Profiboxen

Christina Hammer kann über Nacht ein Weltstar werden

In der Nacht zu Sonntag kämpft Hammer in den USA um die Chance ihres Lebens. Sie kann sogar Halmich weit in den Schatten stellen.

Christina Hammer kämpft in der Nacht um den Titel

Christina Hammer kämpft in der Nacht um den Titel

Foto: imago/Marianne Müller

Zehnmal zwei Minuten trennen sie davon, ein Weltstar zu werden. Zehnmal zwei Minuten, sollte er über die volle Distanz gehen, der Kampf ihres Lebens. Doch Druck, Lampenfieber, Versagensängste? Hat sie nicht. „Warum auch?“, fragt Christina Hammer, „ich habe die Chance, in den USA zu beweisen, dass ich die beste Boxerin der Welt bin. Das ist die Spitze meiner Karriere, darauf habe ich jahrelang hingearbeitet. Und nun freue ich mich einfach nur riesig darauf, endlich der Welt zeigen zu können, wer ich bin.“

Wer sie ist, diese Christina Hammer, die in der Nacht zum Sonntag (ca. 3 Uhr/DAZN) in der berühmten Boardwalk Hall in Atlantic City (USA) die zweifache Olympiasiegerin Claressa Shields (24) aus Flint (US-Bundesstaat Michigan) herausfordert, das ist selbst in Deutschland nur Box-Insidern bekannt. Auch wenn die 28 Jahre alte Mittelgewichtlerin (Klasse bis 72,6 kg), geboren in Kasachstan, aufgewachsen in Hessen und seit zwölf Jahren heimisch in Dortmund, seit fast neun Jahren WBO-Weltmeisterin ist und ihre gesamten 24 Profikämpfe gewinnen konnte, nimmt hierzulande kaum noch jemand Notiz vom Frauenboxen.

Die Zeiten, als der Hamburger Universum-Stall mit seiner Protagonistin Regina Halmich in den ersten Jahren dieses Jahrtausends im ZDF bis zu acht Millionen Fans vor die Bildschirme lockte, sind seit dem Ausstieg des ZDF 2010 und der Insolvenz Universums zwei Jahre später stetig schlechter geworden für die faustkämpfenden Frauen in Deutschland. Nicht dass es an erfolgreichen Sportlerinnen mangelt; mit Hammer und Tina Rupprecht (26/Augsburg) im Minimumgewicht (bis 47,6 kg) gibt es zwei Weltmeisterinnen. Die Berlinerin Nina Meinke (26) ist Europameisterin im Federgewicht (bis 57,2 kg), die Hamburgerin Susi Kentikian (31), lange Weltmeisterin im Fliegengewicht (bis 50,8 kg), wartet seit fast drei Jahren auf einen lukrativen letzten Kampf. Aber es gibt keinen Sender, der die starken Ladies zeigt, geschweige denn durchfinanziert.

Wer also große Kämpfe will, muss den Schritt ins Ausland wagen. International hat das Frauenboxen seit der Aufnahme ins olympische Programm bei den Sommerspielen 2012 in London einen Boom erlebt. Mit Claressa Shields, die als einzige Boxerin in London und Rio de Janeiro Gold gewann und dann Profi wurde, gibt es einen Superstar in den USA, an deren Status aber auch die Irin Katie Taylor (32) als Dreifach-Championesse im Leichtgewicht (bis 61,2 kg), die Mexikanerin Mariana Juarez (39) als WBC-Weltmeisterin im Bantamgewicht (bis 53,5 kg) und vor allem Cecilia Braekhus heranreichen. Die 37 Jahre alte Norwegerin, die im Weltergewichtslimit (bis 66,7 kg) an-tritt, ist die erste und bislang einzige Kämpferin, die die WM-Titel der vier bedeutenden Weltverbände WBA, WBO, WBC und WIBF hält.

