Formel 1

Der große Vergleich: Warum Silber glänzt und Rot stottert

Während Mercedes bestens in die Saison gestartet ist, sind Ferrari und Sebastian Vettel mit sich selbst beschäftigt. Wie kommt das?

Mercedes-Pilot Lewis Hamilton (l.) führt die WM-Wertung mit 68 Punkten an. Ferrari-Fahrer Sebastian Vettel liegt mit 37 Zählern auf Rang vier.

Mercedes-Pilot Lewis Hamilton (l.) führt die WM-Wertung mit 68 Punkten an. Ferrari-Fahrer Sebastian Vettel liegt mit 37 Zählern auf Rang vier.

Foto: Dan Istitene / Getty Images

Baku.  Es gibt einen guten Brauch in der Mercedes-Rennfabrik zu Brackley: Kaum beginnt die neue Saison, wird alles von den Wänden geholt, was an die Triumphe des vergangenen Jahres erinnert. So haben sie es auch vor dieser Formel-1-Saison gemacht.

Beim Herausforderer Ferrari ging die Reinigungsaktion schneller, da war nicht viel positives übrig. Nach drei Siegen in den ersten drei Rennen füllt sich der silberne Trophäenschrank schon wieder, bei Ferrari bleibt vor dem Großen Preis von Aserbaidschan vorerst nur die Warnfarbe als Wandfarbe.

Wird diesmal nicht gewonnen, auf einer Strecke, auf der Ferrari dank der langen Geraden wieder Favorit ist, dann drohen ernsthafte atmosphärische Störungen.

Wie ist es überhaupt um die Stimmungslage bei den ewigen Rivalen bestellt? Warum glänzt Silber, warum stottert Rot?

Die Chefs

Christian „Toto“ Wolff hat die Konzernmentalität erfolgreich durch seine Start-Up-Philosophien ersetzt. Mercedes ist weit lässiger, als sich Ferrari gibt, aber auch weit konzentrierter. Wolff gibt den verständnisvollen Charmeur nur so lange, wie das angepeilte Ziel erreichbar ist. Geht etwas schief, schaltet er sofort in den Arbeitsmodus um.

Mattia Binotto versucht momentan, die Misserfolge wegzulächeln. Auch er steht für einen modernen Führungsstil, aber bei aller zur Schau gestellten Entspannung ist dem Techniker der Druck anzumerken. Er versucht, dem ganzen Team eine analytischere Vorgehensweise zu verpassen.

„Die Technik hat höchste Priorität“, sagt er „wenn das Auto schnell ist, dann folgt der Rest automatisch.“ Ingenieurs-Denke statt Leidenschaft? Binotto muss nach dem innerhalb von ein paar Wochen erfolgten Stimmungswechsel unter Druck beweisen, wie effektiv und erfolgreich seine Arbeitsweise tatsächlich ist.

Die Fahrer

Mercedes hat offiziell keine Nummer Eins, bei Ferrari hat man sich zunächst auf Sebastian Vettel festgelegt. Während der Auftaktsieg von Valterri Bottas sogar beim Rivalen Lewis Hamilton Freude hervorrufen konnte, ist Charles Leclercs überraschende Form ein Angriff auf den Status des Heppenheimers.

Prompt ist die Scuderia durch die frühe Stallorder aus der Balance gebracht: Auf wen soll man setzen? Das scheint vor allem beim Vierfachchampion Vettel für Unruhe zu sorgen. Er kommt mit dem Auto noch nicht richtig klar, und er sieht das Vertrauen des Teams schwinden.

Mercedes Motorsportchef Christian „Toto“ Wolff, der solche Situationen seit dem Rosenkrieg zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg nur zu gut kennt, ahnt: „Ferrari öffnet da eine Dose mit Würmern...“

Das Selbstvertrauen

Mercedes agiert aus einer über die Hybrid-Ära hinweg entwickelten Dominanz. Daraus entsteht Souveränität, wenn es – wie bei den Wintertestfahrten – mal nicht läuft. Im Bewusstsein, nicht mehr das stärkste Auto zu haben, konzentriert sich die Truppe darauf, sofort bereit zu sein, wenn der Gegner schwächelt oder Fehler macht.

Das potenziert das eigene Ego automatisch wieder. Bestes Beispiel war der entscheidende Boxenstopp in China, als Hamilton und Bottas innerhalb von fünf Sekunden hintereinander abgefertigt werden konnten. Da darf man sich für abklatschen.

Ferrari ist durch den Machtwechsel von Maurizio Arrivabene zu Mattia Binotto zunächst zwar mit neuer Euphorie gestartet, aber noch nicht gefestigt.

Alte Seilschaften werden nach und nach gekappt, neue Strukturen müssen erst greifen. Dazu kommt die Enttäuschung: In Maranello war man insgeheim davon ausgegangen, die ersten Rennen alle zu gewinnen.

Die Firmen

Mercedes reitet seit drei Jahrzehnten erfolgreich seine Sportoffensive, die Vorstandschefs waren immer echte Racer. Wenn der scheidende Vorsitzende Dieter Zetsche, der in Shanghai den Sieg Hamiltons wie ein persönliches Abschiedsgeschenk empfunden hat, jetzt den Stab übergibt, wird die Rückendeckung nicht schwächer.

Der neue Daimler-Boss Ola Källenius war in Zeiten der Partnerschaft mit McLaren für die Rennmotoren verantwortlich, später wurde er Chef der Tuningsparte AMG.

Ferrari hat mit dem Schweizer Louis Camilleri einen neuen Machthaber, der vom Hauptsponsor des Teams kommt und sehr Formel-1-affin ist. Darüber thront Fiat-Erbe John Elkann. Nicht immer sind sich die beiden über die Richtung der Scuderia einig, beide aber wissen, wie prestigeträchtig das Engagement ist.

Die Technik

Die Mercedes-Erfolge sind Siege der Zuverlässigkeit. Ferrari soll angeblich 40 PS mehr Power haben, aber der SF90 ist nicht richtig in Balance, zickt bei der Reifennutzung. Durch die aktuelle Lage sind die italienischen Techniker in einer Zwickmühle.

Sie müssen noch mehr aus dem Auto herausholen, obwohl der Wagen vielleicht schon am Limit ist. Der starke Leistungszuwachs wird als Ursache für die mechanischen Kinderkrankheiten gesehen, eilig wurde ein Update für die Motorenelektronik nachgeschoben. Mercedes vertraut stoisch auf die Physik, experimentiert aber mit der Aerodynamik.

Dass der Silberpfeil, auch wenn er angeblich unterlegen ist, immer noch zum Siegerpfeil taugt ist für Technikchef James Allison eine „große Erleichterung“. Es geht darum, die Contenance zu bewahren: „Wir müssen über den Verlauf der Saison so viel an Leistung gewinnen, dass wir selbst dann vorn bleiben können, wenn sich mal kleinere Probleme auf der Strecke einstellen.“ Nachsatz: „Aber darin waren wir schon immer gut.“