Champions League

Ajax Amsterdam will über Tottenham zum Titel stürmen

Die Holländer strotzen vor dem Halbfinal-Hinspiel am Dienstag in London vor Selbstvertrauen. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe.

Unaufhaltsame Jung-Stars: So wie hier beim Triumph über Juventus Turin wollen die Ajax-Spieler auch gegen Tottenham feiern.

Unaufhaltsame Jung-Stars: So wie hier beim Triumph über Juventus Turin wollen die Ajax-Spieler auch gegen Tottenham feiern.

Foto: Alberto Lingria / Reuters

Amsterdam/Berlin.  Das Selbstvertrauen ist riesig, der Traum vom Titel lebt: Die jungen Wilden von Ajax Amsterdam gehen nach zuletzt furiosen Auftritten gegen Real Madrid und Juventus Turin mit breiter Brust ins Halbfinale der Champions League.

Das Hinspiel am Dienstag bei Tottenham Hotspur (21 Uhr/Sky und DAZN) soll nur eine weitere Zwischenstation auf dem Weg nach ganz oben sein.

„Ja, Ajax ist bereit für den großen Coup“, sagte Klaas-Jan Huntelaar der „Welt am Sonntag“. Für den früheren Stürmer von Schalke 04 wäre der Finalerfolg am 1. Juni in Madrid durchaus eine logische Folge. „Wenn wir weiter unser Spiel so wie bisher durchziehen, wird sich dieser Traum ganz sicher erfüllen“, sagte der 35-Jährige, der meist nur noch als Joker zum Einsatz kommt.

Die große Leichtigkeit der Cruyff-Erben

Etwas verhaltener sieht das Matthijs de Ligt. „Können wir so weitermachen und den Wettbewerb gewinnen? Naja, wir stehen jetzt im Halbfinale und haben in den vergangenen beiden Runden die Favoriten ausgeschaltet“, so der Verteidiger. „Die nächsten Spiele werden sehr schwer.“

Ajax-Keeper Andre Onana ist davon überzeugt, dass die Erben von Johan Cruyff auch in London wieder mit großer Leichtigkeit auftreten können. „Wir haben einen Vorteil, wir haben etwas, das für uns arbeitet: Das ist der Fakt, das wir keinen Druck haben und nichts verlieren können“, sagte der Kameruner Keeper.

Bereits 160 Treffer in der laufenden Saison

In der Tat hat der niederländische Rekordmeister alle Erwartungen übertroffen und ist nach den Siegen in der Champions League über Europas Topteams auch in der Liga als Tabellenführer und im Pokal als Finalist voll auf Kurs.

Beim 4:2-Sieg gegen Vitesse Arnheim vor einigen Tagen erzielte das Team von Trainer Erik ten Hag wettbewerbsübergreifend seinen 160. Treffer in der laufenden Saison und knackte den 38 Jahre alten Rekord von Liga-Rivale AZ Alkmaar.

Hilfreich dabei ist die klare Ausrichtung auf dem Platz. „Für uns zählt nur eins: Wir wollen den Gegner dominieren, wir wollen immer gewinnen", sagte „Hunter“ Huntelaar, für den der Chef-Coach einen maßgeblichen Anteil am Höhenflug hat: „Wenn es bis zur Halbzeit mal nicht so läuft, hat der Trainer immer Lösungen, damit wir es in der zweiten Halbzeit besser machen.“

„Wir können jedem weh tun“

So ist die Mannschaft mit ihren Gegnern und über diese hinaus gewachsen. Die Gruppenphase mit den Münchnern überstanden die Niederländer ungeschlagen, auswärts unterlagen sie kein einziges Mal.

„Man hat gesehen, dass Juventus genauso ein wenig Angst vor uns hatte wie auch Real“, meinte ten Hag nach dem Erreichen des Halbfinales. «Wir waren nicht die Favoriten, mit unserer Philosophie haben wir unsere Grenzen aber erneut überschritten.

In die gleiche Kerbe haut Dusan Tadic. „Das Gefühl in unserer Gruppe ist, dass wir jedem weh tun können“, betonte der Angreifer.

Der Serbe hat zu diesem Gefühl maßgeblich beigetragen. Tadic war beim furiosen 4:1 im Achtelfinal-Rückspiel gegen den überrumpelten Titelverteidiger aus Madrid an allen Amsterdamer Treffern beteiligt.

Top-Klubs jagen die Jung-Stars

Coach ten Hag,, der von 2013 bis 2015 für die Amateure von Bayern München verantwortlich war, kann am Dienstag fast aus dem Vollen schöpfen. Lediglich Rechtsverteidiger Noussair Mazraoui ist fraglich. Der 21-Jährige hatte sich im Viertelfinale gegen Juventus Turin eine Knöchelverletzung zugezogen.

Im Sommer dürfte von dieser Ansammlung an Hochbegabten nicht viel übrig bleiben. De Ligt (19), Torwart Andre Onana (23) oder Mittelfeldspieler Donny van de Beek (22) werden längst von den Top-Klubs gescoutet. Taktgeber Frenkie De Jong (21) wechselt im Sommer für 75 Millionen Euro Ablöse zum FC Barcelona.

„Wenn man Real Madrid und Juventus besiegen kann, dann braucht man vor keinem Verein mehr nervös zu sein“, sagte im „De Telegraaf“ Patrick Kluivert, der Ajax 1995 zum Triumph über den AC Mailand geschossen hatte. Diesen Erfolg von vor 24 Jahren will Ajax nun wiederholen.

Vier Ex-Ajax-Profis bei den Engländern

Noch länger liegt Tottenhams letzter großer europäischer Erfolg zurück. In ihrem ersten europäischen Halbfinale seit 57 Jahren wollen die Londoner in ihrem brandneuen Stadion alles geben.

Kurioserweise steckt einiges von Ajax auch im Londoner Team. In Toby Alderweireld, Jan Vertonghen, Davinson Sanchez und Christian Eriksen spielen gleich vier ehemalige Amsterdamer für die Hotspurs, die im Achtelfinale Borussia Dortmund ausschalteten. „Wir kennen sie gut“, sagte Mittelfeldspieler Eric Dier. „Das ist ein riesiges Spiel“.

Und ausgerechnet vor diesen Festspielen hat Trainer Mauricio Pochettino Sorgen. In der Premier League ist der Vorsprung auf die Europa-League-Plätze am Wochenende nach dem 0:1 im Lokalduell gegen West Ham United geschmolzen.

Bei Tottenham fehlen Son und Kane

In der Königsklasse fehlen dem Argentinier seine beiden besten Torschützen: Harry Kane ist verletzt, der frühere Bundesliga-Profi Heung-Min Son darf gelb-gesperrt nicht ran. Die Mittelfeldspieler Harry Winks und Moussa Sissoko sind angeschlagen.

„Wir sind ein sehr konkurrenzfähiges Team, wenn wir bei vollen Kräften sind“, sagte Pochettino. Stress und Erschöpfung hätten sich aber zuletzt eingeschlichen.

Das kann man von Ajax nicht behaupten, für die sogar der vorletzte Spieltag in den Niederlanden zur Schonung verschoben wurde. „Ich habe immer gesagt, dass im Fußball alles möglich ist“, meinte Pochettino, „wenn du den Glauben und die Qualität hast.“