Sie wird allerdings nicht die einzige bleiben. Auch die Siegerin des Duells Shields gegen Hammer darf alle vier Gürtel tragen. Kein Wunder also, dass der Kampf, der bereits im November 2018 geplant war, aber wegen einer Erkrankung Hammers verschoben werden musste, international große Beachtung findet und als historisch angesehen wird. „Es ist vielleicht der größte Kampf, den es im Frauenboxen jemals gab“, sagt Stephen Espinoza, Sportchef des US-Pay-TV-Giganten Showtime, der Shields‘ Kämpfe exklusiv zeigt, „vor allem aber ist es ein sportlich hochwertiger Kampf, der dem Männerboxen in nichts nachsteht. Wer sich für Boxen interessiert, der kommt an diesem Kampf nicht vorbei, denn er ist das Beste, was man aktuell anbieten kann.“

Tatsächlich ist der bisweilen inflationär gebrauchte Begriff „historisch“ angemessen für das Duell zweier unbesiegter Weltmeisterinnen, die alle vier Titel halten. Es gab 2001 das Duell zwischen Laila Ali und Jacqui Frazier, das große Beachtung fand, weil beide Väter einst große Schwergewichtschampions waren, aber das kein Titelkampf war. Es gab 2003 Alis K.-o.-Sieg über Christy Martin, damals in den USA eine sehr populäre Kämpferin. Andere Topstars wie die Niederländerin Lucia Rijker oder auch Regina Halmich warteten vergeblich auf den „signature fight“ – jenen Kampf, der aus einer großen eine Weltkarriere macht.

Dass Christina Hammer diesen Kampf nun bestreiten darf, freut Halmich sehr. „Zu meiner Zeit waren die vier großen Weltverbände gar nicht im Frauenboxen involviert. Ich habe mir immer gewünscht, eine internationale Topgegnerin in meiner Gewichtsklasse zu haben. Dass Christina diese mit Claressa nun hat, ist ein großes Glück, und ich wünsche ihr sehr, dass sie diese Chance nutzen kann, um unseren Sport auch in Deutschland wieder populärer zu machen“, sagt die 42-Jährige, die ihre Laufbahn im November 2007 beendete und heute als TV-Moderatorin, Motivations- und Fitnesscoach arbeitet.

Wie groß die Chance ist, in den USA zu gewinnen, darüber streiten sich die Experten. Während in Deutschland die meisten Insider Hammer als klare Außenseiterin einstufen, sehen internationale Beobachter den Kampf als Ansetzung auf Augenhöhe an. Halmich sagt: „Für mich ist Claressa aufgrund ihrer technischen Vorteile und ihres aggressiven Stils 60:40-Favoritin, aber ich würde Christina niemals abschreiben.“ Hammer selbst, die seit Jahren oft mit Männern Sparring macht und sich mit ihren Trainern Dimitri Kirnos und Nick Morsink in Österreich vorbereitete, glaubt, den Schlüssel zum Sieg in Shields‘ Defensive gefunden zu haben.

„Sie geht viel nach vorn, ist dabei aber offen. Ich muss immer in Bewegung sein und aus der Distanz mit dem Jab attackieren, dann werde ich siegen“, sagt sie. Ein Vorteil für die Deutsche ist, dass sie im Juni vergangenen Jahres bereits in den USA im Rahmenprogramm eines Shields-Kampfes boxte und siegte. „Ich habe mehrere Kämpfe von Claressa live gesehen. Wir haben sie analysiert, ich weiß genau, was mich erwartet und bin deshalb sicher, dass unser Plan aufgehen wird“, sagt sie.

In puncto Siegesgewissheit unterscheidet sich die 180 Zentimeter große Normalauslegerin also nicht von ihren männlichen (Ex-)Kollegen Wladimir Klitschko, Gennady Golovkin und Oleksandr Usyk, die sie als Vorbilder bezeichnet. Wohl aber darin, dass sie kein Problem damit hat, ihre Pläne über den anstehenden Kampf hinaus zu verraten, was bei Boxern aus Aberglauben oft verpönt ist. Gold bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio wäre ein weiterer Lebenstraum, den sie sich – und ihrem Coach Kirnos – erfüllen möchte. Aber als kommender Weltstar gelte es abzuwarten, welche anderen Angebote bei ihren Managern Christian Jäger und Tom Loeffler (der frühere Klitschko-Berater kümmert sich um das US-Geschäft) landen, zudem ist ein Rückkampf mit Shields unabhängig vom Ergebnis geplant. „Ich mag keine Zufälle, habe genau im Kopf, was ich will. Die einzigen Limits sind die, die man sich selbst setzt. Ich setze mir keine, meine Zeit kommt jetzt“, sagt sie. Es fällt schwer, ihr nicht zu glauben, dass sie es ernst meint.