Berliner Champions

Bei Ingo Hepner rast die Gefahr immer mit

Wie sich der Berliner vom Motor-Rennboot-Club Berlin nach einem schweren Unfall zurückkämpft und jetzt den EM-Sieg ins Visier nimmt.

Ingo Hepner in seinem Rennboot der 350er-Klasse. Der Blankenburger will Europameister werden.

Ingo Hepner in seinem Rennboot der 350er-Klasse. Der Blankenburger will Europameister werden.

Foto: Viesturs Lacis / Privat

Berlin. Das Einzige, woran sich Ingo Hepner noch erinnert, ist, dass er schnell unterwegs war. Ziemlich schnell sogar, rund 160 Stundenkilometer. 14 Tage vor dem nächsten EM-Lauf wollte er auf der Elbe noch einmal eine neue Einstellung seines Rennbootes testen. „Motor und Boot liefen sehr gut“, sagt Hepner. Doch dann erfasste ihn eine Windböe von vorn. Das Boot des Berliners hob ab, Hepner wurde herausgeschleudert. Kollegen retteten ihn schwer verletzt aus dem Wasser, kurzzeitig musste er sogar reanimiert werden. Rippen waren gebrochen, sein Knie schwer lädiert. Sein Boot dagegen hatte das Ereignis nahezu unversehrt überstanden.

Knapp drei Jahre ist das jetzt her. Und wenn nicht durch Zufall ein Campingtourist am Ufer das Ganze gefilmt hätte, wüsste Hepner bis heute nicht genau, was sich damals in der Nähe von Dessau abgespielt hatte. „Meine Erinnerung an den Unfall ist komplett gelöscht“, sagt er. Was sich im Nachhinein aber sogar als Vorteil herausstellen sollte. „Die Ärztin hat gesagt: ‘Was ich nicht weiß, das brauche ich erst gar nicht zu lernen, wieder zu vergessen’“, so Hepner.

Die Frage war: Würden die Hemmungen vor dem Tempo siegen?

Dennoch wollte er sich lieber erst einmal langsam wieder herantasten. Wollte herauszufinden, ob der Kopf noch mitspielt oder ob die Hemmungen nach dem Unfall doch zu groß wären, jemals wieder in ein Rennboot zu steigen. Zwei Runden lang hielt er in gemächlichem Tempo aus. Danach gab Ingo Hepner wieder Vollgas.

Von dem schlimmen Unfall hat sich der Blankenburger nicht ausbremsen lassen. Im Gegenteil: Die vergangene Saison war sogar die bislang erfolgreichste in der Karriere des 47-Jährigen vom Motor-Rennboot-Club Berlin. Als Vize-Europameister in der 350er-Klasse erreichte er 2018 seine beste internationale Platzierung, zudem wurde er erneut deutscher Vizemeister. In der 250er-Klasse belegte er in der Weltmeisterschaft Rang sechs.

Liegend mit Tempo 185 nur Zentimeter über dem Wasser

Ganz am Anfang jagte Ingo Hepner noch Modellboote über den See. Stolz berichtet er, wie er mit einem solchen Modell auf dem örtlichen Teich als Erster die 100-Stundenkilometer-Marke knackte. 2003 machte er dann Bekanntschaft mit den echten Rennbootfahrern. Und als ihn der amtierende deutsche Meister auf eine Probefahrt mitnahm, war seine Leidenschaft geweckt. Bald darauf machte Hepner selbst seine Rennlizenz. Relativ günstig kam er danach an sein erstes eigenes Speedboat. Die Modelle verkaufte er später. „Dafür hätte ich sowieso keine Zeit mehr gehabt.“

Das erste, was einem an dem Boot auffällt: Es gibt gar keinen Fahrersitz. Die Fahrer liegen bäuchlings in der Maschine. „Das ist ein bisschen wie beim Schlittenfahren“, meint Hepner. Es bedarf einer gewissen Überwindung, in dieser Position mit bis zu 185 Stundenkilometern (in der 250er-Klasse bis 165 km/h) über das Wasser zu rasen, das Gesicht nur wenige Zentimeter über den Wellen. „Wir fliegen quasi über das Wasser. Das ist schon eine ziemlich spezielle Perspektive“, sagt Ingo Hepner. „Aber genau das macht eben auch den besonderen Kick dieser Klasse aus.“

Ohne Tempolimit nur auf Elbe und Oder

Um erfolgreich zu sein, ist allerdings nicht nur Höchstgeschwindigkeit gefragt, sondern auch das richtige Fahrverhalten. „Ein Rennen gewinnt man in den Kurven und durch die beste Beschleunigung“, sagt Hepner. Die Steuerung wird dabei zur Ganzkörperaufgabe. Mit der rechten Hand lenkt der Fahrer das Boot, mit der linken gibt er Gas. Mit dem rechtem Fuß bedient er die Auspuffanlage, um so die Leistung anzupassen. Und mit dem linken Fuß kann er den Außenborder in der Höhe verstellen, so dass dieser tiefer im Wasser liegt und dadurch noch mehr Schub gibt.

Auf den Berliner Gewässern kann Ingo Hepner für diese komplexe Aufgabe nicht trainieren. Die einzigen Flüsse in Deutschland, auf denen Rennboote ohne Tempolimit fahren dürfen, sind die Elbe sowie zumindest teilweise die Oder. Jede Einheit muss deshalb aufwändig organisiert werden. Die neue Saison startet Ende April mit den ersten Trainingsläufen, einen Monat später geht es dann mit den Wettkämpfen los. Die Saison dauert bis Ende September, wenn auf dem Scharmützelsee südöstlich von Berlin der letzte EM-Lauf der 350er-Klasse ausgetragen wird.

Nach Platz zwei im Vorjahr jetzt EM-Sieg im Blick

Meist werden an einem Wochenende drei Läufe ausgetragen, zu denen jeweils bis zu 22 Boote gleichzeitig antreten. „Da kommt es schon einmal vor, dass es an den Bojen so eng wird, dass sich zwei Boote berühren“, sagt Hepner. Nach Platz zwei bei der Europameisterschaft im Vorjahr ist in dieser Saison der Titel das erklärte Ziel. Auch weil es danach zumindest in der 350er-Klasse sonst nicht mehr allzu viele Gelegenheiten gäbe.

Denn die Rennklasse wird 2021 abgeschafft, weil es in der Vergangenheit zu viele Unfälle gab, teils sogar mit tödlichem Ausgang. Auf den Booten ist deshalb auch immer die Blutgruppe des Fahrers aufgedruckt, damit die Sanitäter im Ernstfall schnell reagieren können. „Wenn etwas passiert, dann geht es meistens übel aus“, sagt Ingo Hepner. Nicht jeder hat einen solchen Schutzengel wie er damals, als er auf der Elbe plötzlich abhob.