Leichtathletik

Beim Berliner Halbmarathon jagt eine Frau sich selbst

Sifan Hassan will am Sonntag ihren eigenen Europarekord angreifen. Dabei könnte die Niederländerin sogar noch mehr erreichen.

Schon bei der EM im vergangenen August in Berlin gewann Sifan Hassan Gold  über 5000 Meter.

Schon bei der EM im vergangenen August in Berlin gewann Sifan Hassan Gold über 5000 Meter.

Foto: Martin Meissner / picture alliance/AP Photo

Berlin. Als sich die Topläufer zum Gruppenbild aufstellten, musste Mark Milde kurz intervenieren. „Sifan, geh’ du doch bitte in die Mitte“, sagte der Renndirektor des Berliner Halbmarathons in Richtung der Niederländerin Sifan Hassan. Zwar hatte die Bildgestaltung in dieser Situation vor allem ästhetische Gründe, doch sie war gewissermaßen auch sinnbildlich für das sportliche Geschehen in diesem Jahr.

Nachdem bei den Männern Vorjahressieger und Streckenrekordhalter Erick Kiptanui (Kenia) aufgrund einer Verletzung noch kurzfristig absagen musste, stehen bei Deutschlands größtem Halbmarathon dieses Mal nämlich vor allem die Frauen im Fokus.

Niederländerin gehört zur Laufgruppe des Amerikaners Alberto Salazar

Wobei auch diese Formulierung eigentlich nicht ganz korrekt ist. Tatsächlich liegt die ganze Aufmerksamkeit vor allem auf Sifan Hassan. Die 26-Jährige ist die klare Favoritin, das Rennen am Sonntag (10.05 Uhr) ganz auf sie ausgerichtet. „Wir haben bei den Frauen dieses Mal alles auf eine Karte gesetzt“, sagte Milde und drückte damit zugleich die hohen Erwartungen aus, die mit dem Start von Hassan in der Hauptstadt verbunden sind.

Erst im Februar hatte die gebürtige Äthiopierin, die zur Laufgruppe des US-Trainers Alberto Salazar gehört und als 15-Jährige einst als Flüchtling nach Holland kam, in Monte Carlo einen neuen Weltrekord über fünf Kilometer aufgestellt. Zuvor hatte sie im September 2018 bei ihrem Halbmarathon-Debüt in Kopenhagen auf Anhieb den elf Jahre alten Europarekord verbessert.

65:15 Minuten lief sie dort, womit sie auch nur 24 Sekunden von der Weltbestmarke (64:51) entfernt lag. Dabei habe sie sich im Vorfeld gar nicht speziell auf das Rennen vorbereitet – ganz anders als jetzt vor Berlin, als sie extra ein Höhentrainingslager absolvierte und sogar auf die Cross-WM verzichtete, obwohl sie doch so gern im Gelände läuft.

Kurs durch die Hauptstadt ist ideal für einen Rekordversuch

„Ich will den Weltrekord angreifen“, machte Sifan Hassan am Freitag keinen Hehl aus ihren Ambitionen. Zumindest der mittlerweile 13 Jahre alte Streckenrekord bei den Frauen, den immer noch die Kenianerin Edith Masai mit 67:16 Minuten hält, dürfte den Renntag kaum überdauern.

Schon Hassans erster Besuch in der Hauptstadt verlief im vergangenen Jahr erfolgreich, als sie bei der EM im Olympiastadion den Titel über 5000 Meter gewann.

Der Kurs des Halbmarathons sei schnell und flach und damit ideal für einen Rekordversuch, sagte sie, wenngleich Mark Milde später einschränkte, dass der geänderte Streckenverlauf womöglich doch „einen Tick langsamer“ sei als der bisherige, weil es auf dem Kaiserdamm nun leicht bergauf geht. Die Favoritin dürfte das jedoch kaum beeinträchtigen, kommt sie doch mit nahezu allen Gegebenheiten zurecht.

Eine deutsche Hoffnung kommt vom SCC

Hassan ist die vielseitigste Läuferin in der Weltspitze und auf sämtlichen Strecken von 1500 Meter bis zum Halbmarathon zu Hause, egal ob auf der Bahn, im Cross oder auf der Straße. Trainingstechnisch scheint sich das eigentlich zu widersprechen, doch Sifan Hassan widerlegt diese Theorie derzeit eindrucksvoll.

Sie dürfte am Sonntag kaum zu schlagen sein. Offener ist das Rennen bei den Männern, wo nach der Absage Kiptanuis dessen Landsmann Wilfrid Kimitei die besten Chancen hat, der eine Bestzeit von 59:40 Minuten aufweist.

Prominenteste deutsche Starter sind Philipp Pflieger, Richard Ringer und Lokalmatadorin Anna Hahner vom SCC.

So viele Teilnehmer dabei wie noch nie

Insgesamt sind 35.551 Teilnehmer gemeldet, so viele wie noch nie. Mit dabei ist auch der zweifache Ironman-Champion Patrick Lange, der zum ersten Mal einen Halbmarathon außerhalb eines Triathlons absolviert. „Für mich ist es ganz schön, quasi als Tourist hier zu sein“, sagte er. Dabei schaute er hinüber zu Sifan Hassan und fügte hinzu: „Ich werde sicher nicht einmal die erste Frau schlagen. Aber es wird bestimmt eine große Gaudi.“