Para-Sport

Robert Förstemann sattelt um

Der Bahnrad-Sprinter will jetzt als Pilot von Kai Kruse zu den Paralympics 2020. Platz sieben bei der WM war ein guter Einstand

Robert Förstemann (l.) ist jetzt die treibende Kraft von Kai Kruse. Die Para-WM in Apeldoorn ist ihr erster gemeinsamer Wettkampf

Robert Förstemann (l.) ist jetzt die treibende Kraft von Kai Kruse. Die Para-WM in Apeldoorn ist ihr erster gemeinsamer Wettkampf

Foto: BEAUTIFUL SPORTS/Oliver Kremervia www.imago-images.de / imago images / Beautiful Sports

Berlin. Es tut noch weh, wenn Robert Förstemann am Lenker zieht. Mächtig weh, aber er macht es trotzdem. Wenn er Pech gehabt hätte, sagten ihm die Ärzte, hätte er vielleicht gar nicht mehr ziehen können. Doch er hatte Glück, die Brüche nach dem schweren Sturz im Januar sind verheilt. Viel schneller als erwartet. Darum kann er wieder aufs Rad steigen, in die Pedale treten und beim Start am Lenker zerren. Jüngst bei der WM in Apeldoorn (Niederlande).

Wie bitte? WM? Die Bahnfahrer hatten ihre Titelkämpfe doch gerade in Polen. Stimmt, aber Förstemann (33) geht neue Wege. Er wechselt das Rad, fährt nicht mehr allein, sondern Tandem. Förstemann ist nun Pilot von Kai Kruse (27) und startete mit ihm bei der Para-WM über die 1000 Meter im Zeitfahren. Am Sonnabend hatten sie ihren ersten offiziellen Auftritt.

Die Anfrage kam überraschend

Die Erwartungen dafür waren noch bescheiden, auch bedingt durch die Verletzungspause, Platz acht peilten sie an, Rang sieben ist es geworden. Ein starker Einstand. „Danach geht es richtig los in Richtung Paralympics“, sagt Förstemann. Tokio 2020 also.

Ursprünglich wollte der Berliner Sprinter dort bei den Olympischen Spielen als klassischer Bahnfahrer antreten. Aber in den vergangenen Monaten hat sich viel verändert. „Ich war überrascht über die Anfrage. Die Entscheidung ist nicht von heute auf morgen gefallen. Ich habe seit vergangenen Sommer darüber nachgedacht und nach und nach gemerkt, dass es cool ist“, so Förstemann. Die Perspektive mit Kruse hat ihn überzeugt.

Neue Kombination mit viel Kraft in den Beinen

Der sehbehinderte Athlet gewann 2016 in Rio schon Bronze auf dem Tandem, damals mit Stefan Nimke, ebenfalls ein einst hoch dekorierter Bahnfahrer. Doch mit ihm und Kruse passte es nicht mehr, Kruse suchte einen neuen Partner. Und nach den ersten Runden mit Förstemann spürte er, dass sein Traum von paralympischem Gold Realität werden kann. „Mit Nimke habe ich länger gebraucht, um einen guten Tritt zu finden“, erzählt Kruse, der in Rangsdorf wohnt. Die schnelle Harmonie und die große Kraft in den muskulösen Beinen der neuen Kombination lassen die beiden in Optimismus schwelgen.

Zuversicht, sagt Förstemann, hätte er auch allein genug gehabt. Der Teamsprint war sein Metier, da gewann er 2012 schon Olympiabronze und war 2010 Weltmeister. „Das Anfahren ist nach wie vor ein Riesenproblem. Ich denke, ich hätte gute Karten gehabt, in Tokio dabei zu sein“, sagt Förstemann.

Der Wechsel soll etwas bewirken

Doch die neue Chance übte irgendwann einen zu großen Reiz aus. Der Para-Sport fristet eher ein Schattendasein in Deutschland. „Ich will da eine Vorreiterrolle einnehmen und den paralympischen Sport auf ein neues Niveau heben. Das macht es spannend. Mit dem Wechsel will ich ein Zeichen setzen“, erzählt Förstemann, der dem Para-Sport zu einer größeren Professionalisierung verhelfen möchte.

Dafür tritt er ebenso weiterhin allein in die Pedale. Zwar darf er nicht mehr als Solo-Sprinter bei Weltcups, WM oder Olympia fahren. Aber bei deutschen Meisterschaften oder Sechstagerennen wird er weiterhin im normalen Programm zu sehen sein. Außerdem soll er in Trainingslagern weiter mit dem Nationalteam zusammenarbeiten aufgrund der Anfahrerprobleme dort.

Gutes Beispiel für Inklusion

„Es ist wichtig, dass ich mich international messen und weiterentwickeln kann“, so Förstemann. Denn: „Das Tandem ist so ziemlich die einzige paralympische Disziplin, in der es auch darauf ankommt, was der Partner drauf hat. Das ist für mich das Paradebeispiel für Inklusion.“ Wozu das Duo mit den kräftigen Beinen fähig ist, will der Neu-Pilot zeigen, wenn es nicht mehr so weh tut beim Ziehen am Lenker.