Formel-1-Jubiläum

Der Mann, den sogar Michael Schumacher nicht einholte

Novum nach 1000 Rennen Formel 1: Surtees ist der einzige Rennfahrer, der Weltmeister auf dem Motorrad und im Königsklassen-Auto wurde.

Der Brite John Surtees 1964 in einem Ferrari.

Der Brite John Surtees 1964 in einem Ferrari.

Foto: imago sportfotodienst

Mit einer für ihn, dem Vernehmen nach typischen, weit ausholenden Armbewegung beorderte der kräftige Mann mit der getönten Brille im Ristorante Cavallino in Maranello den Kellner an seinen Stammplatz. Geordert wurden zu solchen Gelegenheiten Alkoholika mit der Bezeichnung Formel 1 für viel, Formel 2 für weniger und Formel 3 für fast gar keinen Promillegehalt. Firmengründer Enzo Ferrari gelüstete es an diesem Nachmittag im Herbst 1964 nach dem stärksten Getränk.

Der Mann, der diese Anekdote zum besten gab, und der sich vor 42 Jahren als Gast seines Teamchefs mit einem Formel-3-Getränk begnügt hatte, hatte gut eine Stunde zuvor das DTM-Pressezentrum der englischen Rennstrecke von Brands Hatch betreten – und seinen Platz neben dem Reporter eingenommen. Sein Name: John Surtees. Einziger Rennfahrer der Welt, der sowohl Formel-1-Weltmeister als auch Motorrad-Champion in der höchsten Klasse werden konnte. Ein Rekord für die Ewigkeit, der auch beim 1000. Formel-1-Rennen in der WM-Geschichte in Schanghai nicht in Gefahr gerät. Den auch Michael Schumacher trotz seiner Liebe zu Motorrädern (und Rennen in unterklassigen Serien) nicht überbieten konnte.

Surtees eröffnete von sich aus das Gespräch mit einem „So habe ich auch mal angefangen“. Grund dafür war ein Trainingsdurchgang in der Motorrad-Seitenwagen-WM, die im Rahmen der DTM durchgeführt wurde. Und er war dann, gelegentlich durch eine Frage unterbrochen, ein sensationell eloquenter Erzähler seiner Vita. Es machte ihm Spaß, auch weil der kleine Kreis um ihn herum begeistert zuhörte.

Disqualifiziert nach dem ersten Sieg, weil er da erst 14 war

Geboren am 11. Februar 1934 in Tatsfield (Grafschaft Surrey) bestritt Surtees mit 14 Jahren sein erstes Motorradrennen im Seitenwagen seines Vaters Jack, der sowohl Motorrad-Händler in Süd-London, als auch dreimaliger britischer Seitenwagenmeister war. Dem Sieg folgte die Disqualifikation - denn John war als 14-Jähriger nicht startberechtigt. Der Motorrad-Bazillus war aber da, denn auch von seiner Mutter Jane behauptete Surtees sie hätte besser Motorrad fahren als Kochen gekonnt. Parallel zur Ausbildung zum Zweiradmechaniker bei der britischen Traditionsfirma Vincent verlief die Rennkarriere von John Surtees in einer steil aufsteigenden Erfolgskurve. In insgesamt 76 Motorradrennen gelangen ihm 68 Siege, davon 39 bei absolvierten 49 WM-Starts - gleichbedeutend mit sieben Weltmeistertiteln. Alle für die italienische Nobelmarke MV Agusta, was ihm den Namen „Figlio del vento“ (Sohn des Windes) einbrachte.

„Ich habe mit meinen Motorrädern gesprochen, später auch mit meinen Autos“, ließ Surtees wissen und fügte hinzu: „Alles was man macht, muss man mit dem Herzen machen“. In seinem Hang zur Tüftelei oder besser seinem Drang das Material stets zu verbessern sahen ehemalige Weggefährten den Grund für seinen Erfolg. Stellvertretend an dieser Stelle Jackie Stewart, mit knapp 80 Jahren ältester noch lebender Formel-1-Weltmeister und zwischen 1965 und 72 Konkurrent um Formel-1-Meriten. „John war einer der die Gefahren der damaligen Jahre respektiert hat und trotzdem immer das Maximum herausholen wollte. Dabei haben ihm sein Gefühl für das Auto, vielleicht durch seine Motorraderfahrung, und sein technisches Wissen sicher geholfen. Er stand nicht gern im Mittelpunkt und war vielleicht gerade deswegen auch bei den Kollegen gut angesehen“, so der dreimalige Formel-1-Champion.

Der Wechsel von zwei auf vier Räder war typisch für Surtees und seine Art, Probleme zu lösen. Er geschah konsequent. „MV Agusta hatte zur Saison 1960 mein Programm gekürzt, mir aber gleichzeitig untersagt in England mit meinen eigenen Motorrädern zu starten. Sie fürchteten die Leute würden sagen `Surtees hat gewonnen, nicht MV Agusta´. Das hat mich geärgert“, so der Brite. Als naheliegende Lösung entpuppte sich ein Angebot des englischen Formel-1-Konstrukteurs Colin Champman (Lotus), der Surtees bei Formel-2-Rennen am Steuer gesehen hatte. 1960 wurde zu einem weiteren Alleinstellungsmerkmal für den „Sohn des Windes“.

John Surtees: „Damals ging das noch. Ich fuhr in der Motorrad-WM (am Ende des Jahres standen die WM-Titel in der 350er und 500er-Klasse, d.R.) und auch vier Formel-1-Rennen.“ Dabei gelang ihm in Silverstone Platz zwei und beim Portugal-Rennen die Poleposition.

Die Trennung von MV Agusta und der Einstieg in die Motorsport-Königsklasse waren zur Saison 1961 Fakt. Und wieder sollte Surtees seine größten Erfolge in einem italienischen Team feiern: Ferrari. Insgesamt 111 Formel-1-Rennen bestritt Surtees, gewann sechs, wurde zehnmal Zweiter und achtmal Dritter. Das Jahr 1964 endete mit dem WM-Titel mit einem Punkt Vorsprung gegenüber seinem Landsmann Graham Hill (40:39). Kurios dabei: Die letzten beiden Saisonrennen (USA und Mexiko) war Surtees` Ferrari weißblau lackiert, den Farben der North American Racing Teams, statt in Rot. „Es gab Streit zwischen Enzo und dem Italienischen Verband ACI über die Einstufung seiner Autos. Er war so wütend, dass er die umlackieren ließ“, erzählte Surtees von seinem „streitbaren“ Chef. Zwei Jahre später war das gute Verhältnis zu Ferrari Makulatur. Surtees kündigte mitten in der Saison 1966 und fuhr bis zum Großen Preis von England im Juli 1970 für Cooper, Maserati, Honda, BRM und McLaren. Dann erscheint er in Silverstone mit einem Eigenbau. Ohne Fortune und vor allem ohne ausreichend finanzielle Mittel. „Es war alles zu teuer und kompliziert geworden“, blickte Surtees auf die letzte Episode seiner Laufbahn zurück. Der deutsche Grand-Prix-Sieger Jochen Mass (72) fuhr 1973 und 74 als Debütant 13 Rennen für Surtees. Ohne zählbaren Erfolg. Dennoch zog er ein positives Fazit. „John war ein ausgesprochen guter Techniker und sehr erfahren. Ich war Neuling, konnte viel lernen.“