der am meisten kritisiert wurde, dass er den Übergang nicht geschafft haben soll, erfreut beim Neuaufbau der Nationalmannschaft am meisten“, sagt Hoeneß.

Ins Bayern-Team der Zukunft wird dennoch investiert wie nie zuvor. Beim Transfer des französischen Weltmeisters Lucas Hernández von Atlético Madrid stieß der Bundesliga-Krösus mit 80 Millionen Euro in eine neue Dimension vor. Die 100-Millionen-Marke werde aber „dieses Jahr sicherlich nicht“ fallen, erklärte Hoeneß.

“Für Mbappé fehlt uns das Geld“

Ihn irritierte die Kritik am Rekordtransfer Hernández. „Vor kurzem hieß es noch, mit seiner vorsichtigen Transferpolitik habe der FC Bayern keine Chance mehr, in die Phalanx der englischen und spanischen Topclubs sowie von Paris Saint-Germain einzudringen. Jetzt liefern wir, und die Leute schreien: Wie kann man für einen Spieler 80 Millionen ausgeben? Was hätten die Leute erst geschrien, wenn wir Kylian Mbappé gekauft hätten?“

Kaufen würde er den Weltmeister nur allzu gern, doch dafür „fehlt uns das notwendige Geld“, gibt Hoeneß zu. Zuletzt war über ein 280-Millionen-Euro-Angebot von Real Madrid berichtet worden.

Meilensteine in vier Jahrzehnten als Bayern-Macher waren für ihn die rasante Entwicklung im Sponsoring und Merchandising, ebenso die deutsche Wiedervereinigung. Sie habe dem Verein eine „ganze Welle ehemaliger DDR-Bürger“ als Fans und Mitglieder eingebracht. Und natürlich die Eröffnung der Allianz Arena 2005.

„Das Stadion hat den FC Bayern in eine völlig neue Welt geführt. Fußballspiele sind zum Event geworden“, frohlockt Hoeneß. Die Arena ist eine Goldgrube.

28,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen

Bis auf die Steuergeschichte, die ihn 2014 zum Rücktritt auf Zeit von seinen Bayern-Ämtern zwang, habe er „nicht so viele gravierende Fehler gemacht“, sagte Hoeneß jüngst. Besagte Geschichte hatte es allerdings in sich. Von 2001 bis 2006 hatte Hoeneß im großen Stil an der Börse spekuliert, mittels eines geheimen Kontos in der Schweiz.

2013 kam ihm das Finanzamt auf die Schliche, schlussendlich wurde er wegen der Hinterziehung von mindestens 28,5 Millionen Euro Steuern schuldig gesprochen. Statt nach dreieinhalb Jahren wurde Hoeneß bereits nach 20 Monaten aus der Haft entlassen.

Während er seine Strafe absaß (Juni 2014 bis Februar 2016), war es Vorstandschef Rummenigge, der den Verein als starker Mann antrieb, besonders in Form einer verstärkten Internationalisierung. Nach Hoeneß’ Rückkehr mussten die Bosse indes die Claims neu abstecken. Ihr Verhältnis war und ist Belastungsproben ausgesetzt.

Beim rational handelnden Rummenigge ist der Schlusspunkt terminiert, beim emotionalen Bauchmenschen Hoeneß noch nicht. Aber auch er weiß: „Irgendwann müssen Karl-Heinz und ich hier die Plätze freimachen. Man darf sich nicht einbilden, dass man unersetzlich ist.“